Debatte

Die Widerspenstigkeit der Wutbürger

| Lesedauer: 4 Minuten
Ralf Konersmann

Kritik sieht anders aus. Zorn und Groll über "die da oben" können das politische Augenmaß nicht ersetzen, mahnt der Philosoph

Die Stimmung im Land hat sich gedreht. Der Schnelldurchlauf durch die Jahre der Republik macht das Ausmaß der Veränderung, deren Zeugen wir heute sind, schlagend deutlich: Nach einer im Rückblick erstaunlich kurzen Phase des Wegsehens und der kollektiven Anästhesie setzte vor rund 50 Jahren eine Phase des Hinsehens und der moralischen Aufmerksamkeit ein, eine Phase der Kritik. Nachdem sie eben noch als Miesmacherei und Nestbeschmutzung geschmäht worden war, nahm nun jedermann für sich in Anspruch, kritisch zu sein. Die Republik demokratisierte sich von unten, Kritik wurde selbstverständlich.

Inzwischen ist diese Wertschätzung verblasst oder genauer: Die Kritik hat sich verändert, sie ist dem Ärger, dem Unwillen und der Wut immer ähnlicher geworden. Wir leben in Tagen des Zorns.

Die neue Renitenz der "Wutbürger" hat ihre eigene Sprache, ihre eigene Symbolik und Dramaturgie. Auf der Bühne des wutbürgerlichen Weltbildes herrscht eine klare Hierarchie zwischen "denen da oben" und den Gerechten hier unten, die nicht die Macht, dafür aber die Moral auf ihrer Seite wissen. Diese neue, postkritische Wut ist der Fanatismus der Saturierten. Sie fühlen sich gekränkt, wollen sich nun nichts mehr bieten lassen und proben aus einem tiefen, jäh sich Bahn brechenden Groll heraus den Aufstand.

Die Frage ist also nicht und gerade nicht, ob die Wut im Recht ist oder ob ihr Widerstand gegen Atommeiler, bauliche Gigantomanie und Sparpolitik begründet ist. Das Problem besteht vielmehr darin, dass die Wut eine Einstellung vorgibt, die denjenigen, der sie teilt, immer schon und unter allen Umständen ins Recht gesetzt hat.

Auf seiner eigenen Bühne ist der Wütende, und nur er allein, im Besitz der Wahrheit, der Ausschluss selbst des leisesten Zweifels ist garantiert. Im Gegenzug bringt die Wut den Abstand zwischen ihm und den großen Problemen der Welt da draußen zum Verschwinden und gestattet es ihm, unmittelbar und zu seinen Bedingungen an ihnen teilzuhaben. Die jüngsten Berichte aus Japan, die über das Leid der Menschen schnell hinweg waren, um die Atomangst des deutschen Zuschauers bedienen zu können, sind Spiegelbilder dieser Einstellung und ihrer spießbürgerlichen Egozentrik. Fast schien es, als seien diejenigen die wahren Opfer, die hierzulande, weit weg von den Ereignissen, den allabendlichen "Brennpunkt" verfolgten. Dass hier, auf der anderen Seite des Globus, Geigerzähler zum Verkaufshit wurden, zeigt das ganze Ausmaß der Verwirrung.

Kritik ist anders. Sie ist eine Sache der Distanz und bezweifelt, gleichsam von Amts wegen, dass die Angst eine gute Ratgeberin sei. Kritik fordert einen kühlen Kopf, sie verlangt Sachverstand, Gesprächsbereitschaft, Urteilskraft. Gewiss verfehlte auch die Kritik, und zumal die attitüdenhafte Kritik der Achtundsechziger, regelmäßig ihren Anspruch. Was jedoch jetzt an ihre Stelle zu treten droht, ist keine Alternative, sondern der Inbegriff dieser Verfehlungen. Die öffentliche Wut ist rechthaberisch, starrsinnig, selbstgerecht, hysterisch.

Als Kulturphänomen betrachtet, ist die neue Renitenz dennoch aufschlussreich. Sie gibt uns zu verstehen, dass ein bestimmter Typus der Kritik, der Typus der Bescheidwisserei und der intellektuellen Arroganz, sich überlebt hat. In einem himmelblauen, hunderttausendfach verkauften, doch offenbar kaum gelesenen Büchlein hat jetzt der französische Publizist Stéphane Hessel auf die mentalen Verschiebungen, die sich so und ähnlich in ganz Westeuropa beobachten lassen, reagiert. Hessel spricht von Empörung, und diese "indignation" ist etwas ganz anderes als die Renitenz der Wutbürger.

Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass sich die Empörung nicht als persönliche Betroffenheit inszenieren muss. Sie ist frei, sie ist egalitär, sie bleibt offen für politisches Augenmaß und wählt ihre Anlässe selbst. Während die Wut immer nur um denjenigen kreist, der sich ihr hingibt, bleibt die Empörung an die Sache selbst gebunden und hat nichts zu fürchten - es sei denn die Lethargie. Die Empörung, und nicht die Wut, ist die legitime Erbin der Kritik.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg