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Die neue Welt der Bücherhallen in Langenhorn

Seit der Bücherturm in Langenhorn vor 50 Jahren eröffnete, hat sich das Angebot von Grund auf gewandelt. Heute hat der Bücherturm rund 30.000 Medien im Bestand.

Hamburg. Lene findet Computer, E-Books, sogar die Schalter an ihrem CD-Player völlig uninteressant. Zu viel Technik. Ihre große Leidenschaft sind Bücher. Mit ihrer Mutter geht die Fünfjährige regelmäßig in die Bücherhalle in Langenhorn, um neuen Lesestoff auszuleihen. Fünf bis sieben Bücher mindestens im Monat. Der "Bücherturm" am Langenhorner Markt feierte am Donnerstag sein 50-jähriges Bestehen, und auch in Zeiten von digitalen Medien sind Hamburgs 36 städtische Bibliotheken beliebt: Im vergangenen Jahr kamen 4,8 Millionen Besucher - es werden stetig mehr. Zugleich müssen sich die Bücherhallen gewaltig umstellen: Die Nutzung von digitalen Medien wird immer wichtiger.

Als die Bücherhalle Langenhorn im Mai 1963 eröffnet wurde, damals noch im Bürgerhaus Tangstedter Landstraße, gab es einen Bestand von 16.000 Büchern. Die beliebtesten Bücher waren "Die Nacht von Lissabon" von Erich Maria Remarque und "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth. Heute hat der Bücherturm 30.000 Medien im Bestand, und zurzeit sind "Der Gefangene des Himmels" von Carlos Ruiz Zafón und "Er ist wieder da" von Timur Vermes die Renner. "Das Buch spielt nach wie vor eine große Rolle", sagt Dieter Keidel, Leiter des Bücherturms, "vor allem bei Kindern und Jugendlichen." Zwei Drittel der entliehenen Medien seien Bücher, obwohl Spielekonsolen, DVDs, CDs oder E-Books hinzugekommen sind. Die ganz Kleinen, die Zwei- oder Dreijährigen, kämen mit ihren Eltern, um sich Bilderbücher auszuleihen. "Auch wenn die Kinder andere Medien nutzen, sind Bücher beliebt", sagt Lehrerin Christel Maiwald von der Grundschule Eberhofweg, die an diesem Tag mit ihrer dritten Klasse im Bücherturm ist. Kinder aus bildungsfernen Familien, sagt sie, läsen genauso gern, wenn man sie an Bücher heranführe.

"Selbstverständlich spielen auch bei uns digitale Medien eine immer größere Rolle. Wir haben den Etat dafür extra verdoppelt", sagt Hella Schwemer-Martienßen, Direktorin der Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen. Die Ausleihe von E-Medien hat sich im vergangenen Jahr gegenüber 2011 mit einem Plus von 97 Prozent verdoppelt. Die Bücherhallen bieten rund 120 Online-Kurse auf ihrer E-Learning-Plattform an, mehr als 28.000 digitale Bücher, Filme, Zeitschriften und Musiktitel und haben nach eigenen Angaben damit die umfangreichste virtuelle Öffentliche Bibliothek Deutschlands. Hinzu kommt kostenloses WLAN.

Elf Prozent der Deutschen lesen bereits digitalisierte Bücher, vor zwei Jahren war der E-Book-Markt nicht einmal halb so groß. Seit der Eröffnung der ersten Bücherhalle Hamburgs an den Kohlhöfen in der Neustadt 1899 hat sich viel getan: In absehbarer Zeit, davon gehen die Fachleute aus, werden die Hälfte aller Titel als E-Books veröffentlicht. Probleme bereiten den Bibliotheken die Lizenzvergaben: "Es müssen über die Rechte des Verleihs mit jedem einzelnen Verlag Lizenzverhandlungen geführt werden", so Bücherhallen-Sprecher Markus Franke.

Bei der E-Ausleihe lädt der Kunde das Medium herunter. Nach einer gewissen Zeit läuft die Ausleihfrist wie bei einem Papierbuch ab - das Buch lässt sich nicht mehr öffnen. Beliebig viele Exemplare der einzelnen digitalen Bücher oder Zeitungen gibt es in der Bücherhalle nicht. Der Grund: "Es gibt bisher nur wenige multiple Lizenzen", so Franke. Besonders nachgefragt werden E-Books aus der Belletristik, Unterhaltung und populären Sachliteratur.

Nur Grund zum Jubeln gab es bei den Bücherhallen in den vergangenen Jahren nicht: Standorte wurden geschlossen oder zusammengelegt, Personal musste abgebaut werden. Doch Markus Franke sagt: "Wir sind weiterhin dabei uns zu modernisieren." So sollen die Bibliotheken kundenfreundlicher werden und möglichst barrierefrei. Die Bücherhalle Jenfeld zieht um und eröffnet am 25. Juli neu am Berliner Platz 1.

Der große Wunsch von Direktorin Hella Schwemer-Martienßen: Ein Zusammenschluss der Bücherhallen Fuhlsbüttel und Langenhorn zu einer Nordbibliothek. "Statt zwei beengter Bibliotheken könnten sich in einer großen auch Gruppen treffen. Es wäre ein Anziehungspunkt für Schulen, Kitas und bürgerschaftliches Engagement." Fehlen nur noch freie Flächen.