In Rekordzeit schafften sie die Trümmer weg

Serie: Das Buch "Die Stadt, die auferstand" zeichnet ein eindringliches Bild vom Wiederaufbau. Acht Jahre dauerte es, bis in Hamburg die 43 Millionen Kubikmeter Schutt weggeräumt waren. Stadtplaner Prof. Gustav Oelsner prägte den Wiederaufbau.

Das beherrschende Gesprächsthema der beiden Senatsgäste Herbert Weichmann und Gustav Oelsner in der Hotelpension Rudolf Prem an der Außenalster waren an diesem warmen Frühsommertag im Juni 1948 die Trümmerwüsten und Ruinenfelder in Hamburg. Herbert Weichmann schrieb seiner Frau Elsbeth, die zunächst noch in New York geblieben war, über die Begegnung mit Oelsner: Ich habe mit ihm, da wir dieselben Probleme haben, natürlich geplaudert, und dieser Mann ist irgendwie ein Phänomen, ein Gralsritter, der den Geist bewahrt und ausstrahlt, den wir als den besten Geist des Jahrhunderts kennen. Er ist heute an die 70 Jahre, ein kleiner bebarteter Mann mit strahlenden dunklen Augen, durchdrungen von menschlicher Güte und bis in jede Bewegung hinein erfüllt von künstlerisch gestaltetem Geist. Ach ja, die Ruinen hier, das habe ich auch in der Türkei gesehen, in den von Erdbeben zerstörten Ortschaften, und das ist alles wieder aufzubauen.

Gustav Oelsner trat 1949 in den Dienst der Hansestadt und prägte als Stadtplaner ihren Wiederaufbau. Es bedurfte wohl eines Mannes mit seiner optimistischen Grundhaltung, um nicht zu verzagen angesichts der entsetzlichen Erblast des Krieges. Der langjährige Bausenator Paul Nevermann (SPD) hat sehr anschaulich beschrieben, was der Begriff Aufbau unter den realen Bedingungen der ersten Nachkriegsjahre bedeutete - daß kein Weg mit Selbstverständlichkeit vorgezeichnet war, daß wir unsere Entscheidungen im Chaos treffen mußten, manche Entscheidung auch, die noch nicht dem eigentlichen Aufbauziel entsprach, sondern ein undogmatisches Provisorium darstellen mußte. Darum rissen auch die Probleme nicht ab, ebensowenig, wie die Gespräche über den Weg und die Sinngebung der einzelnen Aufbaumaßnahmen enden wollten.

Zu treffen waren Grundsatzentscheidungen über die Enttrümmerung und über die Trümmerverwertung. Beides sollte nicht nur ein technischer, sondern auch ein symbolischer Vorgang sein für die Beseitigung der Diktatur und die freie Bahn für die Demokratie. Zu den Erfahrungen dieser ersten Jahre gehörten die Sorge vor den Herbst- und Frühjahrsstürmen, die Ruinen einstürzen ließen, die Beseitigung der zahlreichen Blindgänger und die mühseligen Anfänge des Wohnungsbaus, der für die Militärregierung absolut nicht vordringlich war. Deren Baulenkung galt vor allem dem Straßen- und dem Militärbau. Im Jahr 1946 entfielen gerade elf Prozent der äußerst knappen Baustoffe auf den Wohnungsbau, und ohnehin arbeiteten die Baufirmen und ihre Beschäftigten damals lieber für das Nahrungsmittelgewerbe. Wohnungsunternehmen waren dagegen unattraktiv, denn sie hatten nichts zum Kompensieren.

Ein wichtiges Zwischenziel im Wiederaufbau Hamburgs war erreicht, als das Tiefbauamt am 5. November 1953 die Trümmerräumung über Straßenniveau in der Stadt für beendet erklärte. Acht Jahre nach dem Kriegsende kam darin eine Leistung zum Ausdruck, die so damals kaum jemand für möglich gehalten hätte. Hamburg war eine der am stärksten zerstörten deutschen Großstädte: Mehr als 10 000 ausgebrannte Ruinen und rund 43 Millionen Kubikmeter Schutt hinterließ der Krieg. Die Trümmer hätten, in Güterwaggons verladen, eine Zuglänge von rund 40 000 Kilometern, also die Länge des Erdumfangs ergeben. Fachleute waren der Auffassung, daß für die Räumung 15 bis 20 Jahre veranschlagt werden müßten. Es ging schneller, weil zeitweise 63 große Bagger, zwei Trümmerbahnen und Tausende von Arbeitskräften eingesetzt wurden. Das Tiefbauamt ging 1953 davon aus, daß in den Kellern der Stadt noch zwölf Millionen Kubikmeter Schutt liegen und zum größten Teil auch bleiben würden.

Ausschlaggebend für die raschen Fortschritte bei der Trümmerbeseitigung waren mehrere Faktoren. Einer der wichtigsten war, daß die Räumung von vornherein privaten Firmen übertragen worden war. Von 1946 bis 1948 wurden zunächst die Trümmerflächen in der Innenstadt abgeräumt, dann vor allem in teilzerstörten Stadtteilen wie Harburg, Wandsbek, Altona, St. Pauli und Eimsbüttel. Günstig gelegene Ablagerungsmöglichkeiten fand man im Stadtgraben zwischen der Jungiusstraße und dem Millerntor, der aufgefüllt wurde, ferner in zahlreichen Fleeten und in stillgelegten Kiesgruben am Stadtrand. Der Ballindamm wurde mit Trümmerschutt zur Alster hin verbreitert. Erhebliche Trümmermengen wurden mit Schuten abtransportiert und an der Elbe für Landgewinnungs- und Stromregulierungsarbeiten verwendet. 1948 erforderte die Währungsreform rationellere Methoden, weil das neue Geld auch den Staat zum besonders sparsamen Umgang mit den finanziellen Mitteln zwang. Man entschied sich für einen kombinierten Straßen- und Gleistransport. Von der Umschlaganlage West auf dem Eimsbüttler Marktplatz führte bis 1951 eine eingleisige Trümmerbahn bis nach Eidelstedt, auf der mehr als 1,5 Millionen Kubikmeter Schutt abgefahren wurden. Am Rande des Altonaer Volksparks entstand eine riesige Trümmerhalde, die mit Mutterboden abgedeckt und aufgeforstet wurde. Weitere Trümmer wurden beim Bau des Volksparkstadions eingesetzt. Von der Umschlaganlage Ost auf dem Gelände des Thörl-Parks an der Sievekingsallee führte eine 7,5 Kilometer lange, zweigleisige Feldbahn bis zur Grube Öjendorf, die 3,5 Millionen Kubikmeter Trümmer aufnahm.

Der Trümmerschutt aus St. Georg wurde beim Bau der Neuen Lombardsbrücke für die Aufschüttung der Böschungen verwendet. Insgesamt war die Beseitigung der Trümmer eine der eindrucksvollsten Aufbauleistungen in der Hansestadt.


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Die Nachricht, auf die unzählige Menschen in der noch jungen Bundesrepublik, vor allem an der Küste, gewartet hatten, lief am 28. Februar 1952 über die Fernschreiber: Das Luftfahrtministerium in London gab bekannt, daß die Insel Helgoland, die der Royal Air Force bisher als Bombenziel gedient hatte, gemäß dem britischen Versprechen am 1. März freigegeben und der Verfügungsgewalt der Bundesregierung unterstellt wird. Der Außenpolitische Ausschuß des Bundestags hatte zuvor zugestimmt, daß der Große Knechtsand vor der Wesermündung als Ersatzbombenziel zur Verfügung gestellt wurde. Die Kosten für den Wiederaufbau Helgolands wurden auf 60 Millionen D-Mark geschätzt. Bundeskanzler Konrad Adenauer würdigte die Freigabe in einer Rundfunkansprache: Der Aufbau Helgolands ist eine Herzenssache des deutschen Volkes. Ohne Verzug werden Ingenieure und Techniker jetzt an die Arbeit gehen und den Boden für das Aufbauwerk vorbereiten. Für eine geraume Zeit freilich wird zum Schutze der Bevölkerung und im wohlverstandenen Interesse des Wiederaufbaus durch ein Bundesgesetz bestimmt werden müssen, daß die Insel nur mit besonderer Erlaubnis betreten werden darf. Die letzten britischen Bomben detonierten auf Helgoland am 21. Februar 1952 ein Abschiedsgruß, der in der deutschen Öffentlichkeit mit Unmut aufgenommen wurde. Die Sprengung Helgolands am 18. April 1947 sollte trotz internationaler Proteste jeden Wiederaufbau des Eilands unmöglich machen. Doch es war anders gekommen. Schon im Mai 1952 wurden auf Helgoland erste Versuchshäuser errichtet, und im Mai 1956 durften erste Gäste die Insel betreten, die zur Großbaustelle geworden war.

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