Hamburg-Niendorf

"Haltestelle Zur Wurst": Currywurst mit Meeresrauschen

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Henrik Jacobs

Der Imbiss "Haltestelle Zur Wurst" hat sich in Niendorf zum beliebten Treffpunkt entwickelt. Prominente Gäste von Uwe Seeler bis Olli Dittrich.

Hamburg. Viermal täglich pendelt der Bus der Linie 391 zwischen Niendorf Markt und Hagenbecks Tierpark. An der Haltestelle Niendorfer Straße warten nur selten Fahrgäste. Dennoch stoppen die Busfahrer hier regelmäßig, um Margret und Mathias Wolter zu grüßen. Die beiden drücken den Fahrern dann des Öfteren eine Tasse Kaffee in die Hand. An der großen Kreuzung betreibt das Ehepaar seit 2006 die "Haltestelle Zur Wurst", eine kultverdächtige Imbissbude in Niendorf. Dort, wo jahrelang ein alter Kiosk leer stand, herrscht heute Hochbetrieb. Zwischen den Abfahrtszeiten parken auf der Bushaltestelle die Gäste.

"Voolkeeer!", ruft Mathias Wolter, als ein Kunde um 11 Uhr den ganz in rot gehaltenen Eingangsbereich betritt. Auf die Art begrüßt der 67-Jährige mit den langen blonden Haaren und dem hanseatischen Slang seine treuen Gäste. Die meisten wollen sich mit einer Currywurst stärken, schon seit 9.30 Uhr gehen die ersten Portionen plus Pommes über die Theke. Viele Kunden kommen aber erst am späten Vormittag. Manche Gäste wollen dann einfach nur klönen. "Ich bin hier, um mit dir über den HSV zu reden", sagt Stammgast Volker Uthoff, 71. Bei den Wolters stößt er damit jederzeit auf offene Ohren. Mathias besitzt seit 30 Jahren eine Dauerkarte im Volkspark, Margret, 58, ist ebenfalls glühender HSV-Fan. Und das, obwohl das Trainingsgelände des FC St. Pauli direkt hinter der Imbissbude liegt. Seit dort das Lokal "Zügellos" geschlossen hat, kommen auch viele Trainingsgäste des Zweitligisten zur Haltestelle.

Thema Nummer eins aber ist derzeit: der HSV-Trainer. " Horst Hrubesch muss es machen", sagt Mathias Wolter. "Das ist eine Hamburger Kultfigur. Mit dem könnte sich jeder Fan identifizieren." Und schon beginnt eine hitzige Diskussion mit den Gästen. "Der HSV braucht keine Kultfigur, sondern einen erfahrenen Trainer", sagt ein Besucher, der sich gerade das vierte Bier öffnet.

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Kultfiguren sind Margret und Mathias Wolter in Niendorf längst selbst. Ihre offenen Ohren für die Sorgen der Gäste werden an der "Haltestelle zur Wurst" geschätzt. Es ist kurz vor 14 Uhr, die Schlange der Mittagsgäste ist auf ein Minimum geschrumpft. Im Vorzelt sitzen noch ein paar Stammkunden. Mathias zündet sich eine Zigarette an. Er ist leidenschaftlicher Raucher. "Ich habe in meinem Leben sechs Jahre nicht geraucht, dann musste ich zur Schule", scherzt er. Wie so oft fühlen sich die Gäste gut unterhalten. Zwischen 14 und 16 Uhr bleibt viel Zeit zum Plausch. Die Wolters erzählen aus ihrem Leben. Stolz berichtet der frühere HSV-Tennistrainer Mathias, wie er einst unter Kuno Klötzer bei den Fußballprofis mittrainieren durfte. Im selben Jahr, 1975, lernten sich Margret und Mathias in der Hamburger Tennisschule kennen. 15 Jahre führte das Ehepaar die Betriebssportanlage der Vereinsbank in Niendorf. 2004 wurde die Anlage geschlossen. Die Idee für ein neues Standbein folgte nur kurze Zeit später. "In Niendorf fehlte ein klassischer Imbiss", erinnert sich Margret. Durch einen Zeitungsartikel wurden sie auf den leer stehenden Kiosk aufmerksam. Bis zur Eröffnung vergingen zwei Jahre.

Der Erfolg kam dafür schnell. "Es gibt in dieser Gegend nichts Vergleichbares", sagt Stammkunde Volker Uthoff. Auch die fairen Preise werden geschätzt. Das Schaschlik-Filet ist mit 3,50 Euro die teuerste Mahlzeit.

"Hier trifft sich Gott und die Welt. Das Ambiente ist toll", sagt Bernd Breuer, 75, während man im Lärm der nächsten Grünphase sein eigenes Wort kaum versteht. "Das ist hier wie Frühstück bei Stephanie, nicht wahr Bernd?", sagt Mathias Wolter in Anlehnung an die preisgekrönte Comedy-Serie im Radio.

Gegen 16 Uhr drängen sich neue Besucher vor der Hütte. Spieler des FC St. Pauli sind nicht dabei. "Das erlaubt ihr Speiseplan nicht, sonst kriegen sie Stubenarrest", erklärt Margret Wolter. "Einmal kam der Pliquett. Aber der hat nur seinen Hund gesucht."

Am Imbissfenster hängen Autogrammkarten von prominenten Besuchern. Holger Stanislawski und Helmut Schulte waren ebenso da wie Oliver "Dittsche" Dittrich und Otto Waalkes. Gerne kommt auch HSV-Idol Uwe Seeler vorbei. Er habe sogar von der "besten Currywurst Hamburgs" gesprochen, erzählt Mathias. Für einen Schnappschuss biss Seeler in eine Wurst, obwohl er zuvor schon zwei verspeist hatte. "Uwe ist halt ein herzensguter Mensch", sagt Margret.

Um die beste Currywurst zu finden, testete Margret gemeinsam mit ihren Töchtern Eva und Elisa diverse Sorten und Soßen. Dafür hat sie die "ultimative Soßenmischung" seit der Eröffnung nicht mehr verändert. "Wir essen auch jeden Tag selbst eine Wurst. Aber nur die Angebrannten", sagt Margret mit einem Augenzwinkern.

Es ist 18 Uhr, und die letzten Gäste verlassen langsam den Imbiss. Die Wolters ziehen ihre roten Schürzen aus und schließen den Laden. Am nächsten Morgen um 8 Uhr stehen schon wieder die ersten Autos auf der Haltestelle. Geschlossen hat der Imbiss nur am Wochenende und zu Weihnachten. Sie genieße dann ein Stück Privatleben, sagt Margret. "Aber eigentlich brauchen wir gar keinen Urlaub. Mit ein bisschen Fantasie und geschlossenen Augen klingt der Straßenlärm wie Meeresrauschen", ergänzt sie. Die Wolters gucken sich kurz an. Dann müssen beide herzhaft lachen.

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