Jungs Zeitgeist

Wie sag ich's meiner Putzfrau?

Der moderne Grundsatz der schonenden Gesprächsführung macht die Kommunikation mit Reinigungsfachkräften kompliziert

Manche Zeitgenossen, die sonst mühelos ganze Säle unterhalten, befällt eine merkwürdige Hemmung, wenn sie mit ihrer Putzfrau sprechen. Darf man einfach sagen: "Ich erwarte von Ihnen, dass Sie x und y sauber machen, aber z keinesfalls anrühren"? Oder ist das schon zu sehr von oben herab? Ergeht man sich besser in antiautoritären Andeutungen wie: "Frau Meier, wenn Sie so nett wären ... Die Fenster sehen schon ganz grau aus ... wenn Sie Zeit fänden, da mal ..."? Es gibt leider keine klaren Richtlinien.

Nicht jeder macht es so routiniert wie Herr Lohse in Loriots Kinohit "Pappa ante portas", der die verblüffte Putzfrau Frau Kleinert zur "Mitarbeiterin" seines hyperaktiven Ruhestands erhebt ("Hausarbeit verlangt eine straffe Organisation!").

Die Putzfrau ist heute als Einzige vom Hauspersonal übrig geblieben, das vor 100 Jahren zur Kaiserzeit noch viele Tausende deutsche Haushalte bevölkerte. Und das zumindest in Film und Fernsehen zurzeit ganz neu beachtet wird, etwa in dem ZDF-Mehrteiler "Downton Abbey", der in die Dienstboten-Sphäre eines englischen Landsitzes leuchtet, oder in Robert Altmans großartigem Kostümkrimi "Gosford Park", der einen Mord aus der Sicht von Butler, Kammerdienern und Zimmermädchen schildert.

Selbst die dreiteilige ZDF-Familiensaga "Das Adlon" warf einen Blick hinter die Hotelkulisse auf die Dachkammern der Pagen. Die schöne demokratische Erkenntnis, dass die Reichen und Mondänen sich damals nicht allein anzogen, frisierten oder Klöße kochten, ist im modernen Mainstream angekommen.

Allerdings sind die Film-Herrschaften politisch korrekt weichgespült. Der Graf in "Downton Abbey" ist das Musterbeispiel eines fürsorglichen Patrons, auch im Fernsehmehrteiler "Das Adlon" waren die Arbeitgeber demnach ganz lieb.

Das sah in der Realität früher natürlich anders aus. Bedienstete waren Menschen mit vielen Pflichten und wenigen Rechten. In der Hamburger Gesindeordnung von 1899 etwa hieß es: "Der Dienstbote hat weder das Recht, bestimmte Tage oder Tageszeiten für sich in Anspruch zu nehmen, noch das Recht, sich ohne Erlaubnis der Dienstherrschaft vom Hause zu entfernen." Feste Freizeiten oder Lohntarife? Fehlanzeige.

Zwischen Dienstherrschaft und Hauspersonal bestand gewöhnlich vom Bettenmachen bis zur Badeseife eine seltsame Pseudo-Nähe, die durch das Klassendenken aber viel konfliktreicher war als ein betriebliches Arbeitsverhältnis.

Die patriarchalische Gesindeordnung wurde 1918 offiziell abgeschafft. Seit 1952 haben wir geübt, was Mitbestimmung ist, der Befehlston gilt als uncool, man müht sich um "nondirektive Kommunikation", und die Putzfrau heißt "Reinigungsfachkraft".

Trotzdem - oder gerade deshalb - gibt es auch heute noch genügend Mediationsbedarf. Erst recht im Privathaushalt, wo frei ausgehandelt werden muss: Soll die Fachkraft nur putzen oder auch bügeln und abwaschen? Und wie sag ich's meiner Putzfrau/meinem Putzmann, wenn ich nicht zufrieden bin? Die Sprechübungen schwanken zwischen gewerkschaftlicher Kumpelhaftigkeit ("Dann woll'n wir uns heute mal den Abfluss vornehmen, ne?") bis zu kryptischem Gefasel ("Das hier alles, Sie sehen dann schon").

Es gibt selbstbewusste Führungskräfte, die sich gegenüber ihrer Putzhilfe in geradezu masochistischer Unterwürfigkeit winden, damit bloß nicht der Kasernenhofton aufkommt, der in manchen Putzkolonnen herrscht. Nicht jede(r) hat die Gabe, die eigenen Wünsche zugleich höflich und deutlich auszudrücken, wenn es ums Feudeln oder Staubwischen geht.

Und nicht jeder zahlt fair. Dabei ist es gar nicht mal so teuer, eine Putzfrau oder einen Putzmann als Minijobber legal zu beschäftigen. Bei 200 Euro Lohn im Monat müssen Sie laut Stiftung Warentest zusätzlich nur 27,40 Euro Abgaben bezahlen. Einen Teil bekommt man sogar mit der Steuererklärung zurück, und die Reinigungskraft ist versichert. Eine zuverlässige "Perle", die das Heim sauber hält, während wir im Büro nondirektiv vor uns hinkommunizieren, hat das doch wahrhaftig verdient.

Irene Jung schreibt an dieser Stelle jeden Mittwoch über Aufregendes und Abgründiges im Alltag