Debatte

Die Heiligkeit des Michel bleibt erhalten

Die Befragung von Wirtschaftsexperten hat ihr legitimes Recht im Kirchenraum, erwidert der Hauptpastor den Kritikern

St. Michaelis ist ein kraftvoller Raum des Gebets und Gesangs. Er ist es seit mehr als 350 Jahren trotz der vielen Sünden, Bosheiten und Ideologien, die Menschen in diese Kirche getragen und an ihr verübt haben. St. Michaelis ist ein solcher Raum geblieben auch nach den Wirtschaftsforen, die hier stattgefunden haben. St. Michaelis wird ein solcher Raum auch während und nach dem diesjährigen Wirtschaftsforum bleiben.

Die Debatte, die durch den Beitrag von Staatsrat a. D. Dirk Reimers ausgelöst wurde, wird überwiegend emotional geführt. Die Heiligkeit des Ortes sei berührt, gar beschädigt oder zerstört dadurch, dass in der Kirche von Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft kontrovers über ein Thema debattiert werde, das ausnahmslos alle betreffe.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat ausführlich und kritisch zur wirtschaftlichen Lage, zur Rolle mancher Banken und ihrer Vertreter sowie einer christlich-ethisch verantworteten Unternehmenspolitik Stellung bezogen. Es ist ein Thema, das die Würde des Menschen betrifft und die biblischen Begriffe von "Recht und Gerechtigkeit" in unserer Gesellschaft auch als eine theologische Größe betont. Eben diese kritische Befragung wird ein wesentlicher Aspekt des Forums sein und gehört nicht nur in den Raum der Kirche, sondern hat ihr legitimes Recht im Kirchenraum. Dadurch wird der Heiligkeit des Raums keinerlei Abbruch getan, denn Heiligkeit ist kein persönliches Gefühl eines Menschen, sondern eine Größe, die sich allein der Zusage Gottes verdankt, an solchem Ort - aber nicht ausschließlich an solchem Ort - seine Gegenwart zu bezeugen in Wort und Sakrament. Vom 'billigen Verkauf der Kirche', von 'Verscherbeln', 'Kommerz' und 'cooler location' ist in den Kritiken die Rede. Dazu wird auf Jesus verwiesen, der wutentbrannt die Händler aus dem Tempel getrieben hat. Diese Tat wird leichtfertig auf das Wirtschaftsforum bezogen. Jesus hat die Kleinhändler aus dem Tempel getrieben, und zwar weil sie durch Geschäftemacherei einen falschen Gottesdienst förderten - Stichwort: Freikauf vor Gott statt Umkehr und Buße - und sich daran noch bereicherten. Jesus hat eines allerdings nicht getan: den Sünder verurteilt - selbst nicht die großen und am meisten Verachteten in der Gesellschaft seiner Zeit. Er hat ihnen die Leviten gelesen, ihnen ein "Wehe" entgegengerufen, aber ihnen nicht den Dialog aufgekündigt oder sie ohne Gespräch, ohne Ermahnung verurteilt. Der frühere Hauptpastor an St. Jacobi, Erdmann Neumeister, hat es 1718 sehr treffend in einer Lieddichtung formuliert: Jesus nimmt die Sünder an; mich hat er auch angenommen.

Was mich erschreckt an den emotionalen, zum Teil aggressiven Reaktionen, ist die fehlende Bereitschaft zum Dialog und das Verdammungsurteil, das über einige der am Forum Beteiligten gesprochen wird. Das negative Ansehen der Personen und das so gewichtig gemachte Stichwort "Kommerz" überlagern den wirtschaftsethischen Aspekt des Forums derartig, dass der Inhalt vollkommen aus dem Blick gerät.

Das Wirtschaftsforum der "Zeit" wurde von Beginn an durch die EKD und den Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer beratend begleitet. Zielgruppe sind Unternehmer, die von Journalisten und Vertretern der Kirche auch kritisch befragt werden. Das ist der Sinn der Begegnungen hier.

Dass die Teilnahme 1600 Euro kostet, ist die Entscheidung des Veranstalters. Die Gemeinde vermietet die Kirche, wie sie es für die meisten der hier stattfindenden Konzerte tut. Das ist ihr gutes Recht. Von den Einnahmen erhält St. Michaelis einen sehr geringen Anteil, sodass von "Verscherbeln" oder "Verkauf der Seele" zu sprechen, eine kühne und haltlose Behauptung ist.

Das Wirtschaftsforum dient dem kritischen Dialog. Das hat in der Kirche eine theologisch begründbare Berechtigung. Ein Sakrileg ist es allemal nicht.

Dem letzten Satz von Herrn Reimers kann ich - wenn auch mit anderer Akzentsetzung - zustimmen: Der Michel gehört nicht allein der Kirche.

Alexander Röder, 51, ist seit 2005 Hauptpastor von St. Michaelis, des Hamburger Wahrzeichens