Waldorfpädagogik

Eurythmie: Rudolf Steiner bittet zum Tanz

Foto: Marcelo Hernandez

Am Erfinder der Eurythmie und der Waldorfpädagogik schieden sich die Geister schon zu Lebzeiten. Vor 150 Jahren wurde der bizarre Denker geboren.

Die Schleier leuchten in warmen Farben, sie umfließen die Körper bei jeder Bewegung. Fünf Schülerinnen der 11. Klasse gestalten eine Etüde von Chopin. Eurythmielehrerin Astrid Klose hat die Tanzfigur an die Tafel gemalt, eine Art vierblättriges Kleeblatt. Auf imaginären Linien folgen die Schülerinnen den verschlungenen Kreisen in alle vier Richtungen. Die Musik dazu kommt nicht vom Band, in der Ecke spielt eine zweite Lehrkraft am Flügel. Am Vormittag hat Astrid Klose hier mit einer vierten Klasse ein Gedicht in Bewegungen umgesetzt: Goethes "Der Türmer". Die Zehnjährigen in primelgelben Eurythmiekitteln scharrten mit Gymnastikschuhen übers Parkett und kopierten mit großen Augen, was ihnen die Lehrerin vormachte: eine Art Weltumarmung, die das Gedicht ausdrückt. Bei den 17-Jährigen wirkt es schon wie eine geistig gestaltete Bewegung. In jeder Waldorfschule ist Eurythmie Pflichtfach bis zum Abschluss.

Die Wandfarben der Eingangshalle sind ausgesucht nach Rudolf Steiners Farbenlehre, die große Deckenleuchte wirkt wie eine Art-déco-Kostbarkeit. Es riecht nach Schule, aber auch - tatsächlich - nach Nüssen und Salatsprossen. Waldorfschulen sind ein alternatives sinnliches Erlebnis und sollen es sein. Sie hätten "einen gesellschaftspolitischen Auftrag, der Standardisierung und Mechanisierung des Bildungswesens entgegenzuwirken", betont Henning Kullak-Ublick vom Bundesvorstand der Freien Waldorfschulen. Mit einem "rein ökonomisch definierten Bildungssystem", das nur auf Output setze, sei nichts gewonnen.

Diese Botschaft kommt heute bei vielen Eltern gut an, die vom globalen Leistungsdruck, von PISA und ständigen Schulreformen genervt sind. Schulen in privater Trägerschaft, die eine Alternative zu diesem Chaos versprechen, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Unter ihnen setzen die Waldorfschulen einen ganz eigenen Akzent, und den verdanken sie ihrem Gründer: Rudolf Steiner (1861-1925).

Die Eurythmie, exklusives Fach der Waldorfpädagogik, war ein Schlüsselbegriff für ihn: Als "sichtbaren Gesang", als eine "Offenbarung der sprechenden Seele" hat er diese Form des Kunsttanzes umschrieben. Buchstaben, auch Farben und Töne haben entsprechende Bewegungen. Das I beispielsweise ist "Selbstbehauptung, Sich-Hineinstellen in die Welt" - der rechte Arm reckt sich nach oben. Steiner bestimmte auch, dass in weiten, wadenlangen Tuniken getanzt wird, die den "Ätherleib" symbolisieren sollen. Wer vertraut sei mit der Eurythmie, "wird nicht zu hören brauchen im Allgemeinen ein Gedicht, sondern würde lesen können dasjenige, was der Inhalt eines Gedichtes ist, aus den Bewegungen", schrieb er.

Klingt ein bisschen wie Yoda, der Jedi-Meister aus "Star Wars". Gemeint war: In der Eurythmie spricht aus dem Menschen die Weltseele; mit seiner getanzten Imagination der Welt könne er sein wahres Wesen ausdrücken und für andere verstehbar machen. So weit ist das Jedi-Bild gar nicht hergeholt: Steiner sah sich als Verbindungsmann zu dieser Weltseele. Der Begründer der Anthroposophie empfand sich als Künder einer Weisheit, die anderen verborgen blieb. Mit der Anthroposophie (griechisch anthropos, Mensch, und sophia, Lehre) wollte er allen seine umfassende kosmologische Anschauung der menschlichen Existenz erschließen. Die sei eben nicht nur sinnlich erfassbar, sondern auch übersinnlich.

Das wirkt heute nach befremdlich esoterischer Spinnerei. Aber Waldorfschüler sind keine ätherischen Wesen. Sie büffeln Mathe, haben Sportunterricht, mühen sich durch die Französisch-Grammatik. Auch wenn sich Kerngedanken der Anthroposophie an den Waldorfschulen erhalten haben: Es sind Gesamtschulen wie andere, die Schüler nehmen an allen Vergleichsarbeiten teil und absolvieren die gleichen Abschlussprüfungen wie alle übrigen. Wer Steiner war, wissen viele gar nicht so genau - und viele Eltern auch nicht.

Auf jeden Fall ist der gebürtige Österreicher neben Freud, Mahler, Kafka eine der schillerndsten Persönlichkeiten, die die Umbruchszeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Einer, der vom Karma sprach und von einem "Ätherleib" um jedes Individuum. Einer, der schwer fassbar ist. Für die Historikerin Miriam Gebhardt, Autorin der jüngsten Steiner-Biografie, war er ein "moderner Prophet".

Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, bewegte er sich nach dem Studium in Wien jahrelang im akademischen Prekariat - als Hauslehrer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Goethe-Schiller-Archiv in Weimar und als Lehrer an Karl Liebknechts Arbeiterschule in Berlin, bevor er den Weg des reisenden Propheten einschlug. Mit Erfolg: Aus dem unterschätzten Pädagogen wurde ein gefragter Redner mit Verbindungen in die Berliner Boheme. Rund 5000 Vorträge hat er bis zu seinem Tod 1925 gehalten, Theaterstücke inszeniert, 42 Bücher geschrieben. Dieser Aufstieg erklärt sich vor allem durch die aufblühende Reformbewegung gegen Ende der Kaiserzeit, schreibt Miriam Gebhardt. Die Moderne überforderte gerade das Bürgertum mit Entwurzelung, Schnelllebigkeit, Revolution und Werteverfall. Verschiedenste Reformvereine verhießen Heilung: durch vegetarisches Essen, Abstinenzlertum, Freikörperkultur, Reformkleidung, Hygiene oder ganzheitliche Medizin.

Der Hunger des Publikums beflügelte Steiner, sagt Miriam Gebhardt. "Er wollte auch seine Ideen der Erdzeitalter und der Entwicklung der Menschen verbreiten und sprach über immer mehr Praxisfelder, über Eurythmie, Landwirtschaft, Medizin, Pädagogik, zum Teil auf Anfrage. Er war nachfrageorientiert - ein sehr modernes Phänomen." Nicht alle waren begeistert. Steiners Texte seien "ungenießbar", befand Hermann Hesse. "Ich kenne sehr liebe Leute, die Steinerverehrer sind, aber für mich hat dieser krampfhafte Magier und überanstrengte Willensmensch nie einen Moment etwas vom Begnadeten gehabt, im Gegenteil."

Aber der Willensmensch hatte ein Talent zur Selbstinszenierung. Stets trat Steiner im schwarzen Gehrock auf, eine lange Strähne seines schwarzen Haars fiel ihm ins Gesicht, seine schwarzen Augen beschworen die Zuhörer. In seiner Autobiografie ging Steiner auf seine Visionen ein, seine Fähigkeit, mit den Toten Kontakt aufzunehmen. Es war die Zeit der Lebensreformer, die Zeit der großen, tollkühnen Entwürfe.

Die erste Waldorfschule, die er 1919 in Stuttgart eröffnet hatte, verdankte ihren Namen der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, deren Direktor Emil Molts eine Schule für Arbeiterkinder finanzierte und Steiner um das Konzept bat. Steiner wollte Schulen, in denen alle Schichten vertreten waren. Die Nazis sahen ihn mit Misstrauen: 1935 wurde Steiners Anthroposophische Gesellschaft verboten, die Waldorfschulen durften keine ersten Klassen mehr aufnehmen. Steiners Pädagogik galt als "zu individualistisch".

Heute stehen einige seiner pädagogischen Grundideen in krassem Widerspruch zu den Erkenntnissen der kindlichen Entwicklungspsychologie. Etwa die Annahme eines siebenjährigen Entwicklungszyklus beim Kind. Oder die Vorstellung, ein Kind solle nicht selbst forschen und ausprobieren, sondern müsse stets in allem angeleitet werden. "Er traut den Kindern wenig Kompetenzen zu", sagt Miriam Gebhardt. "In diesem Punkt ist er nicht fortschrittlich gewesen."

Deshalb wirken manche Waldorfkindergärten heute auch wie eine künstlich bewahrte Idylle, in der Kassettenrekorder und "mediale Reizquellen" von den Kindern ferngehalten werden. Hat sich die Reform vom Reformer Steiner eigentlich emanzipiert? "Ja, das frage ich mich", sagt Miriam Gebhardt, die bei ihren Lesungen sowohl auf Waldorf-Adepten wie auf Steiner-Gegner stößt. Das Bild sei uneinheitlich.

Gudrun von Wedel, selbstständige Produktentwicklerin, hat ihre drei Kinder zwischen zehn und 15 Jahren auf die Waldorfschule in Hausbruch gegeben. "Das war eine bewusste Entscheidung von meinem Mann und mir, kurz nach dem PISA-Schock", sagt sie.

"Uns hat die ganzheitliche Pädagogik der Waldorfschule zugesagt, die handwerkliche, musische und künstlerische Ausrichtung." Eine weltanschauliche Beeinflussung sieht sie nicht: "Die Anthroposophie ist ja nicht Bestandteil des Unterrichts. Das war mir auch wichtig: eine Freiheit der Entwicklung meiner Kinder." So sehen es die meisten Eltern. Selbst die Eurythmie ist akzeptiert: "Sie tut den Kindern gut, gerade wenn sie in der Pubertät so in sich zusammensacken", meint Gudrun von Wedel.

"Vieles ist bei uns weltoffener geworden", sagt die Waldorf-Lehrerin Astrid Klose. Eine Abschottung gegen das Internet, das Fernsehen und andere "mediale Reize" scheint unmöglich. "Natürlich haben unsere Schüler Handys. Wir wollen nur, dass sie während der Schulzeit ausgeschaltet sind, so wie an anderen Schulen auch."