FC St. Pauli

Stadion am Millerntor: Willkommen im Ball-Haus

Foto: dpa / dpa/DPA

Sie heißen Separees, sind total angesagt und die Hingucker am Millerntor: Die schicken VIP-Logen des FC St. Pauli. Ein Stadionbesuch.

Hamburg. Vor dem Bad in der Menge muss geduscht werden", verrät die Duschordnung direkt neben dem Flutlichtschalter. Das Handtuch hängt noch über der leicht rostigen Duschstange. In den Holzspinden: Trikots und alte Bolzer der Kiezkicker Zambrano, Rothenbach und Boll. Darunter karge Holzbänke, die das Flair der alten Mannschaftskabine erahnen lassen. An die Fensterscheibe mit Blick aufs Spielfeld hat jemand St. Paulis Kampfruf gekritzelt: "Rausgehen, warm machen, weghauen!" Auf den beiden weißen Massagebänken in der Mitte des Raums wird nicht geknetet, sondern getafelt. Während die Spieler unten auf dem Rasen gegen die Kälte ansprinten, prostet man sich im vierten Stock der neuen Haupttribüne bei "Hells Bells" von AC/DC zu. Kühl, das ist hier nur das Bier.

VIP-Logen am Millerntor? Das passt so gut wie Champagner zu Bratwurst. Seitdem St. Pauli sich wieder nach oben gekämpft hat, entdecken auch etablierte Kreise den Kiezverein, der sich stolz als "non established" bezeichnet. Buchen Firmen Separees, wie die VIP-Logen beim FC St. Pauli heißen. Das Hamburger Emissionshaus Nordcapital etwa lädt neben Tesa und der Reederei Döhle Vertriebspartner ein, um "Geschäftsbeziehungen zu pflegen". Es ist neuerdings schick, ins Millerntor-Stadion zu gehen, Knolle und Currywurst oder indisches Hühnchen und dazu einen guten Wein zu kredenzen. Und "Spitzenfußball" zu gucken (was man sonst angeblich nur beim HSV kann). Dass nebenan in Susis Show Bar bislang echte Stripperinnen auftraten, nimmt man in Kauf, weil es eben St. Pauli ist - und wohl dazugehört.

"Hier ist immer gute Stimmung", sagt Florian Maack, Nordcapital-Geschäftsführer und verantwortlich für die Fußball-VIP-Logen (zuerst traditionell beim HSV, seit wenigen Monaten auch beim FC St. Pauli). Die Atmosphäre sei lockerer als in der Arena im Volkspark, man rede sofort über Fußball, nicht im Wesentlichen übers Geschäft. "Als St. Pauli in die Erste Liga aufstieg, haben wir uns für ein Separee in der neuen Haupttribüne entschieden. Es sollte aber keine Standardloge werden, denn das passt nicht zum 'Event' FC St. Pauli."

Standard - ohnehin ein Fremdwort am Millerntor und im gesamten Stadtteil. Kreativität, sprichwörtlich Herzblut, soll in die Gestaltung der Separees fließen und die Vermarktung sich möglichst heraushalten. Und so wurde aus der Nordcapital-VIP-Loge eine Rauminstallation, die die alte Umkleidekabine der Ersten Herren zitiert - "damals" noch unter dem abbruchreifen Klubheim im Keller. Idee und Konzept stammen von Werner Huehnken: "Das Separee spiegelt den Kiez wider. Hier treffen Alt und Neu, Arm und Reich aufeinander. Man fährt mit dem Rad ins Stadion und sieht feinsten Fußball, auch wenn dieses Bemühen in der Bundesliga nicht zur Blüte gereicht", sagt der Chef der Großen Freiheit Produktion und Besitzer einer lebenslangen Dauerkarte, mit Blick auf den aktuellen Tabellenplatz.

St. Pauli sei eben nicht von Hochleistungsdenken, sondern vielmehr von Zwischenmenschlichkeit geprägt. Anspielungen auf vergangene, geschichtsträchtige Spielbegegnungen flossen in die Gestaltung der Kabine ein. Etwa das Schild mit dem Hinweis "Warmduschen in der Gästekabine" oder die Massagebänke, die Oliver Kahn einst zu hart fand. Ein Abdruck von van Bommels wütendem Fußtritt gegen die Tür und Sylvie van der Vaart als Pin-up-Girl im Spind. Aber auch die eigenen Spieler werden aufs Korn genommen: So steht bei Gerald Asamoah stets eine Waage zur Gewichtskontrolle im Schrank ...

"Mit dem Umbau des Stadions haben viele Fans befürchtet, dass nun auch das Alte, Echte vom Millerntor verschwindet", sagt Robert Hoene, Vermarkter bei UFA Sports. "Das Nordcapital-Separee trägt dazu bei, dass das Besondere erhalten bleibt." Nicht nur Ex-Präsident Corny Littmann war begeistert.

In der Tat bekommt Betreiber Nordcapital häufig von seinen Gästen zu hören: "Mensch, toll, dass Sie so viel übernehmen konnten." Auch wenn die Mannschaftskabine nur alt erscheint. Denn außer der Deckenkonstruktion wurde alles neu gebaut. Dass das Separee wirklich wie eine echte Kabine aussieht, ist Nils Tünnermann zu verdanken. Der Szenenbildner ließ die Originalholzspinde nachbauen, kaufte Requisiten für das kleine Kunstwerk und ersteigerte Devotionalien im Internet wie etwa Sporttaschen aus den 70er-Jahren, gebrauchte Fußbälle, Eckfahnen und natürlich jede Menge St.-Pauli-und Piraten-Accessoires.

Während in den HSV-Logen gehobene Standard-Einrichtung vorherrscht, haben sich am Millerntor viele Kreative ausgetobt. Allen voran Hamburgs Werber: Das ewig Improvisierte bringt am besten die VIP-Loge der Agentur Nordpol zum Ausdruck: In einem aus Holz und Blech zusammengenagelten Container greift man lässig zum Bier, das auf einer Spielzeuglok daherkommt, und genießt den Augenblick - bis die Loge voraussichtlich in wenigen Jahren samt Gegentribüne zum Abriss freigegeben wird.

Dass man an den Kiezverein glauben muss, zeigt das Separee der Werbeagentur Jung von Matt in der Südtribüne. In der nachgebauten Kapelle thront ein Flachbildfernseher nebst Rasenstück und Spielerschuh auf einem Altar, von oben wachen Engel über das Fußballerglück, auf hölzernen Kirchenbänken nehmen die Gäste Platz. Sehenswert. "Viele Gäste wollen die Separees besichtigen, wir bieten sogar Führungen abseits der Spiele an, weil die Nachfrage so groß ist", sagt Vermarkter Robert Hoene. In puncto Kultstatus schließt die alte Spielerkabine zur Werber-Kapelle und Susis Show Bar locker auf. Hoene: "Die Nordcapital-Loge ist zurzeit das am meisten angesagte Separee." Nicht nur bei Geschäftsleuten.