Gerichts-Kolumne

Richter glaubt nicht an Märchen von „Kinderpornos aus Versehen“

Pornosüchtig und auf illegalen Abwegen: Ein 53-Jähriger hatte hunderte Videos auf seinem Computer gehortet. Vor Gericht stellt er sich als unschuldig dar

Blankenese. In der unbegrenzten Weite des Internets ließ er sich immer wieder davontragen. Etliche Stunden täglich trieb der Mann sich im Netz herum, auf der Suche nach dem ultimativen Kick, dem ganz besonderen erotischen Erlebnis, wild und virtuell zugleich. „Ich würde mich als pornosüchtig bezeichnen“, lautet das erstaunlich lakonische Bekenntnis von Erich L. (Name geändert). Wenn es allein das Verlangen nach Erfüllung üblicher sexueller Fantasien wäre, bliebe das sicher auch die ganz private Angelegenheit des 53-Jährigen. Doch unter den riesigen Mengen von Bildern und Filmen mit erotischem Inhalt, die der Hamburger auf seinem Rechner gehortet hatte, befanden sich auch solche mit geradezu widerlichem Inhalt, die Ermittler auf den Plan riefen. Und die den Mann nun als Angeklagten vor das Amtsgericht gebracht haben.

Er wünschte sich am liebsten ganz weit weg. Die tiefen Falten in der hohen Stirn, der gebeugte Rücken, der klägliche Ausdruck im Gesicht – alles an Erich L. spricht Bände darüber, wie unwohl sich der Mann angesichts der Vorwürfe fühlt, er habe 379 Bilder mit Kinderpornografie und weitere 13 mit jugendpornografischem Inhalt auf seinem Computer aufbewahrt. Teilweise wurden die Kinder laut Anklage auch bei sexuellen Handlungen mit Erwachsenen dargestellt. Einige der gepeinigten Opfer waren demnach sogar noch unter fünf Jahre alt.

Erich L. klagt mit weinerlicher Stimme

Alles Zufall, alles ungewollt, alles schrecklich – das ist die Botschaft, die der Familienvater transportieren will. „Mir war zu keinem Zeitpunkt bewusst, dass sich auf der externen Festplatte meines Computers kinderpornografische Inhalte befanden“, lässt der Angeklagte von seinem Verteidiger vortragen. Er habe über einen gewissen Zeitraum „fast jeden Abend etliche Pornos angesehen und runtergeladen“, räumt der 53-Jährige ein. Er sei zwar „pornosüchtig, habe aber kein Interesse an Kinderpornos“, betont Erich L. Er habe seinerzeit bestimmte Seiten geöffnet. „Da erschienen plötzlich rund 50 Fenster, dabei waren auch Kinderpornos, die habe ich alle weggeklickt.“ Weiter habe er damit nichts zu tun. So wenig ihn die Sache interessiere, so massiv habe sie sein Leben beeinträchtigt, klagt er mit weinerlicher Stimme. Seit der Durchsuchung bei ihm zu Hause sei er in psychologischer Betreuung wegen Depressionen, so sehr belaste ihn das Verfahren.

Doch aus Versehen und gegen den Willen des eifrigen Nutzers können nach Überzeugung eines Sachverständigen die kinderpornografischen Inhalte nicht auf den Computer des Angeklagten geraten sein. Er habe etwa 10.000 gelöschte Pornos auf dem Rechner des 53-Jährigen entdeckt, erläutert der Gutachter. Der Anteil der Kinderpornografie habe rund 12,5 Prozent betragen. Er habe etwa 600 Gutachten erstellt, so der Diplominformatiker, und führe Statistiken. Der Anteil von Kinderpornos an der gesamten Pornografie im Internet betrage etwa 0,1 Prozent, die vorliegenden 12,5 Prozent seien demnach überproportional hoch. „Ein so hoher Anteil ist nach meiner Einschätzung nur durch gezieltes Vorgehen und gezielte Suche möglich“, bilanziert der Sachverständige. Auch als Pop-ups seien Kinderpornos kaum zu beschaffen. „Das war in Deutschland immer strafbar.“

„Ich liebe Kinder“, sagt er. „Ich hatte alles gelöscht“

Doch der Verteidiger hat noch Einwände. Es müsse noch genau geklärt werden, auf welcher der Dateien es sich tatsächlich um Kinder unter 14 Jahren handele und bei welchen es Jugendliche unter 18 seien. Da gebe es doch bei diversen Bildern erhebliche Zweifel, dass die abgebildeten Personen nicht schon Erwachsene seien, bemängelt er. Ob er denn wirklich darauf bestehe, jedes einzelne der 379 Bilder genau zu analysieren, möchte der Amtsrichter vom Anwalt wissen. „Es geht auch darum: Was will der Angeklagte?“ Ein weiteres Gutachten würde auch weitere Kosten verursachen, warnt der Richter. Erich L. nickt matt. „Ich bin finanziell am Ende“, haucht er. „Ich liebe Kinder, ich hatte alles gelöscht. Ich möchte einfach wieder ein normales Leben führen“, wünscht er sich.

Eine Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu 15 Euro verhängt der Richter am Ende. „Ich bin überzeugt, dass Sie die entsprechenden Dateien heruntergeladen haben“, macht der Richter klar. „Sie haben bestimmte Anbieter angeklickt, auf diese Seiten kommt man nicht so ohne Weiteres, da muss man gezielt danach suchen.“ Dass der Angeklagte von seinem Tun betroffen sei, „nehme ich Ihnen ab. Aber es ist auch meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Sie in Zukunft die Finger davon lassen. Es ist eine Industrie, die dahinter steckt, und diese Industrie gehört gekillt. Und vor allem müssen die Kinder geschützt werden.“