Hamburger Abendblatt:

Können Sportwetten zur Spielsucht führen?

Dr. Tobias Hayer:

Mit Sportwetten, insbesondere Live-Wetten, geht ein durchaus hohes Suchtpotenzial einher. Gerade im Internet locken vielfältige, reizvolle Spielangebote rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, auf zahlreichen Plattformen. Zudem meinen viele Spieler, ihr Wissen in schneller und einfacher Weise zu Geld machen zu können; dabei wird die eigene Kompetenz jedoch erheblich überschätzt. Vor allem Jugendliche sind besonders gefährdet, in diese "kognitive Falle" zu tappen.

Was macht die Spielsucht so gefährlich?

Hayer:

Grundsätzlich ist die Spielsucht eine sehr teure Erkrankung mit vielen negativen Folgen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Hierzu zählen zum Teil massive Verschuldungen inklusive der Privatinsolvenz, ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko, Beschaffungskriminalität und das Abgleiten in die soziale Isolation. Außerdem suchen nur relativ wenige Betroffene professionelle Hilfsangebote auf - aus Scham oder weil sie ihre eigene Situation bagatellisieren und geheim halten.

Woran können Eltern erkennen, ob beispielsweise ihr 16-jähriger Sohn in Gefahr ist, spielsüchtig zu werden?

Hayer:

Das Erkennen ist im Allgemeinen viel schwieriger als bei anderen Suchterkrankungen, da offensichtliche Warnhinweise wie ein torkelnder Gang oder Nadeleinstiche fehlen. Ständige finanzielle Nöte, das Leihen von Geld und der Verkauf eigener Wertgegenstände können noch am ehesten auf eine Spielproblematik verweisen. Daneben gelten schlechter werdende Leistungen in der Schule, ständige Gereiztheit, die Aufgabe von Hobbys und der allgemeine Rückzug von gemeinschaftlichen Aktivitäten als mögliche, wenngleich sehr unspezifische Merkmale.

Erfüllt der neue Glücksspielstaatsvertrag seine beabsichtigte Funktion als Präventionsinstrument gegen die Spielsucht?

Hayer:

Das müssen letztendlich Begleitforschungen klären. Es versteht sich von selbst, dass das Geschäftsmodell der zum Teil börsennotierten privaten Glücksspielunternehmen auf Umsatzmaximierung ausgerichtet ist und wenig Platz für effektiven Spielerschutz lässt. Wünschenswert wäre ein kleiner, konsequent regulierter Glücksspielmarkt unter staatlicher Kontrolle.