Debatte

Bildungsgutscheine haben nichts mit Bildung zu tun

Die Politik beschränkt sich statt mühsamer Orientierung auf achselzuckende Hinnahme der Verhältnisse. Vergessen ist die urdemokratische Idee "Aufstieg durch Bildung"

Zu den Reizthemen der letzten Monate auch im Zusammenhang mit der Hartz-IV-Reform gehört der sogenannte Bildungsgutschein. Die Erwartungen, die sich mit diesem Steuerungsinstrument verbinden, sind bemerkenswert, weil sie zeigen, was die Zuständigen eigentlich meinen, wenn sie über Bildung sprechen.

Aufschlussreich sind neben den ins Auge gefassten Bildungsorten, zu denen bekanntlich auch Badeanstalten und Sportvereine zählen, die näheren Umstände der Gutscheineinlösung. Nachdem die Berechtigten sich bei einer zertifizierten Einrichtung eingefunden und die Chipkarte durch das Lesegerät gezogen haben, um in den Genuss der kostenlosen Nutzung zu gelangen, sollen sie offenbar eine Zeitlang verweilen, um gleichsam automatisch neue Einsichten in sich aufzunehmen.

Es scheint hier eine Magie des Ortes im Spiel zu sein, eine Art Ladevorgang nach dem Vorbild des Nürnberger Trichters. Mit Bildung im ursprünglichen Sinn des Wortes hat das Geschehen denn auch nicht das Geringste zu tun.

Was ist Bildung?

Bildung gehört zu den charakteristischen und bewegendsten Grundgedanken der westlichen Kulturen. In der Perspektive der Bildung erscheint der Mensch als das unfertige Wesen, das sich zu dem macht, was es an sich ist. Der Vollzug dieser Entwicklung zu sich selbst schließt die Aufforderung ein, sich frühzeitig von lieb gewordenen Vorstellungen zu befreien und auf einen in jeder Hinsicht unsicheren Weg zu begeben.

Bildung ist ein Projekt, das Mut und Zähigkeit verlangt. Ihr Weg ist ein Weg der Veränderung, im Fall des Gelingens auch der Besserung. Er verlangt, dass der Betreffende sich selbst und die Welt kennenlernt, um zu verwirklichen, was in ihm steckt - um seiner selbst und um der Gemeinschaft willen, die von seinen Leistungen profitiert. Tatsächlich ist Bildung alles andere als eine Privatangelegenheit, und es liegt in der Sache begründet, dass sie die Politik in die Pflicht nimmt, Mittel und Infrastruktur bereitzustellen.

Die Bildungspolitik von heute hat diesen Bedingungszusammenhang aus dem Blick verloren. Man muss ihr das nicht einseitig zur Last legen. Offenbar folgt sie einem gesellschaftlichen Konsens, der von Anforderungen nichts hören will und eher dazu neigt, Ist-Zustände festzuschreiben. Dem Werden, das der Idee der Bildung zugrunde liegt, stellt dieser Konsens das So-Sein persönlicher Identitäten und Verhältnisse als unverrückbar gegenüber. In der Quotenfixierung der öffentlich-rechtlichen Medien oder im Populismus der Rechtschreibreform tritt die Neigung exemplarisch zutage, der stets mühsamen Orientierung am Optimum die achselzuckende Hinnahme der Dinge vorzuziehen, wie sie nun einmal sind.

Die verordnete pädagogische Praxis ist ein Spiegel dieser Elementarverschiebung. Auch hier haben die Zeichen geistiger Beweglichkeit - Ermunterung und Zuspruch, Neugierde und Leistung - ihren zentralen Stellenwert verloren.

Dass einige Bundesländer, während über Bildungsgutscheine diskutiert wird, laut über die Reduzierung des Lehrpersonals nachdenken, passt ins Bild. Vergessen ist die urdemokratische Idee des "Aufstiegs durch Bildung", ja mehr noch: Ihr ist der Boden entzogen.

Die verantwortliche Politik setzt längst nicht mehr auf Bildung, sie lässt rechnen. Die Veränderung und Befreiung der Köpfe wird ersetzt durch die Veränderung und Manipulation der statistischen Oberfläche. Der bürokratische Inbegriff der neuen Wirklichkeit lautet PISA. Wer bei PISA vorn dabei sein will - und im Zeitalter des Rankings gibt es dazu keine Alternative -, ist gut beraten, die unbequemen und kaum evaluierbaren Wege der Bildung zu meiden. Gut ist eine Schule nach aktuellen Maßstäben dann, wenn sie der "Kundschaft" erklärt, wie Fragebögen funktionieren, und ihr beibringt, wie man sie richtig ausfüllt.

Die Logik des Bildungsgutscheins und die Logik des Fragebogens gehören zusammen. Verstanden als Ladevorgang, wird, was einmal Bildung war, zur messbaren Größe. Die Vertreter der Empirischen Bildungsforschung, die das Geschehen teilnehmend beobachten, sind immerhin einsichtig und sprechen statt von Bildung nur noch von literacy (Alphabetisierung) - einem alltagsnahen Kompetenzbündel, dessen Erwerb auf ähnliche Weise abfragbar ist wie der theoretische Teil der Führerscheinprüfung. Es ist nur recht und billig, wenn eine Politik, die ihren Auftrag auf dieses postpädagogische Ersatzangebot beschränken will, in Zukunft von Bildung schweigt.