Interview

Zwei Hamburgerinnen, eine schwäbische Mundart-Serie

| Lesedauer: 10 Minuten
Martina Goy

Ausgerechnet zwei Hamburgerinnen prägen eine schwäbische Mundart-Serie. Die eine ist die Regisseurin, die andere Schauspielerin in der Serie „Die Kirche bleibt im Dorf“, die ab Montag im SWR startet.

An diesem Montag beginnt im SWR die Serie „Die Kirche bleibt im Dorf“ nach dem gleichnamigen Kinofilm von Ulrike Grote, 49. Schauspielerin Karoline Eichhorn, 47, spielt darin die Bauerntochter Christine Rossbauer. Ein Gespräch über Heimat und Wurzeln und warum die Humorgrenze nicht zwischen Nord und Süd verläuft.

Welt am Sonntag: Frau Eichhorn, Frau Grote, wenn wir über Heimat und Wurzeln reden. Was verbinden Sie damit?

Karoline Eichhorn: Orte, die mir etwas bedeuten, sind Heimat. Wurzeln, das sind für mich Freunde. Ich stelle mir eine Pflanze vor, die aus den Wurzeln im Boden Wasser aufnimmt, Nahrung und damit Kraft gewinnt. Deshalb sind Wurzeln für mich wichtige Menschen, aus deren Dasein ich Nahrung aufnehme. Oder so …

Ulrike Grote: Das hast du super formuliert. Das kann ich nicht besser.

Welt am Sonntag: Sie sind beide Nomaden von Berufs wegen. Wo ist Ihre Heimat?

Eichhorn: Heimat ist da, wo ich herkomme. Ich bin in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Das Land Baden-Württemberg und Stuttgart sind meine Heimat. Das spüre ich tatsächlich. Dort gehe ich gern hin und gern wieder weg.

Welt am Sonntag: Wie spürt man Heimat?

Eichhorn: Heimat ist da, wo ich mich aufgesogen fühle. Hier in Hamburg fühle ich mich sehr wohl. Aber in Stuttgart, da bin ich selbstverständlich, geradezu konturlos. Vielleicht ist es ja auch diese Sprache, die einen breit macht. Dieses „anders Miteinandersein“. Man fügt sich, egal wie lange man weg war, wie ein Puzzlestück nahtlos ein.

Grote: Ich habe keine Wurzeln und keine Heimat. Früher habe ich immer gesagt, mich hat der Esel im Galopp verloren. Ich bin in Bremen geboren, aber wir sind kurz darauf nach Pforzheim gezogen. Dort bin ich aufgewachsen, dort bin ich an diese total andere Sprache geknallt. Heimat ist für mich, wo ich bin. Momentan ist das Hamburg. Aber wenn ich unten im Süden drehe, dann ist es Ludwigsburg. Tatsächlich könnte man mich überall absetzen. Ich würde immer etwas finden, womit ich mich nach einer Weile verbunden fühlte.

Welt am Sonntag: Die meisten Menschen meinen Familie, wenn sie von Wurzeln reden …

Eichhorn: Welche meinen Sie, die Ursprungsfamilie, oder die, die man irgendwann selbst gründet?

Welt am Sonntag: Das ist doch egal, oder?

Eichhorn: Das glaube ich nicht. Es ist ein Unterschied. Da sind wir wieder bei den Wurzeln von vorhin: Es sind die Menschen. Ich habe keine besonders große Familie, aber ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Sie gehören auf jeden Fall zu den Wurzel-Menschen.

Grote: Ich habe nur noch meine Mutter. Mein Vater ist seit zehn Jahren tot. Leider.

Welt am Sonntag: Um im Bild zu bleiben, brechen Wurzeln weg, wenn Eltern sterben?

Grote: Nicht Wurzeln. Es sind enge Verbindungen, die abbrechen. Der Tote bleibt in meinen Erinnerungen trotzdem mein Mensch. So denke ich an meinen Vater, der mich in Gedanken begleitet.

Welt am Sonntag: Ist es wichtig für Sie, Spuren zu hinterlassen? Sie haben beide Kinder …

Eichhorn: Ich empfinde es so, dass ich zumindest versuche, Spuren zu hinterlassen. Man ist, wie man ist, und ich bin wie ich bin mit Überzeugung. Und das versuche ich, weiterzugeben.

Grote: Ob ich das so konsequent geschafft habe, weiß ich nicht. Mein Sohn ist ja schon erwachsen. Wenn ich Paul ansehe, finde ich mich und seinen Vater natürlich wieder. Trotzdem bleibt er ein eigenständiger Mensch.

Welt am Sonntag: Was hat er von Ihnen?

Grote: Ich war früher wahnsinnig kritisch. Wenn mir beispielsweise etwas am Theater nicht gepasst hat, dann konnte es passieren, dass ich Türen knallend rausgelaufen bin. Paul ist da ähnlich. Mit der Zeit wird man gelassener, das wird ihm sicher auch so gehen.

Welt am Sonntag: Haben Sie manchmal gedacht, werd bloß nicht wie deine Mutter?

Eichhorn: Das lässt sich nicht vermeiden. Eltern sind von der ersten Sekunde für ihre Kinder da. Deshalb sind die ersten Jahre so prägend. Man kann sich noch so aufbäumen, wehren, einen Cut machen, irgendwann kommt man wieder zusammen, bringt sich in die Verbindung ein und merkt, das ist mein Erbe.

Welt am Sonntag: Sind Familienstorys deshalb so beliebt, weil man sich erkennen kann?

Grote: Höchstwahrscheinlich. In den meisten meiner Geschichten ist viel Abschied und auch Tod enthalten. Mich interessieren Brüche. Ich mag Gratwanderungen. Außerdem haben meine Geschichten viel mit den Schauspielern zu tun. Ich versuche, ihnen die Geschichten auf den Leib zu schreiben.

Eichhorn: Viele Zuschauer haben uns über „Die Kirche bleibt im Dorf“ gesagt, genauso ist es! Genauso geht es bei uns zu in meinem Dorf!

Welt am Sonntag: Funktionieren Konflikte in der Großstadt anders?

Grote: Nein, eigentlich sind es dieselben, aber man muss sie natürlich anders erzählen. Ich wollte unbedingt auf dem Land drehen. Zwei Dörfer, die sich nicht vertragen, das hat so viel Potenzial.

Welt am Sonntag: Muss man in Ihrem Job ein guter Menschenbeobachter sein, oder reichen Geschichten aus zweiter Hand?

Grote: Mein Sohn hat oft gesagt, du klaust, Mama. Er hat gemerkt, dass ich auch bei ihm Dinge abgeguckt habe, als er noch klein war.

Welt am Sonntag: Fallen einem Schauspieler Rollen leichter, wenn er sich in ihnen wiedererkennt?

Eichhorn: Man muss einen Zugang haben, das heißt, ich muss Bock haben auf den Charakter. Dabei ist es egal, ob ich als Mensch nah dran bin oder nicht. Ich habe aber mehr Lust, Rollen zu spielen, die ganz weit weg sind von mir.

Welt am Sonntag: Ihren Kinofilm haben manche Kritiker als Heimatfilm abgetan, der auf einer Erfolgswelle mitschwimmt.

Grote: Was ist daran schlecht?

Welt am Sonntag: Mainstream?

Grote: Ich mache ja keinen Kinofilm, damit sich zehn Leute ins Kino verirren und davon noch fünf einschlafen.

Eichhorn: Es ist doch toll, wenn Menschen Lust haben, einen Film zu gucken! Ich glaube allerdings nicht, dass Schwäbisch schwätze auch außerhalb Baden-Württembergs so funktioniert.

Welt am Sonntag: Weil der Humor im Norden anders ist als im Süden?

Grote: Das finde ich nicht. Der trockene Humor im Norden ist dem schwäbischen ähnlich. Das Problem ist eher, dass man einander wegen des Dialektes nicht versteht.

Eichhorn: Ich habe dennoch das Gefühl, dass Norddeutsche noch weniger sprechen, dass ihr Humor noch knapper ist. Und wir haben mehr und schönere Schimpfwörter.

Welt am Sonntag: Ich habe eines gelesen, das Sie, Frau Grote, am Set am liebsten benutzten? Eine Version lautet: Hurtichhurtichherrgottsbemberleamol!

Grote: Großartig, oder?

Welt am Sonntag: Dennoch leben Sie beide schon ziemlich lange im spröden Hamburg?

Eichhorn: In Stuttgart wird man gegängelt, beobachtet, zurechtgewiesen, man ist ständig Kommentaren ausgesetzt. Man kann einfach nicht sein, wie man ist. Im Vergleich dazu wird man in Hamburg viel mehr in Ruhe gelassen. Die Stadt hat ein sehr lebenswertes Umfeld. Es macht Sinn, hier zu leben.

Grote: Ich bin gern in Pforzheim, besuche meine Mutter oder Freunde. Aber Hamburg ist meine Wahlstadt. Meine Erfahrung ist, Städte mit Wasseranbindung sind viel offener. Ich würde innerhalb Deutschlands nicht mehr umziehen. Weder nach Berlin und schon gar nicht nach München. Wenn, dann käme für mich nur New York infrage.

Welt am Sonntag: Manche sagen, für eine Metropole sei Hamburg zu provinziell?

Eichhorn: Genau diese Mischung mag ich. Hier gibt es keinen Stress.

Welt am Sonntag: Warum?

Eichhorn: Die Menschen sind nicht so erpicht darauf, alles mitzukriegen. Das Mehr macht gestresst.

Grote: Berlin ist viel anstrengender. Eine Woche dort und ich bin total geschafft. In Hamburg ist alles überschaubarer. Außerdem habe ich hier alles: Theater, eine wahnsinnige Kunsthalle, Kinos. Ich mag diese Stadt und ihre Ruhe.

Welt am Sonntag: Und wie ist der Hamburger als Theaterzuschauer? Sie haben gerade in den Kammerspielen „Wir lieben und wissen nichts“ gespielt?

Eichhorn: Das hängt vom Theater ab. In den Kammerspielen sind die Zuschauer ein sehr dankbares Publikum, am Thalia und Schauspielhaus eher kritisch. Ihre Erwartung ist eine andere.

Grote: Das stimmt. Ich erinnere mich an meine Zeit am Schauspielhaus, eine harte Zeit. Wir erlebten damals drei oder vier Intendanten. Und jedes Mal, wenn einer weg war, dann war erst mal Ebbe. Da konnte man machen, was man wollte.

Welt am Sonntag: Aber wenn man das Herz des Hamburgers erobert, hat man es für immer?

Grote: Ich kann nur sagen, als Theaterpublikum haben die Hamburger zu wenig eigene Meinung. Wenn eine Zeitung schreibt, ein Stück ist schlecht, dann gehen sie nicht hin. Das geht gar nicht, dass Theaterkritiker Stücke runterschreiben!

Welt am Sonntag: Für die Fortsetzung des Kinofilms drehen Sie nun auch in Hamburg?

Grote: Ja, und es kommt ein norddeutscher Charakter dazu.

Welt am Sonntag: Verraten Sie den Namen?

Grote: Nein. Ich muss den Kollegen erst noch überzeugen, dass er mitmacht. Aber es wird auf jeden Fall ein Mensch, der Dialekt spricht.

Welt am Sonntag: Damit sich der Kinofilm auch außerhalb Baden-Württembergs verkauft?

Grote: Ob das ausreicht, weiß ich nicht. Aber ich wünsche mir natürlich, dass sich möglichst viele Menschen auf meine Geschichten einlassen.

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