Ledigenheim Rehhoffstraße

Das "spannendste Wohnprojekt" von Mitte

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Friederike Ulrich

Junge Hamburger wollen das Ledigenheim an der Rehhoffstraße übernehmen. Aus der vermeintlichen Träumerei junger Weltverbesserer ist ein Projekt mit ernsthaften Erfolgsaussichten geworden.

Hamburg. Wird aus dem Ledigenheim an der Rehhoffstraße ein fortschrittliches Wohnprojekt? Ihrem Ziel, das denkmalgeschützte Gebäude vom dänischen Eigentümer Core Property zurückzukaufen und als gemeinnützige Einrichtung weiterzuführen, ist die soziale Initiative Ros e. V. jedenfalls ein gutes Stück nähergekommen. Auf einer Veranstaltung, auf der sie das Vorhaben erstmals öffentlich vorstellte, lobte Bezirksamtsleiter Andy Grote (SPD) das Vorhaben als "spannendstes und mutigstes Projekt in Mitte". Auch Core Property zeigte sich beeindruckt. Vorstandsmitglied John Bødker reiste eigens an, um der jungen Initiative einen Scheck über 25.000 Euro zu überreichen. Damit legte der Investor selbst den Grundstock für den Kaufpreis von 2,1 Millionen Euro, den er für das 120-Zimmer-Haus verlangt.

Aus der vermeintlichen Träumerei junger Weltverbesserer ist damit ein Projekt mit ernsthaften Erfolgsaussichten geworden. Bis Oktober hat die Initiative Zeit, das Geld für das Ledigenheim durch eine große Spendensammel-Aktion aufzubringen. "Wir glauben fest daran, dieses Ziel mithilfe von Hamburgern, Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen zu erreichen", sagen die Initiatoren Antje Block und Jade Jacobs. Sie setzen dabei auf das Netzwerk der vielen Unterstützer, die sie für ihr Projekt gewinnen konnten - darunter Michel-Pastor Hartmut Dinse, Museumsdirektorin Kirsten Baumann, Stadtteilhistoriker Michael Joho, Mieter- und Wohnungslosenverbände, Künstler und Stadtplaner.

"Für den Kauf und eine erste Sanierung benötigen wir etwa drei Millionen Euro", sagt Jade Jacobs. Der 35-Jährige hat mit seiner früheren Kommilitonin Antje Block, 32, die Arbeitsgruppe Rehhoffstraße initiiert. "Wir wollen unser Leben mit Tätigkeiten verbringen, die wir sinnvoll finden", erklären sie. Sie schlossen sich mit Gleichgesinnten zusammen, die in verschiedenen Bereichen der Kultur-, Bildungs- und Sozialarbeit aktiv sind, und gründeten den Verein Ros. "Wir sind eine Plattform für Initiativen, die sich künstlerisch, kreativ und philosophisch für eine bessere Welt engagieren", so Jacobs. Spinnerte Weltverbesserer seien sie aber nicht, betont er, eher Realos. Wären sie von einer Idee überzeugt, arbeiteten sie auch mal sieben Tage die Woche jeweils 14 Stunden - zielstrebig und durchstrukturiert, ohne Partys.

Seit 2008 hat der Verein Erdgeschossräume im Männerwohnheim angemietet. Dort veranstaltet er Musikabende, Nähkurse für Kinder, Elektro-Workshops oder Nachbarschaftstreffen. Besonders beliebt ist die "Voküisine": Gegen eine Spende gibt es vegetarische Mahlzeiten. Auch Naturschutz ist der Initiative ein Anliegen - sie unterstützt einen Schäfer, bei dem Schafe und Ziegen ihr Gnadenbrot bekommen, betreut ein Bienenvolk im Karoviertel und demnächst ein Urban-Gardening-Projekt in der Neustadt.

Schon bald weckten auch die Bewohner des Männerwohnheims, meist ehemalige Seeleute, ihr Interesse. "Zuerst kam mal einer mit einem Brief, den er nicht verstand, oder mit einer Telefonrechnung, später entstand zu vielen eine persönliche Beziehung", erinnert sich Jacobs. Manche der Bewohner leben seit mehr als 40 Jahren in einem der Acht-Quadratmeter-Zimmer. Ihre Erzählungen von dem Leben in der Einrichtung, die einst als Vorbild genossenschaftlichen Wohnens galt, interessierten Jacobs und Co. Früher hatte es Gemeinschaftsräume gegeben und einen Kiosk, eine Gaststätte, einen Pförtner, Reinigungskräfte und Wäscheservice - die Dienstleistungen waren in der günstigen Miete enthalten. "Diese traditionelle Wohnform könnte durchaus eine Antwort sein auf die Herausforderungen von heute, wo immer mehr Menschen im Alter vereinsamen und die Mieten drastisch steigen", sagt Jacobs. Antje Block und er recherchierten im Stadtarchiv zur Geschichte des Männerwohnheims, besuchten das von einem Verein betriebene, gut funktionierende Pendant in München, und richteten eine Internetseite ein (www.rehhoffstrasse.de). Sie trafen auf viele Menschen, die sich bereits mit der Frage beschäftigt hatten, wie man das Ledigenheim an der Rehhoffstraße erhalten könnte: im Bezirksamt, in der Politik, in der Kirche St. Michaelis und bei den Sozialverbänden.

Nachdem Core Property frei werdende Zimmer nicht mehr vermietet hatte und vom Bezirk aufgefordert worden war, etwas gegen den Leerstand zu unternehmen, zogen Wohnungslose, Drogensüchtige und Alkoholiker ins Haus (wir berichteten). Streit und Gewalt waren an der Tagesordnung - und die Initiative überlegte, sich aus dem Projekt zurückzuziehen. Doch der Idealismus gewann. Ihr Konzept für die Nutzung des Männerwohnheims hat die Arbeitsgruppe Rehhoffstraße in einer Broschüre beschrieben und mit liebevollen Zeichnungen ergänzt. Gewünscht sind ein achtsamer Umgang mit den Bewohnern, ein gewaltfreies Umfeld und die Wiederherstellung der hausinternen Dienstleistungen und Gemeinschaftseinrichtungen. Die Trägerschaft wollen sie selbst übernehmen. "Wir fühlen uns dem Haus und seinen Bewohnern gegenüber verantwortlich", sagt Antje Block. "Ein externer Träger würde es wohlmöglich nicht in unserem Sinne führen."

Eine Stiftung soll ein langfristiges Fortbestehen des Männerwohnheims im Bezirk Mitte ermöglichen, das sich künftig aber ohne Zuschüsse von der Stadt selber tragen soll. "Wir brauchen nur die Anschubfinanzierung", sagt Antje Block. Ein Risiko gehe niemand ein. Werde das Ganze ein Flop, erhalte jeder sein Geld zurück.

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