Hamburger Geschichte

Polizeibataillon 101 - wenn normale Männer töten

Historiker versuchen zu erklären, warum aus Reservisten - unter ihnen Friseure und Hafenarbeiter - Erfüllungsgehilfen des NS-Regimes wurden.

Der Weg in den Abgrund führt über unbefestigte Landstraßen, vorbei an Hügeln und Kiefernwäldern. Der Morgen dämmert, als die Polizisten aus Hamburg von ihren Lastwagen steigen und sich vor dem Ortsrand eines kleinen polnischen Städtchens im Halbkreis um ihren Kommandanten aufstellen. Die meisten ahnen es noch nicht, aber wenige Stunden später werden sie Massenmörder sein. Mit Blut und Hirn beschmiert, werden viele von ihnen Verbrechen begangen haben, die sie wohl für undenkbar gehalten haben. Und es wird nur ein Anfang gewesen sein.

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Die Männer in den grünen Felduniformen der Polizei, die sich im Morgengrauen des Kriegssommers 1942 vor 70 Jahren zur Befehlsausgabe versammeln, sind keine sorgfältig ausgewählten Henker. Das im deutsch besetzten Polen stationierte Reserve-Polizeibataillon 101 besteht aus Hafenarbeitern, Kellnern, Friseuren und Büroangestellten, angeführt von einigen Berufspolizisten als Offizieren.

Mit ihren im Durchschnitt etwa 40 Jahren sind die meisten der 500 Reservisten zu alt für den Kriegsdienst und daher in eine Art Bereitschaftspolizei-Einheit gesteckt worden, der beim nationalsozialistischen Vernichtungskrieg jener Jahre eigentlich keine besondere Rolle zukommen sollte. Eigentlich. Denn es kommt ganz anders.

Die Männer des eher unscheinbaren Hamburger Polizeibataillons 101 erschossen Tausende jüdische Kinder, Frauen und Männer und trieben Zehntausende weitere aus polnischen Gettos und Dörfern in die Todeszüge zu den Vernichtungslagern. So wie am morgigen Freitag vor genau sieben Jahrzehnten, als ein Teil von ihnen in dem Dorf Lomazy an einer Massenerschießung von etwa 1700 Menschen teilnahm.

Einige frühere Offiziere des Bataillons wurden 1968 vom Hamburger Landgericht in einem der seltenen NS-Prozesse wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 25 000 Menschen angeklagt und teils zu Haftstrafen verurteilt. Heute ist bekannt, dass es weit mehr Opfer gab: Die Einheit war direkt an der Tötung von 38 000 Menschen beteiligt. Zählt man jene 45 000 Opfer dazu, die während des monatelangen Einsatzes mit ihrer Hilfe deportiert wurden und ebenfalls starben, gehört das Bataillon zu den wohl schlimmsten Mordkommandos.

Aber es sind nicht allein Zahlen, die diese Einheit zu einer der bekanntesten des Holocaust machen. Die in Hamburger Gerichtsakten konservierte Geschichte der Männer erlaubt einen ebenso seltenen wie genauen Einblick in die Abläufe des Völkermords an den Juden. Die Beschäftigung mit dem Bataillon 101 habe die Forschung insgesamt "maßgeblich vorangebracht", sagt der Hamburger Historiker Frank Bajohr. "Der Blick auf den Holocaust insgesamt hat sich geändert. Auch hat man heute ein deutlich realistischeres Bild der beteiligten Tätergruppen."

Denn einen wesentlichen Teil des Holocaust verübten nicht fanatisch gedrillte SS-Rassenkrieger, die in Lagern wie Auschwitz töteten. Es waren rein zufällig zusammengewürfelte Einheiten, die im deutsch besetzten Osteuropa die Einwohner ganzer Orte an eilig ausgehobenen Erschießungsgruben liquidierten oder diese zu Bahnhöfen prügelten, von wo sie mit Deportationszügen in den Tod fuhren.

Und: Zum großen Teil waren es reguläre Polizeiverbände wie die Einheit 101. Mindestens 60 bis 70 Bataillone, ursprünglich gedacht für Besatzungsaufgaben, stellten in Polen und der Sowjetunion Erschießungskommandos oder trieben die Opfer für Deportationen und Massentötungen zusammen. "Heute weiß man, dass weit über die Hälfte dieser Einheiten an Massenmordaktionen beteiligt war, vermutlich waren es sogar 75 Prozent", sagt Hamburgs Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch. Er ist selbst Historiker und seit Langem intensiv mit dem Thema befasst.

"Ganz normale Männer" nannte der amerikanische Historiker Christopher Browning die Männer des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101, die stellvertretend stehen für andere Einheiten der sogenannten damaligen deutschen Ordnungspolizei und die Vertreter anderer Behörden, die auch ihren Beitrag zum Morden leisteten.

Niemand hatte die Hamburger Polizisten darauf vorbereitet, Kinder, Frauen und Männer zu erschießen. Nach allem, was man heute weiß, gab es unter ihnen zwar überzeugte Nationalsozialisten. Aber es waren nicht viele, im Gegenteil. Trotzdem aber fügten sich die meisten selbst dem überraschenden Mordbefehl bei ihrem ersten Einsatz. Einige nahmen das Angebot ihres nach Zeugenaussagen sichtlich geschockten Kommandanten Wilhelm Trapp an, der ihnen an jenem Morgen gestattete, nicht mitzumachen. Einige entzogen sich, indem sie sich unauffällig herumdrückten. Der Rest machte sich ans Werk.

In dem Prozess vor dem Hamburger Landgericht stellten angeklagte Offiziere wie der ehemalige Kompanieführer Julius Wohlauf den ersten Massenmord und alle weiteren als weitgehend reibungslos ablaufende Pflichtaufgabe dar. Von der Realität sind solche Schilderungen weit entfernt. "Die Nahschüsse mit dem Karabiner führten zu grauenvollen Verletzungen der Opfer. Schon bald waren die Uniformen der Schützen von umherfliegenden Knochensplittern, Gehirnteilen und Blutspritzern bedeckt", hielten die Richter in ihrem Urteil fest.

Aber die Einheit funktionierte. Selbst das Töten von Kindern war zumindest für einige kein Problem. Er habe sich bemüht, nur Kinder zu erschießen, ist die Aussage eines Polizisten in den Prozessakten überliefert. Sein Nachbar habe stets die Mutter getötet. Als "Gewissensberuhigung" habe er sich gesagt, dass Kinder ohne Mutter ohnehin nicht leben könnten. Er habe sie "erlösen" wollen.

Kopitzsch spricht angesichts derartiger Geständnisse von "Perversität". Die Polizisten hätten ihre Opfer beim ersten Massaker in dem Städtchen Józefów Ende Juli 1942 etwa "von Angesicht zu Angesicht" ausgesucht, einzeln in den Wald geführt und "völlig überlegt" hingerichtet, sagt der Polizeichef, der schon mehrmals selbst an jenem Tatort war, wo heute ein Gedenkstein steht.

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Der Besuch dort gehört zum Programm jährlicher Reisen angehender Hamburger Polizisten, die Holocaust-Schauplätze in Polen besuchen. Direkt im Wald von Józefów wird ihnen dann vom damaligen ersten Massenmord berichtet. Das gehe "nicht spurlos an einem vorbei", sagt Kopitzsch, der das für entscheidend hält. "Man muss das Thema nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen haben."

Kompaniechef Wohlauf übrigens gehörte zu den Berufspolizisten, deren Karriere nach dem Krieg zunächst weiterlief. Er arbeitete in leitender Funktion in der Verkehrserziehungsabteilung der Hamburger Polizei, bis ihn seine Taten in den 1960er-Jahren doch noch einholten. Das Landgericht verurteilte ihn zu acht Jahren Haft, etwa vier saß er nach erfolgloser Revision ab. 1974 kam er mit 61 Jahren vorzeitig frei. Bis zu seinem Tod 2002 lebte er in Blankenese, berichtet Kopitzsch, der ihn noch von seinen Recherchen kennt. Reue habe er jedoch nie gezeigt. "Wohlauf hat die Ansicht vertreten, er habe sich nichts vorzuwerfen."

Vom Bahnhof Sternschanze waren damals die Männer mit dem Zug zu ihrem "befristeten Sondereinsatz" in den Osten abgereist, wie es im Dienstjargon der Zeit hieß. Sie bezogen Quartier in Städten und Dörfern und schwärmten von dort zu Gettoräumungen, Massenerschießungen oder Such- und Tötungsaktionen in die umliegenden Wälder aus. Mit der Zeit schlich sich Routine ein. Wohlauf etwa ließ sich von seiner frisch vermählten Ehefrau auf "Hochzeitsreise" besuchen.

Was aber war es, das die Männer zu Mördern machte? War es blinder Judenhass? Diesen Schluss zog einst der US-Publizist Daniel Goldhagen in seinem umstrittenen Buch "Hitlers willige Vollstrecker", in dem er auch das Hamburger Polizeibataillon beleuchtete. In Fachkreisen hat er sich damit nie durchgesetzt. Die Belege dafür sind dünn.

Die Männer waren nach der ersten Erschießung regelrecht "empört, verbittert und erschüttert", schreibt Historiker Browning. Später stumpften sie merklich ab, bei einigen brach sich auch extremer Sadismus Bahn. Entscheidend aber war aus der Sicht von Browning und anderen nicht Hass, sondern Gruppendruck und eine emotionale und psychische Distanz zu den Opfern. Mordbefehle lösten keine Begeisterung aus, wurden aber ausgeführt. Die meisten wagten es nicht, aus der Reihe zu tanzen, schreibt Browning: "Zu schießen fiel ihnen leichter."

Dieser neue Ansatz habe viel zum Verständnis der Abläufe beigetragen, meint NS-Experte Bajohr. Gleichwohl glaubt er nicht, dass sich die Verbrechen allein dadurch erklären lassen, dass sich Militär- oder Polizeieinheiten aufgrund von Gruppendruck in solchen Situationen eben so verhalten. "Voraussetzung dafür war, dass die Täter ihren 'Auftrag' in irgendeiner Weise nachvollziehen konnten und ihm einen Sinn beimaßen", betont Bajohr. Das aber verweise auf den Einfluss antijüdischer Propaganda und den damals verbreiteten antijüdischen Konsens, demzufolge Juden in Deutschland nicht als Teil der "Volksgemeinschaft" galten.

Zwar könne man der deutschen Gesellschaft nach heutigem Wissensstand keinen allgemeinen "Mordkonsens" unterstellen, sagt der Experte. Aber das Beispiel des Polizeibataillons 101, dessen Angehörige wie die anderer Einheiten auch aus der "sozialen Mitte" der Gesellschaft stammten, mache eben deutlich, dass Mordbefehle vor dem Hintergrund der antisemitischen Stimmung der damaligen Zeit anscheinend bereits genügten, um Taten zu begehen, die man aus eigenem Antrieb niemals begangen hätte. "Es bedurfte gar nicht eines persönlichen Mordwillens des einzelnen Täters. Das ist das eigentlich Irritierende", resümiert Bajohr.

Auch für Kopitzsch ist das der zentrale Punkt, der 70 Jahre nach den Massakern der Polizisten in Polen unverändert aktuell ist. "Die Frage ist doch: Wie weit ist eine Gesellschaft manipulierbar? Wie weit sind staatliche Instanzen wie die Polizei zu beeinflussen, wie schnell geht so etwas?"

Dagegen helfe nur eines, betont der Polizeipräsident: "Werte vermitteln - und zwar sehr eindrücklich." Es gehe um eine "entschiedenes 'Nie wieder' von uns allen".

Damit künftig nirgends auf der Welt ganz gewöhnliche Männer morgens über eine Landstraße fahren, um an einem Ortsrand einen Mordbefehl in Empfang zu nehmen.