Hamburg

Das kleine Reich von "Oma Holland" in Blankenese

Corrie Cassee ist aus den Niederlanden in die Nähe ihrer Tochter gezogen. Sie wohnt auf 22 Quadratmetern im kleinsten Haus des Treppenviertels.

Hamburg. Als ihr Mann starb, saß sie plötzlich allein in der großen Fünf-Zimmer-Wohnung, mitten im Wald, nahe dem niederländischen Veldhoven. Damals, vor vier Jahren, musste sie rekapitulieren, was sie dort hält, wo ihre Lieben sind und ob es wirklich stimmt, dass man einen alten Baum nicht verpflanzt.

Es kann schon sein, sagt Corrie Cassee heute, dass sie nie nach Blankenese gezogen wäre, hätte ihr das Schicksal nicht dieses üble Kantholz in die Speichen des Lebens geschleudert. Und ja, dann und wann sei sie noch traurig deswegen, obwohl es ihr jetzt gutgehe und es auch schon vier Jahre her sei, dass ein Schlaganfall das Leben ihres Mannes beendete "Drei Wochen hat er noch auf der Intensivstation gelegen", sagt sie. "Dann haben sie die Maschinen abgestellt." Ihr Blick fällt auf die mintgrüne Kommode, die sie danach hat anfertigen lassen. Zwei rote Zahlen stehen da: 1941 und 1942 - "unsere Geburtsjahre".

Vor mehr als einem Jahr hat die heute 69-Jährige dann beschlossen, dass man einen alten Baum sehr wohl verpflanzen kann. Sie verkaufte die Möbel, kündigte die Wohnung und gab ihr altes Fünf-Zimmer-Leben in Holland auf, um ihr neues auf 22 engen deutschen Quadratmetern zu beginnen. Sie zog nach Hamburg, in ein neues Land, eine neue Stadt und vor allem in die Nähe ihrer Tochter Anneliese, die mit ihrem Mann und den fünf Kindern Christiana, Taran, Ansgar, Freya und Liv im oberen Teil des Treppenviertels wohnt.

Seitdem lebt "Oma Holland", wie das Schild an der weiß-blauen Tür verkündet, im kleinsten Haus des Blankeneser Treppenviertels. Ein ehemaliges Waschhaus, das sich in der verwinkelten Straße ebenso sanft an den Elbhang schmiegt wie die nahen Villen von Otto Waalkes oder Walter Scheuerl. Nur ist es eben viel kleiner, mit einem weißen Holzzaun und einem übersichtlichen Steingarten.

Genau genommen ist das Haus gar kein Haus, sondern die Miniatur eines solchen. Hobbits könnten hier gut leben, aber eine alleinstehende ältere Dame? "Ach wissen Sie, ich komme gut über die Runden", sagt sie, während sie frisch gekochten Cappuccino durch die schmale Wohnzimmertür manövriert. "Ich kann die Elbe sehen, habe meinen Hund. Und wenn mir langweilig ist, gehe ich einfach hinauf zu meiner Tochter." Sie nehme dann immer einen anderen Weg, um das malerische Viertel mit seinen 58 Treppen und 4864 Stufen besser kennenzulernen.

In ihrem Haus hat sie die Steiff-Kuschltiere ihres Mannes akkurat aufgereiht. Darunter hängt ein Flachbildschirm, der riesig wirkt, weil alles um ihn herum so eng ist. Die mintgrüne Kommode und eine graue Eckcouch, ebenfalls extra für das Haus angefertigt, füllen den Platz des Wohnzimmers aus. Hinzu kommen eine winzige Dusche und ein etwa zehn Quadratmeter großes Schlafzimmer, das über eine steile Treppe zu erreichen ist. Manche würden so etwas Hundehütte nennen. Corrie Cassee nennt es ihr Zuhause.

"Ich habe mich gleich in das Haus verliebt", sagt sie. "Dabei kannte ich es nur vom Foto." Eine Bekannte ihrer Tochter habe vorher hier gewohnt. Mit ihrem Kind. "Da frage ich mich immer noch, wie das eigentlich ging - zwei Menschen auf so engem Raum", sagt Corrie Cassee. Jedenfalls packte sie die Gelegenheit beim Schopfe, mietete das Minihaus aus der Ferne, war nah bei ihrer Tochter und erkannte erst später, welches Glück sie hatte, in einer solchen Lage unterzukommen.

Und weil auch Vermieter wissen, dass Lage, Lage, Lage die drei entscheidenden Kriterien bei der Wohnungssuche sind, kostet der Quadratmeter in der schlichten Behausung fast 30 Euro kalt. "600 Euro zahle ich im Monat. Das ist zwar ziemlich viel, aber mit meiner Rente und der Hinterlassenschaft meines Mannes komme ich zurecht", sagt die Niederländerin, während sie den Blick aus ihrem Schlafzimmerfenster preist. Und tatsächlich ist die Elbe hier so nah, dass das dumpfe Brummen der vorbeiziehenden Containerriesen die Scheiben zum Vibrieren bringt.

Auch die Nachbarschaft sei unbezahlbar, sagt sie. "Ich genieße es!" Im Gegensatz zu den Niederlanden werde sie hier stets freundlich gegrüßt, eine Nachbarin spricht sogar Holländisch mit ihr und das, obwohl sich Hündin Tessa und der Artgenosse aus der Nachbarschaft nicht riechen können. "Das ist schon toll." Im Übrigen sei das Umfeld nicht so nobel wie man gemeinhin denke. Unter Wohlhabenden, Prominenten und Ur-Blankenesern gebe es genügend Kreative und "ganz normale Leute", die das Viertel zu einer lebenswerten Gegend machten. "Nur in der Ansprache und beim Einkaufen merke ich, dass ich jetzt in einem Elbvorort wohne", sagt die ältere Dame. Sie müsse wohl noch daran arbeiten, nicht alle Fremden in guter niederländischer Gewohnheit in Grund und Boden zu duzen.

Klar, manchmal sei sie auch einsam, so ganz allein in diesem kleinen Haus. "Aber wenn ich meine Familie schon nicht komplett hierher einladen kann, so habe ich sie doch immer bei mir." Ihre älteste Enkelin finde zwar schlimm, dass sie Fotos ihres verstorbenen Mannes, der zwei Töchter und der sechs Enkel überall im Haus verteilt habe. "Aber so sehe ich sie jeden Tag", sagt Corrie Cassee. Und wenn sie doch mal Heimweh plage, dann blicke sie hinüber ins Alte Land. Da liegt ein bisschen Holland ganz nah.