Offen gesagt

Universelle Theatersprache

Ein Kommentar von Annette Stiekele

Ein so junges Festival wie die Lessingtage am Thalia Theater durchläuft mehrere Metamorphosen, und das muss auch so sein. Das Wichtigste bleibt die Erkenntnis: Es gibt einen breiten Bedarf, Produktionen aus fremden Ländern kennenzulernen. Wohlgemerkt kein internationales Theater der Marke "L'Art pour l'Art", sondern engagiertes Theater, das eine Haltung in sich birgt und auf drängende politische Konflikte in der Welt verweist. Die vierten Lessingtage haben sich da bislang am deutlichsten positioniert.

Nun geht die politische Bedeutung einer Produktion nicht zwingend einher mit ästhetischer Innovation, passt sich naturgemäß nicht an unsere hiesigen Sehgewohnheiten an. Alvis Hermanis, der beim Festival die Produktion "Schwarze Milch" zeigte, hat jüngst in der "Neuen Zürcher Zeitung" verlautbart, vorerst nicht mehr außerhalb Lettlands inszenieren zu wollen, weil man im Ausland an eine Verständnisgrenze stoße und der kulturelle Kontext eine viel größere Rolle spiele als von vielen angenommen.

Zugegeben, es ist ein schmaler Grat, auf dem sich das internationale Theater bewegt. Der Anspruch einer universellen Theatersprache ist nicht immer einlösbar. Ist das aber entscheidend? Entscheidend ist die Dringlichkeit der Fragen, die ein Theater stellt. Und diese Lessingtage haben gezeigt, die Auseinandersetzung lohnt sich über manche ästhetische Befremdung hinweg. Die Zukunft des Theaters ist international. Mit allen Risiken, Chancen - und möglichen Wundern.