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So schmeckt Hamburg - Vier Reporter und eine Aufgabe

An einem Tag drei Restaurants, Kneipen, Cafés und Bars in Hamburg testen und dabei höchstens 50 Euro ausgeben. Heutiger Tester: Thomas Andre.

Café Newport

Der Kaffee schießt nicht auf Knopfdruck in das Glas, das wäre überhaupt nicht State of the art: Die Bohnen werden im Newport („Caffee & Wein“) frisch gemahlen. Mit einer Siebträgermaschine, wie mir der Chef stolz erklärt. Der Latte Macchiato ist in jederlei Hinsicht gut, er macht wach und ist gut im Abgang. Weil der Sommer endlich im Angang ist, richten alle Sonnenhungrigen, die selbstverständlich auf der Außenbestuhlung Platz genommen haben, ihre Haltung auf den gelben Lustspender aus. Ist ein bisschen wie am Strand hier, man guckt sich nicht an den Tischen an, sondern versonnen in die Sonne.

Die Waitzstraße ist die Flaniermeile Groß Flottbeks, wenn man an der S-Bahn-Haltestelle Othmarschen aussteigt, fällt man direkt in die Einkaufsstraße, in denen inhabergeführte Geschäfte (der Mittelstand!) dafür sorgen, dass Geld und Waren den Besitzer wechseln. Schräg gegenüber ist ein Fleischereifachgeschäft, von denen gibt es ja viel zu wenige in Hamburg, wie lukullischen Freuden zugeneigte Zeitgenossen wissen.

Wer shoppt, will auch rasten – dafür ist das kleine Café mit der niedrigen Decke, das deutlich und sympathisch französelt („Was wünschen Sie, Monsieur?“) genau richtig. Es ist ziemlich beliebt in diesem bürgerlichen Stadtteil, der idyllisch liegt und gemächlich seine Tage herumbringt. Wenn Flottbek Koffeindoping braucht, ist das Newport ein sicherer Hafen: Latte für 2,90 Euro (groß: 3,80 Euro), Cappuccino für 2,70.

Ich tue mich an einem Croissant (1,40 Euro) gütlich. Croissants heißen hier, wie überall in Hamburg, Krossongs, die Bediensteten können das welsche Wort allerdings unfallfrei aussprechen. Zum Krossong also kann man sich auch Butter und Marmelade reichen lassen.

Ein süßes Frühstück kostet 4,10 Euro, ein klassisches (Aufschnitt, Käse, Butter) 7,10 Euro. Wer im Laufe des Tages Schmacht nach Deftigem haben sollte, bekommt hier belegte Baguettes (Salami, Parma-Schinken, Porchetta) ab etwa 4 Euro. Joghurt (mit Nüssen, Trockenfrüchten und Honig) gibt’s auch – für 4,50 Euro. Außerdem eine Käseauswahl und einen Vesper-Teller (je 9 Euro), französische Weine. Wie sagen die Franzosen? Savoir vivre! Die Flottbeker wissen, scheint’s, zu leben. Ich beneide alle Müßiggänger und Lustwandler, die durchs Quartier wandern und kurz in einem Café wie dem Newport verweilen dürfen. Vielleicht könnte man hier sogar den halben Tag sitzen, guckenderweise: Wie entspannt die hier alle durch die Gegend gehen! Aber ich muss weiter, Pech.

Newport Caffee & Wein, Waitzstraße 18. Öffnungszeiten Montag bis Sonnabend 8 bis 20 Uhr, Sonntag 9 bis 18 Uhr.

Fischereihafenrestaurant

Das Fischereihafenrestaurant steuert der Hamburger besonders gerne dann an, wenn Besuch in der Stadt ist. Man gibt ja auch gerne mit der eigenen Stadt an, und der Hamburger an sich (Stichwort: „Schönste Stadt der Welt“) leidet bestimmt nicht an mangelndem Selbstbewusstsein. Unten an der Elbe ist Hamburg ganz bei sich: Der Hafen hat die Stadt reich gemacht. Ort des Handels, Ort der Arbeit. Und des Tourismus, nebenan liegt das Altonaer Cruise Center.

Die „Aida“ ist wieder weg, Touristen sind aber immer noch da, sie wissen: Im gesetzt-stilvollen Fischereihafenrestaurant lässt sich gut speisen. Hier Fleisch zu essen (das gibt es auch, ja) wäre aber ein Sakrileg gegen den maritimen Standort Hamburg. Wer würde bestreiten, dass Essen auch etwas Quasi-Religiöses hat – und ich huldige dann auch meinem Seehechtfilet (mit Kartoffelsauerkrautstampf und brauner Zitronenkapernbutter, 13,50 Euro). Ich starre den Teller erst einmal an, weil nichts so sagenhaft lecker aussehen kann wie ein leicht angebratener Fisch. Er schmeckt dann auch so.

Er entstammt übrigens der Mittagstisch-Karte. Auf der sind die Gerichte etwas preiswerter als auf ihrer regulären Schwesterkarte, aber man muss schon sagen, dass die urdeutsche kulturelle Hervorbringung des „Mittagstischs“ – sie klingt nach Kantine und Bistro – hier ein Edel-Sternchen bekommt; ich würde jetzt gerne laut und vernehmlich „Mahlzeit“ sagen, lasse das aber lieber. Man fühlt sich glatt verführt, einen Weißen zu trinken, tut dies aber nicht. Dienst ist Dienst. Das große Wasser ist gleich eine ganze Flasche (7,50 Euro) und „feinperlig“, recht so, man kann nicht genug trinken.

Ich sitze an der Fensterfront, sie ist geöffnet. Ich höre Möwen und Schiffe, ich höre den Smalltalk der Geschäftsleute. Einer hat internationale Gäste. Die trinken Weizenbier zum Fisch, irritierend. Jeder nach seiner Façon. Persönliche Vorlieben müssen ja immer entscheiden: Hamburger Backfisch oder Schellfisch? Seehechtfilet oder Dorade? Oder etwa doch die gebratene Maispoulardenbrust? So oder so wird hier gehobene Küche serviert, das muss man wissen. Heißt auch, dass man sich im Fischereihafenrestaurant mit Sakko besser fühlt als ohne.

Als Vorspeise wird Räucheraal mit Schwarzbrot und Rührei gereicht. Weil ich so einen guten Eindruck mache, bekomme ich das sogar, obwohl ich es gar nicht bestellt habe – ein Gruß aus der Küche. Ich grüße in Gedanken zurück, betrachte das Fischereihafenrestaurant aber eh als eines meiner Fisch-Lieblingslokale in Hamburg. Die kleinen Fischimbisse an der Großen Elbstraße sind zwangloser, aber die Stilsicherheit des Restaurants, der Service und die formvollendete Gediegenheit (die Gemälde an den Wänden! Welch Fregattenherrlichkeit!) und das gute Essen zu vernünftigen Preisen – tja, das sind schon Argumente.

Die Speisekarte ist umfangreich, was Fischgerichte angeht; sie versammelt alles zwischen Labskaus (ab 9,50 Euro) und Hummer (28,50 Euro). Klassiker: Wildlachs (24 Euro) und Nordsee-Steinbutt (28,50 Euro). Ein Kitschgedanke: Wie wäre es jetzt, wenn ein Schiffskapitän in voller Montur hier reinmarschierte? Na, ein Fest für Touristen.

Fischereihafen Restaurant, Große Elbstraße 143. Warme Speisen täglich von 11.30 bis 22 Uhr, Freitag und Sonnabend bis 22.30 Uhr. Die Bar ist länger geöffnet.

3 Freunde Cocktailbar

Borniert Bier trinken geht so: Immer gleich auf der Getränkekarte schauen, ob es das Lieblings-Pils gibt. Sich ein bisschen die Laune vermiesen lassen, wenn ebendieses nicht ausgeschenkt wird. Ich gebe zu – ich bin ein Gerstensaft-Ultra. Ich trinke, wenn’s geht, immer nur Bier aus Bremer Brauereien. Langweilig? Langweilig. Aber ich halte Flaschen aus bremischer Fertigung für Säulen glückender Abende. Womit wir beim Thema wären, denn in der auf St. Pauli beheimateten Bar 3 Freunde (Clemens-Schultz-, Ecke Wohlwillstraße) gibt es die von mir favorisierten Biere nicht. Trotzdem habe ich hier schon gelungene Abende erlebt. Interessant.

Nun muss man wissen, dass die Bar eine Cocktail-Bar ist, in der sich die Barkeeper auf das Mixen alkoholischer Mischgetränke verstehen. Deswegen gehen viele hierhin. Ich nicht. Jedenfalls nicht in erster Linie. Das 3 Freunde vereint viel von dem, was eine gute Bar ausmacht. Sie liegt topografisch ansprechend. Sie hat einen Ausschank, den man von mehreren Seiten ansteuern kann. Es ist ein bisschen verranzt hier, aber nicht heruntergekommen. Es gibt Sofas. Sogar Autosessel. Man darf rauchen (heikles Thema).

In einer guten Bar läuft Musik, die nicht anstrengend ist. Es herrscht Palaver. Es wird auch mal eng. Nimmt man alle Bars auf diesem Planeten, addiert sie und teilt sie dann durch Totalität ihrer Öffnungszeit und die Menge ihrer Gäste, wovon wiederum die Gesamtheit der gesprochenen Worte subtrahiert wird, um sodann dies alles durch die Summe der geleerten Gläser zu dividieren – dann kommt am Ende 22.43 Uhr heraus. Das ist der Peak, der beste Moment eines Abends, er kommt auch im 3 Freunde immer um diese Uhrzeit.

Jetzt ist früher Abend, in der Garnitur lümmeln ein paar St.-Pauli-Menschen. Sie rauchen tatsächlich drinnen, obwohl das Wetter doch dazu einlädt, auf den Bierbänken draußen Platz zu nehmen. Da sitze ich mit Apfelschorle, und mein Blick fällt in die Ehrfurcht erweckende Cocktail-Karte: Systematisch listet sie „Osteuropa“, „Old School“, „Barkeeper’s Choice“, „New School“, „3 Freunde und Blaues Barhaus Classics“ und „Alkoholfreie Drinks“. Ich kenne jemanden, der hat schon einmal die „Gurkenkaltschale“ (Ouzo, Dill, Aquavit, Gurke, Zucker, Joghurt, 8,50 Euro) getrunken. Er hat es nicht nur überlebt, sondern sogar gemocht.

Ein Klassiker ist der „Seelbach“ (Elijah Craig Bourbon Whiskey, Cointreau, Peychoud & Angostura Bitters, Crémant, 10 Euro). Andere Mixturen heißen (Namen sind bei Cocktails enorm wichtig) „Sophisticated Amber Martini“ oder „Roiboos Vanilla Highball“. In der Getränkekarte versehen die 3-Freunde-Macher viele Cocktails mit launigen Kommentaren („Suppe? Drink? Vorspeise? Wen interessiert das schon?“). Gelungen ist auch die nicht-alkoholische Limo „Basil Lemon“, hergestellt mit Basilikum, Limette, Zucker und Soda (7 Euro). Sehr frisch. Was der routinierte Barbesucher weiß: Happy Hours lohnen sich gerade bei Cocktails.

Vis-à-vis dem 3 Freunde ist das St. Pauli Tourist Office. Also, ich würde jeden Kunden erst mal rüber ins 3 Freunde schicken. Ins 3 Freunde gehen Junge, Ältere, Studenten, Alternative, Hedonisten.

3 Freunde Cocktailbar, Clemens-Schultz-Straße 68. Ab 18 Uhr, Sonntag bis Donnerstag mindestens bis 1 Uhr, Freitag und Sonnabend bis 3 Uhr.

Thomas Andre ist Reporter im Kultur-Ressort