Busbeschleunigsprogramm

Traditionsladen am Siemersplatz gibt wegen Baustelle auf

Seit 16 Jahren führt Torsten Henck das Traditionsgeschäft Feinkost Behrmann am Siemersplatz. Wegen einer Dauerbaustelle gibt er nun auf – und wird zum Opfer des Busbeschleunigungsprogramms.

Hamburg. Fahrstreifen sind verschwunden, zehn bis 15 Parkplätze sind plötzlich weg, und erst vor kurzem gepflanzte Bäume werden wieder herausgerissen. Viele Geschäftsleute sind wütend, weil die Stadt am Siemersplatz für die Busbeschleunigung baut. Noch bis voraussichtlich Ende Oktober ist die belebte Kreuzung in Lokstedt – bis zu 90.000 Fahrzeuge sind hier täglich unterwegs – eine Großbaustelle.

Besonders hart getroffen hat es Torsten Henck. Er führt seit 16 Jahren das Traditionsgeschäft Feinkost Behrmann, das seit 102 Jahren eine Institution im Stadtteil ist. Jetzt gibt er auf: „Ich halte nicht noch einmal eine Dauerbaustelle direkt vor dem Laden aus. Zum Ende des Monats werde ich meinen Feinkostladen schweren Herzens schließen.“ Die Geschäfte seien in den Sommermonaten sowieso nicht die Besten, aber durch die lärmende Baustelle und die fehlenden Parkplätze, gebe es noch größere Umsatzeinbußen.

Die treuen Kunden sind traurig, und nun bleibt Henck nur noch der Ausverkauf. Zehn Prozent gibt es auf Champagner, auf Käsecracker 20 Prozent. Noch 2007 hatte Torsten Henck sein Geschäft aufwendig modernisiert, den Kredit von 50.000 Euro hat er noch lange nicht abbezahlt. Feinkost wird es hier in Zukunft wohl nicht mehr geben, denn einen Nachfolger konnte Torsten Henck bislang nicht finden: „Ein Dönerladen hatte Interesse, aber den möchte die Saga nicht als Mieter an diesem Standort haben.“

Eines wäre dem neuen Mieter sicher: Der Blick auf die Baustelle. Die Stadt verbaut hier am Siemersplatz rund vier Millionen Euro. Insgesamt investiert der Senat bis 2020 etwa 259 Millionen Euro in die Busbeschleunigung und will damit erreichen, dass Busse im Stadtverkehr schneller vorankommen. Bis 2016 sollen zunächst neuen Buslinien optimiert werden, bis 2020 insgesamt 14 Linien.

Auch für die Kunden ist die Baustelle ein Albtraum

Für den Siemersplatz haben sich die Planer einiges vorgenommen: Eine Busspur wird an der Kollaustraße und am Lokstedter Steindamm eingerichtet. Für Rechtsabbieger aus der Kollaustraße soll der Fahrstreifen verlängert werden. Die Spur für Linksabbieger aus der Kollaustraße wird hinter die Kreuzung verlegt. Der Streifen für Linksabbieger aus dem Lokstedter Steindamm wird über die Osterfeldstraße geführt.

Doch wenn es nach den Geschäftsleuten am Siemersplatz und CDU-Wirtschaftsexperte Carsten Ovens geht, könnte sich die Stadt dieses Vorhaben sparen: „Diese Baustelle ist für die Geschäftsleute und Kunden am Siemersplatz ein Albtraum. Damit die Busse im Endeffekt ein paar Minuten schneller sind, werden wegen der Bauarbeiten Existenzen bedroht und Hunderte Millionen Euro verpulvert.“

Erst im vorigen Jahr seien die Anlieger wegen der Verlegung der Bushaltestelle durch eine Baustelle belästigt worden, und jetzt ginge alles wieder von vorne los, klagt Ovens. Der Bezirksabgeordnete aus Lokstedt übt scharfe Kritik an der zuständigen Verkehrsbehörde: „Es ist offensichtlich versäumt worden, die Anlieger umfassend über das Ausmaß dieser Großbaustelle zu informieren. Eine von der CDU geforderte öffentliche Informationsveranstaltung wurde von der SPD abgelehnt.“ Die SPD-Bezirksfraktion habe stattdessen beantragt, Hinweistafeln aufzustellen, sagt Ovens.

Bei den Geschäftsleuten und den Kunden am Siemersplatz gibt es eigentlich nur noch ein Thema: die Baustelle. Auch Optiker Helmut Sadler – seit 33 Jahren mit seinem Geschäft am Siemersplatz – ist nicht glücklich über die Bauarbeiten für die Busbeschleunigung: „Ich finde das Verhalten der Stadt unmöglich. Hier wird Geld für eine sinnlose Sache verplempert und wir Kaufleute leiden darunter“, sagte Sadler. Überhaupt habe es vorher kaum Informationen von der Stadt über das wirkliche Ausmaß der Bauarbeiten gegeben.

Drei Container versperren die Sicht auf den Fahrradladen

Die Folgen erlebt Jörg Bullerjahn nun auch hautnah vor seinem Geschäft. Auf dem Parkstreifen stehen drei Container und versperren den Blick auf sein Zweirad-Center: „Schön ist das nicht. Aber zum Glück bleiben die Kunden nicht weg und wissen, wie sie uns trotz Baustelle am besten erreichen“, sagt Bullerjahn.

Unterdessen kann die Verkehrsbehörde die Aufregung am Siemersplatz nicht nachvollziehen: „Die Anlieger wurden im Vorfeld umfassend über die geplanten Bauarbeiten im Zusammenhang mit der Busbeschleunigung informiert“, sagte Sprecherin Helma Krstanoski und nennt einige Beispiele: „Die Bauabläufe wurden in diversen Ausschüssen der Bezirksversammlung und den Gewerbetreibenden persönlich vorgestellt. Anfang Mai haben die Anwohner und Gewerbetreibenden ausführliche Informationen zu den Bauarbeiten in Form einer Broschüre in ihren Briefkästen erhalten“, sagt die Behördensprecherin.