"Die Alster lehrt gesellig sein!"

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Josef Nyary

Serie: Hamburg am Wasser - das Abendblatt stellt Flüsse und ihre Geschichte vor

Hamburgs Paradefluss entspringt in Schleswig-Holstein: "Quellgrund der Alster" steht auf dem Bronzerost neben Nixe und Hamburger Wappen in der Feldsteinmauer am Rand von Rhen (Landkreis Henstedt-Ulzburg). "Jeder in Hamburg Geborene müsste verpflichtet sein, wenigstens einmal in seinem Leben hinzugehen", schriebt schon Detlev von Liliencron 1908. Vom Bahnhof Meeschensee sind es nur zwanzig Minuten bis zum Ursprung der Alster. Und wer am Quellenweg parkt, ist nach 50 Metern am Ziel. Das Wasser fließt 56 Kilometer weit in großem Bogen. Der Alsterwanderweg führt von Hamburgs Innenstadt aus über 38 Kilometer durch herrliche Landschaft und faszinierende Vergangenheit bis Kayhude. Der Durchmarsch lockt nur sportliche Wanderer - wer etwas sehen will, teilt sich die Strecke in Etappen auf, etwa zu den Bahnhöfen Lattenkamp, Poppenbüttel oder Ohlstedt.

Die Mündung der Alster am Baumwall ist nicht das Original, noch im 19. Jahrhundert floss sie durch den Nikolaifleet. Die ersten Wanderer-Meter führen ins Herz der Millionenstadt, zur Kleinen Alster, Binnenalster und Außenalster. Wo die Lombardsbrücke steht, teilte im 17. Jahrhundert ein mächtiger Mauerring den Alstersee: Der holländische Ingenieur Johann von Valkenburg schützte die Stadt damit vor den Greueln des Dreißigjährigen Krieges. Im Schussfeld siedelten sich später die Wohlhabenden an, erst in Harvestehude und an der Uhlenhorst, später am Leinpfad. Das US-Generalkonsulat diente 1891 dem Mineralöl-Mogul Wilhelm Anton Riedemann als Domizil, Gründer der späteren "Esso Deutschland". Die Musikhochschule nutzt das Palais des US-Bankiers Henry Budge. Schräg gegenüber, an der Bellevue, wohnte Curd Jürgens hinter grünen Fensterläden.

Im Eichenpark ehrt ein Denkmal den Fluss-Poeten Friedrich von Hagedorn: "Der Elbe Schiffahrt macht uns reicher / die Alster lehrt gesellig sein!" erkannte er. Von der "Alsterperle" am Schwanenwik über "Bodos Bootssteg" bis "Bobby Reich" bestätigt Hamburgs Sommernacht die Dichterzeilen aufs Schönste.

Von Ohlsdorf bis Wohltorf fließt die Alster in einem grünen Tunnel durch die Metropole. Die Poppenbütteler Schleuse erinnert an das Mittelalter: Zur Hansezeit gruben Hamburg und Lübeck den Alster-Trave-Kanal, Herzstück von insgesamt 80 Kilometer Schifffahrtsweg. Der erste Versuch 1448 bis 1453 klappte nicht so ganz, es reichte gerade mal für Gipstransporte vom Segeberger Kalkfelsen, doch 1529 bis 1550 fuhren Schuten über die Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee. Dann aber versiegte der Zufluss aus dem Nienwohlder Moor. Von 21 Schleusen blieben zehn und halten heute den Wasserspiegel hoch für ein sommerliches Gewimmel von Booten.

Nicht nur die Kaufleute, auch ihr schlimmster Feind staute das Alsterwasser: Johann von Hummelsbüttel machte auf Burg Stegen, gleich hinter Kayhude, sogar den dänischen König nass - die nordischen Krieger kriegten nasse Socken und brachen die Belagerung ab. Raubritter Johann zog an der Handelsstraße Hamburg-Lübeck eine Art Mittelalter-Maut ein, bis Waldemar IV. die illegale Zahlstelle zerstörte.

In der letzten Eiszeit vor 18 000 Jahren lag der Meeresspiegel 85 Meter tiefer, vor 12 000 Jahren schoss die Alster durch einen Canyon, die Reste der prähistorischen Schluchten machen den Wanderweg zur Berg- und Talbahn. Bis ins Mittelalter wucherte hier ein Urwald aus Erlen, die dem Fluss den Namen gaben: das europäische Urwort für den Baum lautet "alis".

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