Folge 9

Der Gipfel ist eine Freiluftkirche

Hamburg, Deine Berge - Folge 9: der Reiherberg. Der dicht bewaldete Kegel ist 79 Meter hoch. Bis 1978 gab es sogar einen Skilift.

Hausbruch. Doch, auch in Hamburg gibt es Berge. Abendblatt-Autor Josef Nyary stellt sie in loser Folge in der neuen Serie "Hamburg in der Höhe" vor. Die Berge wurden aufgetürmt von Eiszeitgletschern - oder auch mal nur von der Müllabfuhr. Was sie alle gemeinsam haben? Sie alle sind einen Spaziergang, einen Ausflug oder sogar eine Wanderung wert.

Die Elbmarschen mit ihren Flachwasser- und Überschwemmungszonen, Stränden, Weideflächen und Schilfgürteln sind für Graureiher ein Schlaraffenland. Doppeltes Glück, dass es gleich nebenan auch noch absolut sichere Brutplätze gibt: In den Eichen, Buchen und Kiefern auf dem nahen Hügel reiht sich Nest an Nest. Die großen Vögel mit ihren fast zwei Metern Flügelspannweite kreisen so oft über dem dicht bewaldeten Kegel, dass ihn schon die Bauern des Mittelalters "Reiherberg" nannten.

Heute begrüßt der 79 Meter hohe Gipfel ganz andere Gäste: Im Winter sausen Schlitten auf drei verschiedenen Rodelbahnen 500 Meter weit zur Cuxhavener Straße. Unten ködert die Kärntner Hütte Kälteopfer mit Glühwein, Kaiserschmarren und Kaminfeuer. Im Frühling, Sommer und Herbst locken im Forstrevier Hausbruch 40 Kilometer Wander- und zehn Kilometer Reitwege. Auf Mountainbiker und Cross-Duathleten warten 150 Meter Tiefsandpiste und 30 Prozent Steigung.

Die Reifenspuren am Försterstieg sind anderen Kalibers: Der Wald am Reiherberg ist auch das Reich des "Komatsu Harvester". Der Holzvollernter mit dem zehn Meter langen Kranarm nimmt auf 70 Zentimeter breiten Niederdruckpuschen jede Direttissima im Nu. Der Fällkopf mit Vorschubwalzen, Messeinheit, hydraulischer Kettensäge und Entlastungsmessern erntet stündlich bis zu 30 Festmeter.

Ein mittelgroßer Baum ist in nur einer Minute entastet und in handliche Stücke zerlegt. Seit den 1980er-Jahren in Skandinavien am Werk, durchforsten die starken Spezialmaschinen längst auch deutschen Wald.

Hausbruch macht mit Holz rund 300.000 Euro im Jahr, halb so viel wie alle anderen Hamburger Wälder zusammen. Förster Gido Hollmichel schlägt immer nur Einzelexemplare aus besonders dichten Beständen. Meist fallen Nadelbäume; in einem jahrhundertealten Buchenwald etwa war seit fast 70 Jahren keine Säge mehr am Werk. Die Zapfen einer 135 Jahre alten Import-Douglasie aus Nordamerika werden jedes Jahr eingesammelt und als Saatgut verkauft.

Früher sprudelten am Reiherberg noch andere Einnahmequellen: Die Waldstücke Emme und Haake mit ihren Baumriesen liefern Wild, Pilze und riesige Mengen Blaubeeren. Mit dem Industriezeitalter wird der Reiherberg zum Naherholungsparadies: Naturentwöhnte Städter streifen zu Tausenden durch den gar nicht mehr stillen Forst. Die Waldeslustigen genießen auf flugs errichteten Türmen die Aussicht nach Hamburg oder Lüneburg und laben sich in Ausflugslokalen mit vielversprechenden Namen wie "Sennhütte", "Bergpavillon" oder "Majestätische Aussicht".

Der Reiherberg ist nach dem Hasselbrack Hamburgs höchste Erhebung südlich der Elbe. An seiner Westflanke läuft bis 1978 Hamburgs einziger Skilift. Kurz vor der Schneekatastrophe wird er abgebaut. Heute ist die 15 Meter breite Schneise die letzte natürliche Abfahrtspiste der Stadt.

Der dichte Wald fängt das Brausen des Verkehrs auf der "Cuxe" schon nach ein paar Metern ab. Die Wege heißen Dachsschlucht, Eulenflucht und Mardergrund. Am nahen Kaiserstuhl äsen Rehe und in den Diebeskuhlen noch weiter südlich hausen Schwarzkittel, weil die Senken im Fichtendickicht so schön "dieb" (tief) sind.

"Emme" kommt von dem alten Wasserwort "em", "Haake" von einem prähistorischen Wort für "Moor": Die Harburger Berge sind Hamburgs Regenrinne. Der Findling auf dem Reiherberg ist wie üblich von der Graffiti-Pest befallen. Fernsicht fällt aus: Auch auf dem Gipfel steht dichter Wald dem Panorama im Weg. Auf dem Startplateau der Rodelbahn ragt ein großes Holzkreuz über sieben breite Bohlenbänke. Dort singen manchmal fromme Christen ein morgendliches Gotteslob.

Das Dach der improvisierten Freiluftkirche ist der Himmel. Reiher fliegen dort schon lange nicht mehr: Die nächsten Kolonien finden sich im Duvenstedter Brook und in der Haseldorfer Marsch.