Flaggen

Schwarz-Rot-Streit: Konflikt unter deutschen Reedern

Foto: Bertold Fabricius

"Trittbrettfahrer", "Schmarotzer": Die Branche entzweit sich, weil viele Reeder ihre Zusage für deutsche Flaggen nicht erfüllen.

Hamburg. Als Claus-Peter Offen Mitte Dezember im Hamburger Hafen die deutsche Flagge hisste, wusste er: Das gibt Ärger. Genau das war seine Absicht. An einem Donnerstagmittag ließ er den Kapitän seines riesigen Containerfrachters "La Spezia" die Flagge von Liberia niederholen und die schwarz-rot-goldene aufziehen. Deutlicher konnte der Hamburger Reeder das Signal für die Heimatflagge nicht setzen. Dass viele in seiner Branche dabei derzeit nicht mitziehen wollen, ärgert ihn: "Es gibt eben immer Trittbrettfahrer."

Offens Flaggendemo hatte einen handfesten Hintergrund: Im Jahr 2006 vereinbarte die Bundesregierung mit dem Verband Deutscher Reeder (VDR), dass 600 Handelsschiffe Ende 2010 unter deutscher Flagge laufen sollten - 20 Prozent von insgesamt 3000 Frachtern, Tankern und Passagierschiffen, die dafür infrage kommen. Für den Fall einer wirtschaftlich schlechten Lage vereinbarten beide Seiten, dass zumindest 500 Schiffe Schwarz-Rot-Gold tragen sollten. Zum heutigen Tag zählt der VDR gerade mal 439 Schiffe. Zwischenzeitlich waren schon 500 erreicht - aber dann kam die Weltwirtschaftskrise.

Die Branche erfüllt ihre Zusage nicht, und das sorgt für Spannungen. Die Personalkosten für Schiffe unter deutscher Flagge sind höher als bei Registrierung der Schiffe etwa in Liberia oder Panama. Unter der Hand schimpfen andere Reeder auf den Großunternehmer Offen, er könne sich solche Gesten leisten, "der schwimmt ja im Geld". Umgekehrt kritisiert ein Manager einer großen Reederei "Schmarotzer", die auf stärkere Unternehmen vertrauten und ihren eigenen Anteil an der Vereinbarung nicht erfüllten.

Die Bundesregierung erwartet von den Reedereien Präsenz bei der Flagge als Bekenntnis zum Standort Deutschland. Sie betrachtet diese Geste auch als Gegenleistung für politische Weichenstellungen wie die pauschale und niedrige Tonnagesteuer auf Schiffsgewinne und nicht zuletzt für die Präsenz deutscher Marineverbände am Horn von Afrika. Dort riskieren deutsche Soldaten ihr Leben, um die internationale Schifffahrt vor Piratenüberfällen zu schützen. Und Deutschland betreibt die drittgrößte Handelsflotte der Welt.

"Ich gehe davon aus, dass bis zur Nationalen Maritimen Konferenz am 27. Mai eine deutlich höhere Zahl von Schiffen deutscher Reeder deutsch geflaggt ist", sagte Hans-Joachim Otto, der Maritime Koordinator der Bundesregierung, dem Abendblatt. "Ich kämpfe an allen Fronten dafür, dass das maritime Bündnis zwischen der Bundesregierung und der Schifffahrtsbranche hält."

Eine Reihe von Reedereien erfüllt die vereinbarten Ziele, die im Prinzip von jedem Konzern 20 Prozent Schiffe unter deutscher Flagge erfordern. Viele aber nicht. Sie begründen dies mit der schlechten wirtschaftlichen Lage, obwohl sie selbst zu den führenden Schifffahrtsunternehmen des Landes gehören. So erreicht E.R. Schifffahrt des Hamburger Reeders Erck Rickmers mit 90 Schiffen in Fahrt die Quote nach Abendblatt-Informationen nicht. "75 Prozent unserer Schiffe fahren Verlust ein", sagt Christian Rychly aus der Geschäftsführung der Charterreederei Leonhardt & Blumberg, die 51 Frachter betreibt, nur acht davon fahren mit Schwarz-Rot-Gold. Besonders die Anleger von Schiffen, die aus Kapitalfonds finanziert werden, machen Druck, die Kosten nicht zu erhöhen. Genau das geschehe aber, wenn Schiffe unter deutscher Flagge liefen, so Rychly.

Der Hamburger Tankerreeder Peter Krämer lässt kein Einziges seiner 37 Schiffe unter seiner Heimatflagge laufen. "Es gibt für Tanker nicht genügend Deutsch sprechendes Personal, das die Anforderungen der großen Ölgesellschaften erfüllt, für die wir arbeiten", sagt Jens Burgemeister aus der Geschäftsführung der Reederei Dr. Karl-Heinz Krämer. Man fahre unter der Flagge von Liberia. Das Schiffsregister des afrikanischen Staates gelte quasi als das offizielle Zweitregister der USA.

Andere Reedereien wie die Niederelbe Schifffahrtsgesellschaft (NSB) in Buxtehude, F. Laeisz oder Hansa Treuhand in Hamburg stehen ausdrücklich zu den politischen Vereinbarungen. Deutsch geflaggte Schiffe würden besser gepflegt, heißt es bei NSB. Niko Schues von F. Laeisz hebt die höhere Loyalität der Besatzungen auf seinen Schiffen hervor: "Mit ihnen lässt sich unser Qualitätsmanagement leichter umsetzen." Sönke Fanslow, Vorstand bei Hansa Treuhand, vermerkt den politischen Nutzen: "Die Tonnagesteuer ist ein internationaler Standard für Reedereien, der beibehalten werden muss. Wir erfüllen unseren Anteil an der Vereinbarung mit der Bundesregierung."

Auf Schiffen unter deutscher Flagge müssen vor allem beim Führungspersonal bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Das treibt die jährlichen Kosten je nach Schiffsgröße um 200 000 bis 400 000 Euro in die Höhe, schätzt der VDR. Vor allem für kleinere Reedereien ist das schwer zu stemmen. Zubringerschiffe haben oft weniger als ein Zehntel der Containerstellplätze, die etwa Offens Frachter "La Spezia" verzeichnet. Aber die Besatzungen sind auf beiden Frachtern fast gleich groß.

Um Härten für schwächere Reedereien zu lindern, arbeitet die Branche an einem Umlagesystem unter dem Titel "IG Deutsche Flagge". Damit sollen die Mehrkosten für Schiffe unter deutscher Flagge möglichst breit verteilt werden. Hansa-Treuhand-Vorstand Fanslow rät zum Mitmachen: "Da sollten die Unternehmen dann auch mal ihren Egoismus über Bord werfen."