Kommentar

Keine Chance für die Esso-Häuser

Ein erneutes Gutachten hilft jetzt nicht weiter

Fragte man einen Neu-Hamburger nach den sogenannten Esso-Häusern auf dem Kiez, so dürfte das Urteil gnadenlos ausfallen. Die Wohnblocks neben der bekanntesten deutschen Tankstelle sehen maroder aus als so ziemlich jeder Plattenbau in Ostberlin kurz nach der Wende. Und so wundert es - zumindest aus städtebaulicher Sicht - dass dieses Ensemble eine solch symbolhafte Bedeutung auf St. Pauli, bei Initiativen und Gentrifizierungsgegnern erlangt hat.

In der Tat: Der Wandel St. Paulis, der nirgends so gut abzulesen ist wie an den Neubauten an der Bernhard-Nocht-Straße, hat zahlreiche Verlierer - Menschen, die sich nach Sanierung oder Neubau ihre Wohnung nicht mehr leisten können und die jung-dynamischen Besserverdienern Platz machen müssen, die gern in Hafen- und Kieznähe leben möchten, sich dann aber über Lärm beklagen.

Doch bei aller berechtigten Kritik an Stadt und Beton und neuen Bewohnern: Die Esso-Häuser sind zumindest optisch ein Schandfleck. Würde man ihre symbolhafte Bedeutung und die Sorge der Bewohner vor einer Vertreibung versuchen auszublenden oder würde man versuchen sich vorzustellen, die Häuser stünden nicht auf dem Kiez, sondern beispielsweise in Hamm, so würde die Debatte wohl weitaus emotionsloser geführt. Drei Gutachten durch Fachbüros, finanziert durch den Immobilienbesitzer, gibt es inzwischen. Alle besagen, dass Neubauten dort sinnvoller sind als eine Sanierung. Nur will keiner der betroffenen Stadtteilaktivisten das glauben.

Aber ändert ein viertes Gutachten, bezahlt von Steuergeld, irgendetwas an dieser Vertrauenskrise? Was, wenn eine neue Studie zum alten Ergebnis kommt? Wer glaubt, ein Abriss würde dann leichter durchzusetzen sein?

Ein weiteres Gutachten sichert die Rechte der Mieter nicht. Das könnten aber Verträge zwischen ihnen und dem Investor. Verträge, die regeln, wie die Mieter der Wohnungen und Läden während der Bauphase untergebracht sind und wie viel sie nach Wiedereinzug zahlen müssten. Nur: Kritiker, die dort nicht wohnen, dürfte das von weiteren Protesten kaum abhalten.