Bildung in Hamburg

Förderschule wird zum Auslaufmodell

Der Senat plant, die 24 Spezialeinrichtungen zu schließen oder zu Bildungszentren zu bündeln. Eltern wollen Bestandsgarantie.

Hamm. An seiner ehemaligen Grundschule wurde Robin gemobbt. Mitschüler hatten ihn in einen Mülleimer gesteckt. An der Förderschule Pröbenweg in Hamm kommt der Zehnjährige endlich gut zurecht. Nun soll die Förderschule mit anderen Einrichtungen zusammengelegt werden und von Hamm in die sieben Kilometer entfernte Laeiszstraße im Karolinenviertel umziehen. Die Eltern sind schockiert und fordern eine Bestandsgarantie für den alten Standort.

Fünf Schulwechsel hat Robin hinter sich. Er leidet unter ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom), seitdem er als Dreijähriger bei einem Unfall einen Schädelbasisbruch erlitten hat. Er kann sich kaum konzentrieren, wird schnell wütend. "Hier am Pröbenweg ist er endlich in guten Händen", sagt seine Mutter Anja Scheer. Ein möglicher Umzug der Schule nach St. Pauli würde ihn und viele andere der 107 Schüler stark verunsichern. "Mein Sohn flippt schon aus, wenn wir eine neue Lampe in der Wohnung hängen haben", sagt Ines Köhler. Ihr Sohn Timm, 10, hat genau wie Robin ADS, zudem ist er hyperaktiv.

"Viele Kinder wohnen in der Umgebung von Hamm. Durch den Umzug der Schule würde es für die Kinder zu einem viel längeren Schulweg kommen", heißt es in einem Schreiben des Elternrats an Bildungssenator Ties Rabe (SPD). "Es gibt für unsere Kinder keine Vorteile. Im Gegenteil: Sie hätten keinen Werkraum, keine Schulküche, keinen Musikraum oder Schulgarten mehr", heißt es weiter. Das vorgesehene Gebäude an der Laeiszstraße 12, derzeit ein Teil der Grundschule Sternschanze, sei viel zu klein. Und: Wie soll ihr Sohn es bis ins Karoviertel schaffen?, fragt sich Robins Mutter. "Er kommt jeden Tag 20 Minuten zu spät, obwohl ich ihn pünktlich vor der Schule absetze. Er bleibt einfach in der Schule irgendwo hängen. An roten Ampeln bleibt er nicht stehen, er läuft einfach weiter."

Die Förderschule Pröbenweg ist kein Einzelfall: "Wir gehen davon aus, in den nächsten Jahren rund 20 Förderschulen aufgrund sinkender Schülerzahlen zu schließen oder mit anderen Schulen zusammenzulegen. Vorausgesetzt, die Eltern entscheiden sich weiterhin in hohem Maße, ihre Kinder nicht an Förderschulen, sondern an allgemeinen Schulen anzumelden", sagt Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. So gibt es am Pröbenweg keinen Grundschulzweig mehr, weil es zu wenige Anmeldungen gab. In den kommenden Jahren sollen die 24 Förder- und Sprachheilschulen zu 13 sogenannten Regionalen Bildungs- und Beratungszentren (ReBBZ) zusammengelegt werden. Die Förderschule Pröbenweg wird dann mit dem Schulstandort Greifswalder Straße 40, der Sprachheilschule Reinbeker Redder und der regionalen Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsstelle (Rebus) ein solches Zentrum bilden.

Unterstützung gegen diese Pläne bekommen die Eltern der Förderschule von "Wir wollen lernen". Der Förderverein für bessere Bildung in Hamburg fordert Schulsenator Rabe auf, "kurzfristig einzulenken und den Schülern eine Bestandsgarantie zu geben", heißt es in einer Presseerklärung. Eine endgültige Entscheidung darüber, ob der Standort aufgegeben wird, ist für den 31. Oktober vorgesehen. Der Umzug könnte dann 2013 oder 2014 erfolgen.

Die Schulgebäude am Pröbenweg sind laut Schulbehörde stark sanierungsbedürftig und würden nach Auszug der Schüler voraussichtlich verkauft, damit dort Wohnungen gebaut werden können. Die neue Sporthalle soll weiter betrieben werden.

Nicht nur der längere Schulweg ist ein Problem. Diese Kinder leiden sehr schnell unter Reizüberflutung. "Nicht umsonst gehen unsere Kinder auf eine Förderschule. Sie sind dort, weil sie zum Teil massive Probleme haben, bedingt durch psychische oder körperliche Probleme", sagt Ines Köhler. An einer Regelschule hätten die Lehrer für Kinder wie Robin oder Timm kein Verständnis. Immer wieder musste Anja Scheer sich von Lehrern vorwerfen lassen, sie erziehe ihren Sohn nicht richtig.

Inklusion, also die Aufnahme von Förder- und Sonderschülern an allgemeinbildenden Schulen, ist für Köhler und Scheer daher kein Thema: An einer Regelschule kämen viele von ihnen daher nicht zurecht. "Warum bin ich auf der Welt, warum bin ich behindert?" Das sind Fragen, die die Mütter manchmal beantworten müssen. Scheer: "Unserer Erfahrung nach können unsere Kinder in der Inklusion nicht lernen."