Stadtteil-Geschichte

Erwin Möller ist das Gedächtnis von Langenhorn

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Holger True

Vor 25 Jahren gründete der Elektromeister ein Archiv, das die Geschichte des Stadtteils erzählt. Der 77-Jährige sucht einen Nachfolger.

Hamburg. Die Sammelleidenschaft muss tief drinstecken in Erwin Möller. Ebenso wie der Wunsch, so viel wie möglich über seine Heimat zu erfahren, aufzuspüren, was vergessen ist, die Erinnerung zu bewahren. Diesem Ziel hat er inzwischen 25 Jahre seines Lebens gewidmet und in seinem Reihenhaus im Norden Langenhorns ein beeindruckendes Stadtteilarchiv aufgebaut. Wer ihn heute besucht, muss ihm nur ein Stichwort zurufen, um ein riesiges Wissensreservoir anzuzapfen. Möller, so scheint es, weiß wirklich alles über "seinen" Stadtteil. Und wenn sich doch mal eine Lücke auftut, dann setzt er alles dran, sie zu schließen.

Dabei fing alles ganz unverfänglich mit ein paar alten Postkarten und vergilbten Fotos an, die dem Elektromeister Mitte der 80er-Jahre in die Hände fielen. Aufnahmen, die das alte Langenhorn zeigten und von denen es doch irgendwo noch viel mehr geben musste. Doch seine Nachfrage beim Bürger- und Heimatverein war ernüchternd. Es gab kein Archiv und auch niemanden, der eines anlegen wollte. Also nahm Möller die Sache selbst in die Hand. Als Werkstattleiter einer Brotfabrik in Schenefeld war er ja gewohnt, zuzupacken und Verantwortung zu übernehmen.

Die Landesbildstelle und das Hamburgische Staatsarchiv waren erste Anlaufstationen, im April 1990 zeigte er erstmals großformatige Fotos auf geliehenen Stellwänden und suchte in der kargen Freizeit überall nach Bildern, Büchern, Karten. Mal auf staubigen Dachböden, mal auf Flohmärkten in ganz Hamburg. Der unbedingte Wille war da, was fehlte war die Zeit, aber die stellte sich ein, als Erwin Möller 1996 von der Fünf- auf die Viertagewoche umstieg und regelmäßig an verlängerten Wochenenden auf "Jagd" ging. "Ich habe mir damals natürlich auch überlegt, was ich mache, wenn ich einmal in Rente bin" erinnert sich der heute 77-Jährige. "Freunde schlugen mir vor, Briefmarken zu sammeln, aber da wäre doch spätestens nach einem Dreivierteljahr nichts mehr zu sortieren gewesen. Und dann?" Dann doch lieber ein Archiv, das zwar einen Anfang - seit 1332 gehört Langenhorn ununterbrochen zu Hamburg - aber kein Ende kennt.

Erwin Möller, das wird bei einem Besuch in seinem perfekt aufgeräumten Haus an der Fibigerstraße sofort klar, ist ein Meister der Organisation. Knappe acht Quadratmeter nur misst sein Büro, das er im ersten Stock eingerichtet hat. Hier lagern in Regalen, Schränken und Abseiten Tausende Fotos, Postkarten, Flurkarten, Bücher, aber nicht eine einzige Büroklammer liegt einfach so herum. Hier hat alles ein System, und was Möller nicht ohnehin im Kopf hat, findet sich auf seinen zwei Rechnern. Auf ihnen ist alles katalogisiert, was er in einem Vierteljahrhundert zusammentragen konnte. Welche Gaststätten es 1932 an der Langenhorner Chaussee gab? Drei Mausklicks, schon blinkt die Antwort auf - und als Bonus gibt es Archivnummern, mit denen sich sofort die entsprechenden Fotos inmitten der Ordner- und Albenmeter finden lassen. Die erste U-Bahn, die 1918 hier fuhr, kann Möller als Postkartenmotiv zeigen, und fast nebenbei präsentiert er eine Kiste "Langenhorner Roller"-Zigarren oder Adressbücher aus den 20er-Jahren, die ihn einst zwischen 200 und 250 Mark pro Stück gekostet haben.

Wobei: Über Geld redet er nicht gern. "Das gibt nur Unruhe" sagt er lächelnd und mit Blick auf seine Frau Margret, mit der er seit 1983 verheiratet ist und zwei Kinder hat. Doch wer einmal überschlägt, was hier an Werten versammelt ist, kommt schnell darauf, dass viele 1000 Euro in diese Sammlung geflossen sein müssen. "Postkarten vom Hafen gab es schon für 50 Pfennig, als ich zu sammeln begonnen habe", erzählt Möller. "Aber je weiter man sich von der Innenstadt entfernt, desto seltener und teurer wurden die Motive." Von bis zu 25 Mark pro Karte ist die Rede, von 1200 Mark gar für eine zehnbändige Ausgabe Hamburgischer Gesetze und Verfassungen. Doch Erwin Möller, das ist zu spüren, reuen diese Ausgaben nicht, für die andere vielleicht einen Zweitwagen gekauft hätten. Er ist Langenhorner Archivar mit Leib und Seele, für den gefühlt Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen, wenn ihm plötzlich sämtliche Ausgaben des "Lokalanzeigers" aus den Jahren 1977 bis 2008 offeriert werden. Monatelang wird er damit beschäftigt sein, jede einzelne Ausgabe nach relevanten Stadtteilgeschichten zu durchforsten. Nach Schuleröffnungen und Straßenbauarbeiten, nach Firmenjubiläen und diamantenen Hochzeiten.

Nebenbei will er mit ein paar Kollegen anderer Stadtteilarchive auch noch all die Grenzsteine aufspüren, fotografieren und katalogisieren, die Langenhorn umgeben - sein bislang umfangreichstes Projekt. Nicht zu vergessen die trigonometrischen Punkte, derer er sich als nächstes annehmen will. Und dann sind da auch noch all die baulichen Veränderungen in Langenhorn, mit denen er sich beschäftigt: neue Siedlungen hier, ein Abriss wie der des historischen Bärenhofs da, viel Arbeit, die er aber nie als solche empfindet. Und die er durch tägliche Spaziergänge unterbricht. Die heißen bei ihm "Fußmärsche" und sind selbstverständlich exakt vermessen. 5,2 Kilometer läuft er dann durchs Raakmoor, an der Tarpenbek entlang oder zum Heidberg. Mit offenen Augen und mittendrin in einem Stadtteil, zu dessen Gedächtnis er geworden ist.

Eine Frage nur treibt ihn manchmal um, die nach einem Nachfolger, der seine Arbeit fortsetzt. Bisher hat er noch niemanden gefunden, jeder, der Interesse zeigte, wollte irgendwann wissen, was mit solch einem Archiv zu verdienen sei. "Gar nichts", musste Erwin Möller dann jedes Mal antworten. Im Gegenteil: Wie oft hat er schon kostenlos Bilder und Postkarten kopiert, um die ihn Langenhorner gebeten haben, die wissen wollten, wie "ihre" Straße früher einmal aussah.

Also muss Möller sich weiter auf die Suche nach einem Erben machen, der irgendwann sein Werk fortsetzt. Auf dass die Geschichte Langenhorns noch lange lebendig bleibt.

Das Stadtteilarchiv Langenhorn an der Fibigerstraße 332 ist nach Anmeldung (Tel. 531 14 83 oder langenhorn-archiv@t-online.de) öffentlich zugänglich

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