Leitartikel

Gängeviertel als Modell

Der Vertrag der Initiative mit der Stadt ist eine historische Chance für Hamburg

Es soll Behördenvorgänge geben, bei denen Akten in 24 Monaten gerade mal von einem Schreibtisch zum nächsten umgebettet werden. Vor etwas mehr als zwei Jahren begann mit einem inzwischen schon fast legendären Hoffest die Wiederbelebung des historischen Gängeviertels, das nach etlichen verunglückten Versilberungsversuchen mitten in der City vor sich hin moderte. Jetzt sind die Verhandlungen mit dem Senat erfolgreich beendet. Wer das prophezeit hätte, als alles ebenso euphorisch wie blauäugig begann, wäre wegen akuten Fieberverdachts krankgeschrieben worden.

Ende August 2009 waren zunächst nur einige Künstler und Kreative in die Gänge gekommen, um dort (direkt gegenüber von einem Polizeirevier) eine ganz andere Art der Hausbesetzung zu inszenieren: friedlich, clever, wegweisend, aber dennoch alternativ zum gängigen Denken über Kultur und Stadt, Kommerz und Gesellschaft. Der Maler Daniel Richter übernahm die Schirmherrschaft. Die Sache kam ins Rollen, die Demos wurden immer größer, die Stadt kaufte das Areal vom Investor zurück. Ein Traum wurde wahrer und wahrer.

Überall in Hamburg wurde auf einmal laut und mutig über Stadtentwicklung diskutiert. Das Bürgertum sah und verstand, dass man hier - auch ohne Goldknöpfe am dunkelblauen Sakko und ohne Jägerzaun vorm Reihenhaus - zeitgemäßen Bürgersinn demonstrieren kann. Die einstige "Freie und Abrissstadt" begann, sich ein neues, intelligenteres Image aufzubauen und deswegen auch überregional wieder zum Sympathieträger und Vorbild zu werden.

Viele Bewohner wurden dadurch wieder stolz auf ihre Stadt, auf diejenigen, die sich aktiv von unten einmischten. Aus dem vermeintlichen Subkultur- und Minderheitenprogramm wurde Stadtgespräch, auch in Gegenden, die nicht nur räumlich von freien Künstlern in beschämend prekären Finanzverhältnissen weit entfernt sind. Das Quartier schafft es sogar bis auf die Kino-Leinwand, denn einer der Hauptcharaktere in Fatih Akins herzerwärmender Hamburg-Hommage "Soul Kitchen" wohnte: im Gängeviertel. Mehr Positiv-PR, ganz ohne Stadtmarketing-Gedröhne für Kiez-WG-Konstrukte, geht nicht.

All das wäre nicht passiert, wenn in den Jahren davor so viel nicht passiert wäre. All das wäre nicht passiert, wenn an dieser Adresse nicht jahrelang selbstlos gehandelt und renoviert worden wäre. Der Gegenwert dieser freiwilligen Selbstausbeutung dürfte inzwischen in die Millionen gehen.

Hamburg habe enorm vom Thema Gängeviertel profitiert, sagte Kultursenatorin Barbara Kisseler erst vor wenigen Tagen. Damit brachte die Ex-Berlinerin einen traditionell nicht unwichtigen Teil der hiesigen Mentalität auf den Punkt: Dinge müssen sich rechnen, damit sie etwas bringen. Das ist hier der Fall. Und die alles entscheidende Währung dabei ist Vertrauen.

Das Gute an diesem Happy End: Damit ist nicht das Ende erreicht, sondern ein Anfang gewagt. "Was du bist, bist du nur durch Verträge", heißt es in Wagners "Ring". Wie wahr. Beide Vertragspartner haben nun Rechte und Pflichten bei der Sanierung und Belebung des Areals. Sie werden sich beispielhaft verhalten müssen, denn diese Baustelle wird in den nächsten Jahren weitaus mehr sein als ein x-beliebiges Sanierungsgebiet. Das Gängeviertel wird Modellregion sein, um zu erleben, ob und wie die Mischung aus Leben, Wohnen und Kreativsein in der Stadt funktionieren kann. Der Traum kann Wirklichkeit werden.