Hamburgs Mördern auf der Spur

Kripo erhöht den Fahndungsdruck in ungeklärten Fällen - weil sie dank neuer Techniken viele Indizien jetzt erst richtig auswerten kann.

Hamburg. Beim Stichwort "Opa Gnädig" packt selbst hart gesottene Profis im Hamburger Polizeipräsidium das Entsetzen. In der Nacht auf den 31. Mai 1997 wurde der 77 Jahre alte Rentner Herbert Gnädig in seiner Wohnung am Moorburger Elbdeich mit einem glühenden Feuerhaken gefoltert und schließlich erwürgt. Die Polizei fand den Rentner tot - blutüberströmt, mit gefesselten Händen und Füßen, Augen und Mund überklebt. Es war einer der brutalsten Mordfälle in der Hamburger Verbrechensgeschichte.

Der Mörder ist noch immer auf freiem Fuß; die Indizien führten trotz einer Großfahndung zu keinem Erfolg. Jedoch: Er kann sich heute, gut sechs Jahre nach der Tat, weniger denn je in Sicherheit wiegen - dank großer Fortschritte der Wissenschaft. Präzisere kriminaltechnische Untersuchungsmethoden wie der "genetische Fingerabdruck" (DNA) mit Hilfe winzigster Mengen Speichel, Sperma, Haut oder Haar führen dazu, dass selbst jahrelang zurückliegende Kapitalverbrechen aufgerollt werden können. Täter, die bislang glaubten, ungeschoren davonzukommen, geraten zusehends unter Druck: Die Schlinge der Fahnder kann sich jederzeit zuziehen.

Das ist das Ergebnis einer Gesprächsrunde auf Initiative des Hamburger Abendblatts im Polizei-Hauptquartier in Alsterdorf. Die Experten: Peter König, Leiter der Arbeitsgruppe DNA, Jens Asmußen, stellvertretender Leiter der Mordkommission, Dr. Jürgen Wasilewski, Chef der Kriminaltechnik. Die Informationen dieser Experten lesen sich wie eine Kampfansage an Schwerverbrecher: "Altfälle werden aufgearbeitet. Ermittlungserfolge sind nur eine Frage der Zeit."

Durch Hightech erhalten alte Mordfälle "ein Gesicht". Selbst der vorsichtigste Gewaltverbrecher hinterlässt einen unverwechselbaren Stempel. Festgehalten auf Kleidung, an Tassen, Flaschen oder Zigaretten, auf Papier oder Haut. Gesichert in der Asservatenkammer der Staatsanwaltschaft. Während man diesen Stempel einst nicht lesen konnte, kommt nun Licht ins Dunkel. "Mit einer Fehlerquote von 1:20 Milliarden", sagt Kriminalwissenschaftler Wasilewski. Dank der Gentechnik.

Spektakuläre Fahndungstreffer werden keine Ausnahme bleiben. So wie die Ermittlungen in Sachen Regina Fischer: Die damals 20-jährige Verkäuferin war am 23. September 1988 in Wathlingen bei Celle vergewaltigt und erstochen worden. Aus Spermaspuren an der Leiche haben Mitarbeiter des Landeskriminalamtes Hannover molekulargenetische Spuren gesichert. Jetzt, 15 Jahre nach der Tat, soll ein groß angelegter Speicheltest in Wathlingen und Umgebung die Ermittler auf die richtige Fährte führen.

Überall in Deutschland werden alte Mordakten wieder geöffnet. Auch in Hamburg. Mut macht der Kriminalpolizei der Fall Mignon Bruderhofer. Die 83 Jahre alte Rentnerin war im August 1997 in ihrer Wohnung in Altona ermordet worden - vermutlich von einem Junkie. Nachdem damals sämtliche Spuren ins Leere führten, brachte ein bisschen Speichel an einem Zigarettenpapier fünf Jahre später die Wende. Die DNA-Formel an einer selbst gedrehten Kippe, unter dem Sofa der Toten entdeckt, wurde mit der DNA-Datei des Bundeskriminalamtes verglichen: Volltreffer! Die Speichelprobe stimmt mit einer weiteren überein, die der Täter einst in Niedersachsen abgeben musste, nachdem man ihn wegen eines Einbruchs festgenommen hatte.

Michael Sch., der sich längst aus dem Drogenmilieu gelöst hatte und mit Freundin und Kind in Berlin lebte, wähnte sich - was den Mord an der Rentnerin betraf - in Sicherheit. Früher wäre er vermutlich entkommen, nun aber rückte die Polizei auf Grund der DNA-Analyse mit einem Haftbefehl an. Sch. gestand und wurde im September 2002 vom Hamburger Landgericht wegen Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Beide Fälle dokumentieren die technische Aufrüstung der Fahnder. Im Fall Regina Fischer ergab die DNA-Probe des Mörders keine Übereinstimmung mit der Datenbank des Bundes in Wiesbaden. Seit 1998 kann dieses technische Wunderwerk genutzt werden. "Darin sind etwa 300 000 Personen mit ihrem persönlichen DNA-Stempel gespeichert", sagt Kriminalhauptkommissar König, "von denen rund 6000 aus Hamburg stammen."

Überwiegend handelt es sich dabei um Gendaten von erfassten Personen, parallel sind aber auch rund 40 000 genetische Angaben über noch nicht geklärte Täterspuren gespeichert. In dem Zentralcomputer wird "nicht jeder Ladendiebstahl" gespeichert; es muss eine "erhebliche Straftat" vorliegen. Faustregel: von schwerem Diebstahl oder gefährlicher Körperverletzung an aufwärts. Hamburgs Polizeipräsident Udo Nagel fordert sogar eine Ausweitung: Jeder Straftäter soll nicht nur seinen Finger-, sondern auch seine DNA-Marke abgeben.

Im Gegensatz zum Fall der Hamburger Rentnerin Mignon Bruderhofer, bei dem der Täter durch Abgleich des Gen-Codes mit dem Bundes-PC identifiziert wurde, müssen in Sachen Regina Fischer viele Personen aus dem Umfeld oder Wohnort der Opfer aufgefordert werden, ihre Speichelproben für die DNA-Markierung freiwillig abzugeben. Doch obwohl der Aufwand beträchtlich ist, nehmen derartige Fälle zu.

  • 1995 wurden in Torgau bei Dresden die 17-jährige Antje Köhler und ihre Cousine Sandy (1) ermordet. Anfang 2003 forderte die Polizei fast 10 000 Männer zwischen 28 und 53 Jahren, die damals in Torgau gelebt hatten, zum Gentest auf.
  • Ab 1. Juli dieses Jahres mussten 5000 Männer aus Herzberg in Brandenburg Speichel und Fingerabdrücke abgeben. Ebenfalls in Sachen Köhler.
  • Auf der Suche nach einem Serienvergewaltiger gaben in Bochum-Querenburg 6800 Männer freiwillig Proben ab.
  • Um einen Mord in Katzenow (Nordvorpommern) aufzuklären, wurden im letzten Monat 4000 Männer zum Test aufgefordert.

Acht Massengentests, die vor dem Jahr 2002 organisiert wurden, erbrachten in vier Fällen den Täter - durch konkrete Deckung mit den DNA-Daten, durch auffälliges Verhalten während der Untersuchung oder durch Geständnis. In Zukunft wird diese Art Sisyphos-Arbeit immer mehr zum gebräuchlichen Mittel polizeilicher Aufklärung. Bei jeder fünften Datenbank-Abfragen ist das Ergebnis positiv.

Je mehr Peter König mit den 13 Kollegen der Hamburger Arbeitsgemeinschaft DNA Altfälle aufarbeitet, desto größer werden die Erfolgschancen. Rund die Hälfte von einstmals 16 000 Alt-Akten ist erfasst und aufbereitet, so dass man in diesen Fällen die neuen Methoden anwenden kann. Hand in Hand mit den 31 Kollegen der Mordkommission und den 125 Experten aus der Kriminaltechnik ziehen die DNA-Spezialisten das Netz gegen Schwerkriminelle in Hamburg von Tag zu Tag enger.

Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, auch andere Horrorstücke aus der Hamburger Mordgeschichte doch noch erfolgreich abzuschließen. Bei rund 100 Mordfällen in Hamburg pro Jahr und einer Aufklärungsquote von mehr als 92 Prozent ergeben sich allein aus den letzten 20 Jahren weit über hundert offene Fälle. In jedem Fall ist es gut, dass Kleidungsstücke, Fingerabdrücke und andere Indizien in der Asservatenkammer eingelagert wurden - jetzt hilft die Technologie des 21. Jahrhunderts. Wer heute niest oder einen Gegenstand berührt, hinterlässt genug Speichel oder Hautpartikel, um zweifelsfrei DNA-identifiziert zu werden.

"Auch nach vielen Jahren kann kein Täter sicher sein", sagt Jens Asmußen von der Mordkommission. Die Akten Hamburger Verbrechen wie im Fall des "Silvester-Mordes" 1993/94 an Claudia Hucke in Harburg oder des Foltertodes von Herbert Gnädig werden nicht geschlossen. Ganz im Gegenteil: Die Aufklärungschance steigt von Tag zu Tag.