Krankenkasser Securvita

Vorzeige-Unternehmer im Zwielicht

Foto: Reto Klar

Thomas Martens hat die Securvita-Unternehmensgruppe aus dem Nichts aufgebaut. Jetzt wird ihm schwere Untreue vorgeworfen.

St. Georg. Thomas Martens ist nicht irgendwer in der deutschen Gesundheitsszene. Die "Zeit" sieht in ihm einen "Rebellen", der die "Branche der Krankenversicherer aufmischt". Und so ist die von Martens gegründete Securvita BKK auch nicht irgendeine gesetzliche Krankenkasse. Erst seit 1997 auf dem Markt, hat sie heute 170 000 Versicherte. Tendenz steigend. Denn sie gibt sich so ganz anders, als man es von der AOK oder der DAK gewohnt ist: nämlich jung, ökologisch, ganzheitlich. "Eine kleine Krankenkasse profiliert sich als Lifestyle-Unternehmen", schrieb der "Spiegel".

Wer auf Naturheilverfahren, Maltherapien oder Akupunktur schwört, der ist hier richtig. "Wir stehen für einen umfassenderen, ganzheitlichen Ansatz in der Medizin, für eine klare Alternative in der Gesundheitspolitik und für neue Wege im Versicherungswesen", beschreibt Martens selbst seine Securvita BKK.

Der 52-Jährige ist bereits 1984 ins Geschäft mit Krankenversicherungen eingestiegen. Damals, als erst 25-Jähriger, gründete er eine Gesellschaft, um alternative Versicherungskonzepte zu entwickeln. Im Laufe der Jahre baute er ein komplexes Firmenkonglomerat auf: Mal geht es um Versicherungsmakler, mal um Finanzdienstleistungen, mal um ökologische Geldanlagen. Als im Zuge der Gesundheitsreform 1996 die Regeln für die gesetzliche Krankenversicherung gelockert wurden, gründete Martens die Securvita BKK. Und er holte sich Querdenker in sein Unternehmen: Birgit Radow, vorher Geschäftsführerin von Greenpeace Deutschland, und Dr. Ellis Huber, der frühere Berliner Ärztekammerpräsident - beide talkshowerprobte Dauerkritiker des deutschen Gesundheitswesens. Huber war auch schon Geschäftsführer in einem anderen Martens-Unternehmen gewesen: der Securvita Konzept GmbH. Das Konzept der neuen Kasse ging auf: 1600 Mitglieder waren es im Gründungsjahr, nach 15 Jahren hat sich die Zahl mehr als verhundertfacht.

Es gibt schlechtere Mieter als ein solches Unternehmen. Wenn die Securvita BKK 13 000 Quadratmeter Bürofläche gleich für 20 Jahre mieten will, dann muss sich der Vermieter keine Sorgen mehr machen. Für die Versicherungskammer Bayern ist der Gebäudekomplex am Lübeckertordamm in Hamburg also das, was man ein sicheres Investment nennt. Das bestätigt auch der Immobilienexperte Oliver Horstmann, Mitglied der Geschäftsleitung von Engel & Völkers Commercial Hamburg. "Dass mindestens 50 Prozent der Flächen schon vor Baubeginn vermietet sind, ist gängige Praxis", sagt er. Im Fall der Securvita BKK waren es etwa 70 Prozent. Horstmann: "20-jährige Mietverträge sind jedoch eher die Ausnahme." Üblich seien zehn bis 15-jährige Laufzeiten.

Die Versicherten der Securvita sind es letztendlich, die für Tausende Quadratmeter Büroflächen am Lübeckertordamm zahlen, auch wenn sie ungenutzt bleiben. Wie ein auf 3000 bis 4000 Quadratmetern geplantes Gesundheitszentrum, das noch nicht verwirklicht worden ist. Und für die dennoch 14,23 Euro pro Quadratmeter und Monat bezahlt werden. Auf 202 000 Euro monatlich summierte sich die gesamte Kaltmiete nach dem Einzug 2007. Seit dem 1. Januar 2010 ist die Miete sogar noch höher. Der Vorstand Helge N. hatte eine Ergänzung des Mietvertrags unterschrieben, die zu einer monatlich um 46 520 Euro höheren Miete führte. Als Gegenleistung soll der Vermieter den Ausbau des Gesundheitszentrums für 5,375 Millionen Euro übernehmen. Wegen dieses Vertrags wird gegen Helge N. ermittelt - wie auch gegen einen seiner Vorgänger Michael P. Helge N. wurde im März 2010 seines Amtes als Vorstand enthoben. Die Securvita BKK begründet das mit groben Verstößen gegen die Amtspflicht.

Helge N. wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern, Michael P. war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Auch Ellis Huber war aufgrund einer Reise nicht erreichbar.

Es gibt jedenfalls tiefe Kratzer am bisher so strahlenden Öko-Image der Securvita und ihres Gründers. Thomas Martens spielt in diesem Spiel mehrere Rollen. Zum einen ist der Gründer der Securvita BKK bis heute Vorsitzender des Verwaltungsrats - vergleichbar mit dem Aufsichtsrat einer AG. Zum anderen war er es, der über die L.T.D. Lübeckertordamm Entwicklungs GmbH (LTD) den Mietvertrag eingefädelt hat. Mitgesellschafter der LTD war die Securvita Konzept GmbH, deren Alleingesellschafter Martens ist. Die LTD hat den Mietvertrag mit der Securvita BKK bereits im Dezember 2002 abgeschlossen. Martens als Geschäftsführer der LTD einigte sich mit der Stadt Hamburg auf den Verkauf des Grundstücks, das dem 2004 privatisierten Landesbetrieb Krankenhäuser gehört hatte. Die Finanzbehörde vergab das Grundstück ohne Ausschreibung als Teil der Wirtschaftsförderung. Dafür verlangte sie einen langfristigen Mietvertrag, denn sie wollte, dass der Sitz der Krankenkasse in Hamburg bleibt.

Die Anteile an der LTD wechselten am 3. November 2004 den Eigentümer. Die Versicherungskammer Bayern und die Bayern-Versicherung Lebensversicherung AG kauften die Geschäftsanteile der Securvita Konzept GmbH an der LTD im Nennwert von 50 000 Euro für 4,225 Millionen Euro. Zwei Wochen später wurde der Verkauf des Grundstücks an die LTD beurkundet. Das Geschäft schadete der Securvita BKK - Juristen sprechen von einem Vermögensnachteil. Das bestätigen auch die beiden Rechtsgutachten der Bremer Kanzlei Ahlers & Vogel sowie des Hamburger Anwalts Johann Schwenn. Die Vorwürfe, dem die Staatsanwaltschaft Hamburg nachgeht, sind Untreue und Treuebruch.

Doch auch gegen die Vorgaben des Bundesversicherungsamts (BVA) soll verstoßen worden sein. Maßgeblich sind die "Leitlinien 88". Demnach gelten Mietverträge über einen Zeitraum von mehr als 15 Jahren als unflexibel. Außerdem sollen alle Mietverträge einer Krankenkasse, sofern die Fläche 500 Quadratmeter übersteigt, dem BVA vorgelegt werden. "Der Mietvertrag wurde uns nicht vor der Unterzeichnung vorgelegt. Wir hätten den 20-jährigen Mietvertrag beanstandet. Er gilt bei uns nicht als wirtschaftlich", erklärte Tobias Schmidt, Sprecher des BVA, auf Abendblatt-Anfrage. Schmidt bestätigte auch, dass das BVA im Juli 2010 Strafanzeige erstattet habe.

Untreue ist kein Kavaliersdelikt: Sollten die Beschuldigten verurteilt werden, drohen bis zu fünf Jahre Haft.