Prozess in Hamburg

S-Bahn-Schläger verhöhnt Opfer vor Gericht

Studenten am Hauptbahnhof ins Gleis gestoßen. Angeklagter gesteht Beteiligung und sagt: "Er war nervtötend laut und auch voll besoffen."

Hamburg. Die Nacht zum 10. November 2012 wird Michael T. nie vergessen. Fast hätte er sie nicht überlebt. Der Student der Volkswirtschaft steht gegen 4.40 Uhr im Hauptbahnhof, Gleis 4. Plötzlich trifft ihn ein wuchtiger Faustschlag am Hinterkopf. Er taumelt, prallt mit dem Kopf auf die Gleise, verliert das Bewusstsein. Eine S-Bahn fährt in diesem Moment ein und rast auf den 29-Jährigen zu, der regungslos im Gleisbett liegt.

Sein Glück: Am Bahnsteig fuchteln umsichtige Zeugen mit den Armen. Der Zugführer leitet geistesgegenwärtig eine Vollbremsung ein. Im letzten Augenblick kommt die S-Bahn zum Stehen - nur wenige Zentimeter vor Michael T. Der 29-Jährige, der mit Platzwunden, einer Gehirnerschütterung und zwei gebrochenen Halswirbeln ins Krankenhaus eingeliefert wird, hat ein zweites Mal Glück: Eine Querschnittslähmung, von der die Ärzte zunächst ausgehen, bleibt ihm erspart.

Zuvor hatte es eine Schlägerei zwischen Täter und Opfer gegeben. Zwei 23 Jahre alte Männer, Ercan A. und Hakan T., müssen sich seit diesem Donnerstag vor dem Landgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten, Haupttäter Ercan A. zusätzlich wegen versuchten Totschlags. Gegen einen dritten Beteiligten, Osan A., 19, ist separat Anklage erhoben worden. Die Staatsanwaltschaft legt Ercan A. noch eine weitere Tat zur Last: Ohne jeden Grund soll er Anfang Juni 2012 einen Mann am Millerntorplatz bewusstlos geschlagen haben. Am kommenden Mittwoch will er nach Angaben seiner Verteidigerin ein Geständnis ablegen.

Hakan T. äußert sich schon zum Prozessauftakt zum Vorwurf. Der Haupttäter und er kennen sich seit mehr als zehn Jahren, vor einem Jahr haben sie sich als Container-Entlader selbstständig gemacht. Am 10. November, gegen Mitternacht, treffen sich die drei Freunde auf dem Kiez, trinken harte Drinks. Um 4.30 Uhr nehmen sie an der Reeperbahn eine Bahn der Linie S 1. Wie üblich am Wochenende ist sie brechend voll, die Stimmung aufgeheizt, Nachtschwärmer wollen nach Hause. So wie Michael T., der auf dem Kiez eine Kunstausstellung besucht hat. Und selbst schon stark betrunken ist.

"Nervtötend laut" habe der 29-Jährige in der Bahn über Fußball schwadroniert und Lieder gesungen, sagt Hakan T. Seine Gruppe, aber auch andere Fahrgäste, hätten Michael T. "gebeten", leiser zu sein - ohne Erfolg. Als er Ercan A. "mit voller Absicht" ein Bier über die Hose geschüttet habe, sei die Situation eskaliert. "Osan ist gleich auf ihn los und hat ihn geschlagen", sagt Hakan T.

Michael T. habe sich dann auf einen Sitz gestellt, habe getreten und um sich geschlagen, während Ercan A. auf ihn eingeprügelt habe. "Ein paar Kicks trafen auch Ercan", sagt er. "Ich glaube, Herr T. schrie noch um Hilfe." Er habe Ercan A. dann von ihm wegziehen wollen, als Michael T. am Boden lag. "Dabei habe ich wohl ein- oder zweimal aus Versehen seinen Kopf berührt", sagt Hakan T. "Absichtlich getreten habe ich ihn jedenfalls nicht." Etwas anders klingt das in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Von mehreren "massiven Tritten" gegen Kopf und Körper ist da die Rede. Und davon, dass die Schläger erst von ihrem Opfer ablassen, als andere Fahrgäste dazwischen gehen.

Michael T. will sich im Hauptbahnhof auf einer Bank ausruhen - aber seine Peiniger haben offenbar noch immer nicht genug. "'Da ist er', schrie Osan", erinnert sich Hakan T. Ercan A. habe den 29-Jährigen, der sich in Sicherheit bringen wollte, quer über den Bahnsteig verfolgt - und dann Michael T. im Sprung "eine Faust gegeben". "Herr T. kippte sofort um, der war auch voll besoffen", sagt Hakan T. Während das Trio das Weite sucht, ziehen Zeugen den Schwerverletzten vom Gleis zurück auf den Bahnsteig. Michael T. hat keine Ahnung, wie knapp er mit dem Leben davongekommen ist.

"Ein Mann hielt mich im Arm und sprach beruhigend auf mich ein - dass alles gut werden wird. Dann wurde mir wieder schwarz vor Augen", sagte der 29-Jährige kurz nach der Tat zum Abendblatt. Ercan A. versucht indes noch, seine Spuren zu verwischen. Aus Angst vor einer Identifizierung durch die Videoüberwachung tauschen er und Hakan T. ihre Jacken. Kurz darauf sitzen sie in der S-Bahn. "Über die Sache haben wir so gut wie gar nicht geredet", sagt Hakan T. Der Vorsitzende Richter Joachim Bülter mag das kaum glauben.

Wenige Stunden nach der Tat stellt sich Osan A. der Polizei, am Nachmittag nehmen die Beamten Ercan A. fest, als er gerade in Wilhelmsburg Fußball spielt. Seither sitzt er in U-Haft. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er den Tod seines Opfers wenigstens billigend in Kauf genommen hat.

Hakan T. wirkt gefasst, seine Stimme dünn, als er über all das spricht. Über die Schläge, die Tritte, den Stoß ins Gleisbett. "Ich hatte nach dem Sturz schon Angst, dass er tot sein könnte", sagt der 23-Jährige. "Warum haben Sie dann Herrn T. nicht geholfen?", fragt die Staatsanwältin. Hakan T.:"Ich springe doch nicht in die Gleise, wenn eine S-Bahn kommt." Heute wird Michael T. dem Gericht seine Version erzählen.