Sie kamen, sahen - und halfen sofort

Held des Nordens 2010. Wie zwei Schüler eine 71-Jährige vor dem Ertrinken aus der Leine retteten.

Hannover. Es begann mit einem Zufall. Denn eigentlich nehmen Leopold und Piotr nach der Schule immer einen ganz anderen Weg nach Hause. Aber an diesem Tag wollte Leopold unbedingt noch am Tennisplatz vorbei. Und weil Piotr sein bester Freund ist, begleitete er ihn selbstverständlich. An einem anderen Tag, so viel steht fest, hätten also auch die beiden Freunde die Frau im Fluss nicht bemerkt.

Es ist der Nachmittag des 17. Juni 2010, als die beiden Jungen nahe dem Hannoverschen Rathaus an der Leine entlang radeln und ihnen im Wasser etwas Ungewöhnliches auffällt. "Ich dachte im ersten Moment: Was macht denn der Angler da?", erinnert sich der 14-jährige Piotr. Doch rasch merkt er, dass er sich irrt. Die Person in der Leine ist kein Fischer - sondern eine ältere Frau, die sich verzweifelt an einen Ast klammert, um nicht unterzugehen. Etwa zehn Meter ist der Fluss an dieser Stelle breit, es gibt eine starke Strömung. "Ich habe gerufen und gefragt, ob alles okay ist", berichtet der ebenfalls 14-jährige Leopold. Aber die Frau antwortet nicht, sie wirkt völlig erschöpft. Spätestens da ist den Jugendlichen klar, dass die ältere Dame in großer Not ist und jetzt schnelles Handeln gefragt ist.

Die Schüler teilen die Aufgaben auf: Leopold greift nach seinem Handy und ruft die Polizei. Piotr steigt wieder auf sein Rad, rast zur nächsten Brücke und dann ans andere Ufer, um näher an die Frau heranzukommen. Mit der einen Hand hält er sich an einem Ast fest, um nicht selbst ins Wasser zu fallen. "Mit der anderen Hand habe ich versucht, ihren Arm zu fassen." Immer weiter streckt Piotr sich der Dame entgegen - bis er ihre Hand erreicht. Mit großer Anstrengung gelingt es dem 14-Jährigen, die Frau ans Ufer zu ziehen.

Die Frau ist offenbar nicht nur entkräftet, sondern auch völlig unterkühlt. Gemeinsam stützen Leopold und Piotr sie und bringen sie zunächst einmal in die Sonne. Erst jetzt, als die Rettungsaktion fast vorüber ist, bemerkt Piotr seine eigene Unruhe: "Ich habe richtig gezittert, so aufgeregt war ich." Kurz darauf kommt der Rettungswagen und bringt die Frau ins Krankenhaus.

Wie die 71-Jährige überhaupt ins Wasser gelangt war, blieb auch später unklar. Ob sie geschubst wurde, wie sie zunächst angegeben hatte, oder ob sie doch gestürzt war, konnte auch die Polizei nicht abschließend klären. Klar ist nur, dass Leopold und Piotr der Dame das Leben gerettet haben - und sich damit mehr als vorbildlich verhalten haben. "Die beiden Jungen haben alles richtig gemacht. Sie haben geholfen und zeitgleich die Rettungskräfte alarmiert", lobt Polizeisprecher Thorsten Schiewe. "Das ist ein Verhalten, das wir uns von allen Bürgern wünschen."

Als zahlreiche Zeitungen am nächsten Tag von der guten Tat und dem mutigen Einsatz der beiden Schüler berichteten, waren Leopold und Piotr schon ein wenig stolz. Wichtiger jedoch, so versichern sie, war ihnen noch etwas ganz anderes: "Es ist schon ein unbeschreiblich gutes Gefühl, jemandem helfen zu können", sagt Leopold.

Nur eines hat die beiden Jungen nachdenklich gemacht. Denn die 71-Jährige muss eine ganze Weile in der Leine gelegen haben, ehe die beiden Jungen sie entdeckten. "Dass nicht früher jemand die Dame bemerkt und geholfen hat", sagt Piotr, "das hat uns sehr verwundert."