Der Hamburger Handelskonzern will seine Präsenz im weltweiten Netz stärken. Umsatz im digitalen Bereich soll auf acht Milliarden Euro steigen.

Hamburg. Der Otto-Konzern hat zur Vorstellung seiner Pläne im Internet einen ungewöhnlichen Ort gewählt, eingeladen wurden die Journalisten zu e.ventures an der Nobeladresse Hohe Bleichen. Die Otto-Tochter, eine Beteiligungsgesellschaft für Internetfirmen, sitzt zwar in einer 1a-Lage in der City und residiert zudem in stuckverzierten, hochherrschaftlichen Räumen. Gleichzeitig aber herrscht die für Start-ups typische lockere Atmosphäre. Als Möbel dienen bunte Plastiksessel und Sitzsäcke, und dem legeren Stil entsprechend hat Rainer Hillebrand an diesem Tag auch auf die Krawatte verzichtet. Der E-Commerce-Vorstand des Hamburger Konzerns tut derzeit offenbar alles, um Werbung zu machen für den Weg seines Arbeitgebers in die Welt des World Wide Web. Für die Strategie, die aus dem Versender einen dynamischen digitalen Konzern formen soll, welcher Internetgrößen wie Amazon oder Zalando das Fürchten lehrt.

300 Millionen Euro will Otto im Wettkampf mit den Konkurrenten bis 2015 für die Entwicklung des E-Commerce einsetzen, verriet Hillebrand am Freitag Einzelheiten zu der Größenordnung der Internetoffensive. Der Umsatz im elektronischen Handel soll im gleichen Zeitraum von 5,7 auf acht Milliarden Euro steigen. Der Internethandel sei seit Jahren der Wachstumstreiber für die Gruppe mit ihren Marken wie Otto, mytoys, Manufactum oder SportScheck. Der Umsatz im digitalen Bereich legte im vergangenen Geschäftsjahr um 400 Millionen Euro zu. Die Online-Umsätze der rund 60 E-Commerce-Shops stehen für 57 Prozent der Handelsumsätze bei Otto, in Deutschland sind es 62 Prozent.

"Die Otto Group ist wie kaum ein anderer Anbieter in der Lage, die gesamte Wertschöpfungskette im E-Commerce abzudecken", sagte Hillebrand. Dabei gehe es um weit mehr als die bloße Online-Präsenz der klassischen Versender wie Otto oder Baur. Im Handelsbereich verzahne Otto die verschiedenen Absatzkanäle. So seien zum Beispiel bei SportScheck-Filialen, Online-, Mobil- und Tablet-Shops vernetzt. Eine wesentliche Säule seien zudem handelsnahe Dienstleistungen. Das reicht von der Logistik bis zu Finanzierung und Auftragsabwicklung, die Otto auch anderen Firmen anbietet.

Im Sommer startet als nächstes Projekt Yapital, eine neue Bezahllösung im Handel, nicht nur im Internet. Mit Yapital bietet Otto zunächst bei Sportscheck ein Bezahlinstrument an, das mit dem bekannten Paypal im Internet konkurriert und sich noch durchsetzen muss. Aber nicht nur bei der Bezahlung setzt Otto auf intern entwickelte Lösungen. Auch die Internetshops programmiert der Konzern jetzt mit mehr als 100 eigenen Softwarespezialisten.

Mit insgesamt 60 Mitarbeitern kreieren Benjamin Otto, Sohn des Aufsichtsratschefs Michael Otto, und Tarek Müller zudem einen neuen Internetshop, der Mode und Lifestyle zum Wohnen für junge Frauen anbieten soll. Das Projekt mit dem Namen Collins wird eine eigene Marke in der Otto-Gruppe bilden und ist mit einer zweistelligen Millionensumme ausgestattet.

Hillebrand betonte, der langjährige Vorstandschef Michael Otto fordere die "digitalen Themen stark ein". Zugleich wolle der Konzern das Wachstum in diesen Bereichen profitabel und nachhaltig gestalten. In der Branche wird derzeit immer wieder diskutiert, ob der Otto-Konzern bei seinen Internetinvestitionen einen zu kurzen Atem habe und nicht die nötige Geduld aufbringe, wenn sich neue Geschäftsmodelle nicht gleich rechnen. Derzeit gilt bei Otto ein Zeitraum von fünf Jahren, innerhalb derer junge Sparten operativ in die schwarzen Zahlen kommen müssen. Zum Vergleich: In den Internetshop Zalando, der Otto im Modebereich starke Konkurrenz macht, stecken die Investoren seit Jahren etliche Millionen in die Werbung, in die internationale Expansion. Zalando ist bereits in mehr als einem Dutzend Ländern aktiv, arbeitet aber unter anderem wegen der hohen Retourenquote noch immer nicht profitabel. Wird sich diese Strategie der prominenten Samwer-Brüder, die auch Start-ups wie city deal oder myvideo gefördert haben, irgendwann auszahlen?

Bei Otto verfolgt man diese Frage naturgemäß mit großem Interesse, und e.ventures war nicht zufällig Gastgeber der Presserunde am Freitag. E.ventures bildet den wichtigsten Ableger bei den Investitionen von Otto in Internetfirmen. Seit 2008 hat der Konzern unter anderem über e.ventures mehr als 8000 Möglichkeiten aus 25 Ländern zur Beteiligung an Start-ups überprüft. 250 Millionen Euro wurden bereits investiert. Etwa in ein Internetauktionshaus für Kunst und Antiquitäten und einen Weinhandelsshop im Netz. Hillebrand sieht diese Form der unternehmerischen Feldforschung als wichtige Früherkennung für Trends, von denen Otto hofft, eines Tages profitieren zu können: "Das ist unser Seismograf für neueste Entwicklungen."