Der Blaubart von Mottenburg

Serie: Fritz Honka tötete von 1970 bis 1975 vier Frauen. Der Nachtwächter aus Ottensen gilt als unheimlichster Serienkiller der Nachkriegszeit. Seine Opfer lernte er in Kiez-Spelunken kennen.

Fritz Honka war ein Mann, den zu beschreiben nicht schwer fiel. Schmächtig, mit schielenden Augen und einer schiefen Nase. Was all jenen, die ihn sahen und kannten, aber besonders in Erinnerung blieb: die für sein geringes Körpermaß erstaunlich großen Hände mit langen, gebogenen Fingernägeln. Mit diesen Händen soll Fritz Honka zwischen 1970 und 1975 vier Frauen erdrosselt und verstümmelt haben. Als "Blaubart von Mottenburg" ging Honka in die Kriminalgeschichte ein, als wohl unheimlichster Serienmörder der Nachkriegszeit.

Honka wurde enttarnt, nachdem ein Feuer in seinem Wohnhaus an der Zeißstraße 74 in Ottensen loderte. Feuerwehrleute stießen in den Abseiten der kleinen Dachwohnung oben links auf verweste Leichenteile, als sie nach verborgenen Brandnestern suchten. In blauen Plastiksäcken lagen die Überreste von Frauen, mit denen Honka zuerst Sex und dann Streit hatte. Ihre Namen: Gertrud Bräuer, Friseurin, gestorben 1970, Anna Beuschel, Hausfrau, gestorben Oktober 1974, Frieda Roblick, Prostituierte, gestorben Dezember 1974, Ruth Schult, Prostituierte, gestorben Januar 1975.

Der Ottensener Nachtwächter war ein gescheiterter Mann - schon bevor das Hamburger Landgericht ihn im Dezember 1976 zu 15 Jahren Haft und Einweisung in eine Nervenheilanstalt verurteilte. Aufgewachsen in ärmlichsten, lieblosen Verhältnissen in Leipziger Kinderheimen kam er 1956 als 21jähriger nach Hamburg, um Werftarbeiter bei den Howaldtswerken zu werden. Er heiratete eine Frau, die vier Kinder von vier Männern hatte. Das Paar trennte sich, kam wieder zusammen, zeugte einen Sohn, trennte sich wieder. Honka verbrachte seine Freizeit fortan in Spelunken abseits der Reeperbahn. Stundenlang saß er im "Goldenen Handschuh" oder im "Elbschloss Keller", rauchte Sheffield, trank gelbe Brause mit Korn. In diesen Kneipen lernte er seine Opfer kennen, gescheiterte Existenzen wie er, die niemand vermißte, als sie verschwanden. Sie gingen mit Honka, um für ein paar Korn die Nacht im Warmen zu verbringen.

Als Gegenleistung boten sie das, was für Honka, so ein Gutachter im Prozeß, "eine herausragende Wichtigkeit im Leben" hatte: Sex nach seinen von Machtphantasien beherrschten Vorstellungen. In allen vier Fällen waren es kleinste Anlässe, die Honka zum Mörder werden ließen. Gertrud Bräuer stieß den Betrunkenen weg, als er sich über sie hermachen wollte, Anna Beuschel verhielt sich für Honka zu passiv: "Sie lag nur da wie ein Brett", beschwerte sich Honka noch im Verhör. Frieda Roblick verweigerte sich ihm, Ruth Schult täuschte ihm im Streit vor, sie habe ihn mit Syphilis angesteckt.

1976, im Prozeß wegen Mordes (Fall Bräuer) und Totschlags in drei Fällen, ließ sich Honka, der längst schaurige Berühmtheit weit über Hamburg hinaus erlangt hatte, von Star-Anwalt Rolf Bossi vertreten. Einer der Sätze, mit denen der "Mörder mit dem Menjoubärtchen" gestand: "Es kann schon sein, daß ich mit den Taten etwas zu tun habe. Außer mir war ja keiner da", sagte Honka.

1976 wurde er in die Psychiatrie eingewiesen. 1993 kam er frei, lebte seine letzten Jahre unter dem Aliasnamen "Peter Jensen" in einem Altenheim in Scharbeutz. Niemand dort wußte etwas über das Vorleben des an Bronchitis erkrankten Einzelgängers. Honka selbst aber wurde seine Vergangenheit nicht los. Immer wieder beschwerte er sich bei Pflegerinnen, daß es aus den Abseiten seines Zimmers nach Leichen riechen würde. 1998 starb er, so einsam, wie er lebte, im AK Ochsenzoll.


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Die Serie wird morgen fortgesetzt - im Hamburger Abendblatt und auf NDR 90,3: Dort wird der Schauspieler Wolfgang Völz um 8.20 Uhr sowie um 17.40 Uhr den Fall des "Lords von Barmbeck" schildern.