Hamburger Konzern

Große Sorge beim Versandhaus Otto

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Daniela Stürmlinger

Stellenabbau bei Otto auch durch Kündigungen. Allein in Hamburg fallen 510 Jobs weg. Die Preise im Onlinehandel sollen sinken.

Hamburg. Betroffene Gesichter. Gestern Mittag auf der Betriebsversammlung des Hamburger Versandhausprimus Otto in Bramfeld. Um künftig noch schlagkräftiger auf dem Markt auftreten zu können, will das Unternehmen bis zum Jahr 2015 bundesweit 760 der insgesamt rund 25 000 Stellen streichen. Allein in Hamburg fallen 510 Jobs weg, 450 davon in der Einzelgesellschaft Otto, die bislang 3236 Beschäftigte zählt. 60 von insgesamt 70 Jobs sollen zudem in der Schwestergesellschaft quelle.de gestrichen werden. Auch der Versender Baur im bayrischen Burgkunstadt ist betroffen. Dort werden 210 Jobs gestrichen. Bei Schwab im hessischen Hanau sind es 40 Stellen.

Betriebsbedingte Kündigungen können nicht ausgeschlossen werden. Ein Großteil der Veränderungen soll jedoch über Fluktuation oder andere sozialverträgliche Maßnahmen im Konzernverbund aufgefangen werden. "Wir sind ein Familienunternehmen und fühlen uns den damit verbundenen Werten wie Zuverlässigkeit und Loyalität verpflichtet. Deshalb werden wir alles Erdenkliche tun, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden", sagte Otto-Chef Hans-Otto Schrader. Betriebsratschef Uwe Rost wirkte dennoch kämpferisch. "Wir werden um jede Stelle kämpfen", sagte er. "Bei Arbeitsplätzen verstehe ich keinen Spaß." Er hofft, dass tatsächlich am Ende weniger Jobs wegfallen als bisher geplant.

Das Unternehmen hat derzeit an vielen Fronten zu kämpfen. Nicht nur steigende Einkaufspreise für Rohstoffe wie etwa Baumwolle belasten den Konzern, sondern auch die zunehmende Anzahl von Internetanbietern wie Amazon, Zalando oder Ebay. In den meisten Bereichen bieten sie ein ähnliches Sortiment wie die Hamburger an. Die Dominanz des Onlinehandels hat bei dem Unternehmen bereits Folgen. Trotz leicht gesteigerter Umsätze von weltweit 11,6 Milliarden Euro schrumpfte der Betriebsgewinn (Ebit) im vergangenen Geschäftsjahr um nahezu ein Drittel auf 259 Millionen Euro. Der Jahresüberschuss brach sogar um fast 90 Prozent auf nur noch 23 Millionen Euro ein.

In Deutschland ist der Umsatz im klassischen Versandhandel der Otto-Einzelgesellschaft sogar um 2,1 Prozent auf etwas mehr als zwei Milliarden Euro geschrumpft. Im Onlinehandel legte der Umsatz bei Otto dagegen um neun Prozent zu.

Otto will nun im Onlinehandel günstiger werden. Schrader will zum Jahresende eine Preisinitiative starten. Die Absicht dahinter ist unter anderem, bei Standardangeboten zu den preisgünstigsten Anbietern im Onlinehandel aufzuschließen.

"Im kommenden Jahr wird Otto kräftig wachsen", sagt Unternehmenssprecher Thomas Voigt dem Abendblatt. Aktuelle Mode für die moderne Frau würden bei der Markenprofilierung wieder deutlich in den Vordergrund gestellt. Gleichzeitig werde der Versender weiterhin massiv in noch attraktivere Sortimente investieren: "Alle relevanten Marken und Eigenmarken werden bei Otto zu finden sein."

Doch nicht nur Faktoren von außen belasten den Konzern. Otto macht auch Entscheidungen aus der Vergangenheit rückgängig. So etwa bei quelle.de: Die Markenrechte für das Portal wurden nach der Insolvenz des bayrischen Versenders Quelle von Otto im vergangenen Jahr gekauft. Zwar bieten dort inzwischen bereits 500 Händler aus unterschiedlichen Bereichen ihre Produkte an, aber das Geschäftskonzept entspricht nicht den Renditeerwartungen der Otto Group. Deshalb wird quelle.de nun unter das Dach der Otto Einzelgesellschaft genommen. Da es sich bei den betroffenen 60 Mitarbeitern um hervorragende Spezialisten handele, könnten sie möglicherweise einen neuen Arbeitsplatz in der Otto Group finden. Dann würden in Hamburg statt 510 nur bis zu 450 Stellen gestrichen.

Auch im Bereich IT muss das Unternehmen nachbessern. In der Vergangenheit wurden der Onlinehandel und andere IT-Projekte zentral gesteuert. Das hat sich wohl als unpraktisch herausgestellt. Nun setzt Otto auf modernere und dezentrale Strukturen. Die einzelnen Firmen wie der Versender Otto oder seine Schwestergesellschaften sollen künftig eigenverantwortlich in ihre IT und in die Onlineportale investieren. So können sie auch schneller auf neue Trends reagieren.

Trotz des Restrukturierungsprogramms mit dem Titel "Fokus" sieht sich das Unternehmen nicht im Schlingerkurs. "Wir wollen aus einer Position der Stärke für die Zukunft handeln und investieren", sagte Voigt. Insgesamt plant der Konzern einen dreistelligen Millionenbetrag in Otto zu investieren.

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