Drama bei Dersimspor Harburg

Von Tor erschlagen: Landet der Fall im Sportausschuss?

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Nico Binde, Jendrik Niebuhr und André Zand-Vakili

Die Polizei versucht, den Hergang des tragischen Unfalls zu ermitteln, bei dem der sieben Jahre alte Effi ums Leben kam. Verein Dersimspor hat alle sportlichen Aktivitäten abgesagt.

Harburg. Vor dem Tor zum Sportplatz liegen Blumen. Die moderne Harburger Anlage wirkt verwaist. Drei Tage nach dem tragischen Tod des sieben Jahre alten Effi, der auf dem Sportplatz an der Baererstraße von einem Fußballtor am Kopf getroffen wurde, dauern Trauer und Entsetzen an. Die Polizei versucht jetzt, den genauen Hergang der Tragödie zu ermitteln.

Bislang heißt es, dass der Junge in das Tor gelaufen sei, als es aufgerichtet werden sollte. Diese Version gilt es aus Ermittlersicht zu hinterfragen. Denn die Verletzungen, die der kleine Junge durch das Tor erlitten hatte, waren so schwer, dass die Schädeldecke des Kindes zertrümmert worden war. Die eingesetzte Notärztin hatte das Kind nach der Versorgung am Unglücksort bereits unter Reanimationsbedingungen ins Krankenhaus Mariahilf gebracht, von wo aus es weiter ins Kinderkrankenhaus Altona kam. Dort konnte nur noch der Tod des Jungen festgestellt werden.

Der Unfall hatte sich am Freitagabend gegen 20 Uhr ereignet. Vorher hatten die Jungen der C-Jugend vom Verein Dersimspor auf dem Kunstrasenplatz trainiert. Der Trainer, so hieß es, habe noch einmal drei Jungen aus der Umkleidekabine zurück auf das Spielfeld geschickt. Sie sollten die mobilen Tore aufrichten, die beim Training zuvor hingelegt wurden, um auf kleinere Toröffnungen zu spielen. Beim Aufrichten der Tore sei es dann zu dem Unglück gekommen. Eine der Ecken hatte Effi offenbar mit großer Wucht am Kopf getroffen.

Der Siebenjährige, der ebenfalls bei dem Verein in der F-Jugend spielte, soll den größeren Jungs beim Training zugeschaut und später mit einem Freund noch etwas Fußball auf dem Spielfeld gespielt haben. Dabei soll der Junge in das Tor gelaufen sein. Ob es beim Aufrichten umfiel ist noch unklar. Hauptkommissar Holger Vehren betonte, das bislang gegen keine Person ermittelt werde. Man gehe von einem tragischen Unfall aus. Welche Rolle Fahrlässigkeiten bei dem Unglück spielten, ist allerdings Gegenstand der aktuellen Ermittlungen.

Zeugen berichten, dass Erwachsene, die zu dem Verunglückten geeilt waren, zunächst vergeblich versucht hätten, die starke Blutung am Kopf des Jungen zu stillen. Nachdem bekannt wurde, dass der Junge das Unglück nicht überlebt hatte, habe große Betroffenheit geherrscht. Angehörige des Kriseninterventionsteams des Deutschen Roten Kreuz kümmerten sich nicht nur um Familienangehörige, sondern auch um mehrere Jugendliche und Kinder, die das Unglück miterlebt oder mitbekommen hatten. Am Sonnabend war das Tor von ihnen vom Platz gerollt und in eine hintere Ecke des Sportplatzes gebracht worden. Dort wurden auch Blumen und Kerzen für den toten Jungen abgelegt und aufgestellt. Nach ersten Angaben des Vereins soll das Tor nicht wieder benutzt werden.

Verein in Kontakt mit Effis Eltern

Jörg Fenske, Jugendkoordinator von Dersimspor e. V., zeigte sich erschüttert über den Unfall: "Der Verein befindet sich im Trauerzustand - wir sind in Kontakt mit den Eltern von Effi." Auch Dr. Cengiz Sevinc, der erste Vorsitzende des Harburger Vereins, stehe "unter Schock". Er mahnte jedoch gleichzeitig, die Privatsphäre aller Beteiligten zu respektieren.

Der Pressesprecher des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV), Carsten Byernetzki, formulierte sein Mitgefühl. Fragen bezüglich mangelnder Sicherheitsvorgaben des Verbandes wollte er jedoch nicht beantworten oder gar aufwerfen. Dass Jugendliche der C-Jugend das mehr als hundert Kilogramm schwere Aluminium-Tor aufrichten sollten, ließ er unkommentiert.

Frank Fechner, Vorsitzender des Eimsbütteler Turnverbandes e. V., wolle den Vorfall nicht kritisieren. Generell sei es aber eine "schwere Aufgabe für 13-Jährige". Selbst drei kräftige Erwachsene würden sich mit solch einem Tor schwertun. "Wir wollen aus dem tragischen Vorfall in Harburg lernen und werden die Sicherheitsvorkehrungen bei unserer nächsten Vereinssitzung thematisieren", sagt Fechner. Bisher gebe es keine formalen Anweisungen an Trainer und Trainingsleiter.

Frank Schira, sportpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, will aus dem Unglück keine sportpolitischen Forderungen ableiten. "Dafür ist es zu früh, die Umstände sind noch ungeklärt, das wäre jetzt unangemessen." Er sei vorrangig "entsetzt" über den tragischen Unfall. "Mir fehlen die Worte." Im Namen seiner Fraktion sei er in Gedanken bei der Familie des Verunglückten. Er bedauere den Unfall zutiefst.

Ähnlich äußerte sich die sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Juliane Timmermann: "Es ist ganz furchtbar, was da geschehen ist. Ich bin bestürzt über den Tod des Jungen. Aus diesem Unglück allerdings vorschnell Forderungen nach mehr Sicherheit zu stellen, wäre falsch." Noch sei überhaupt nicht klar, was genau passiert ist.

Sollte sich eine neue Faktenlage ergeben, sagte Christiane Blömeke, sportpolitische Sprecherin der Grünen, müsse der Fall sicher im Sportausschuss besprochen werden. Bisher deute aber alles auf einen "tragischen Unglücksfall" hin , dessen Umstände erst einmal geklärt werden sollen. "Vor allem ist es aber schrecklich und erschütternd", sagt Blömeke. "Vor allem, weil nun schon das zweite Hamburger Kind beim Sport, einer eigentlich guten Sache, ums Leben gekommen ist." Der 13-jährige Lorenz war erst vor wenigen Wochen beim Rudern auf der Alster gekentert und ertrunken.

Der Harburger Sportplatz, der zu einem der modernsten Hamburgs zählt und erst 2011 nach einer umfassenden, rund 600.000 Euro teuren Sanierung wieder eröffnet wurde, bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Der Verein hat zunächst alle sportlichen Aktivitäten abgesagt. Auf dem Platz und vor dem Tor wurden über Pfingsten Blumen und Kerzen für das tote Kind niedergelegt.

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