Paarung

Die Jägerin und der Gejagte

Die schwedische Oberstaatsanwältin Marianne Ny will den WikiLeaks-Gründer Julian Assange wegen Vergewaltigung zur Strecke bringen.

Der Anwalt von Julian Assange hat neulich gesagt, Marianne Ny sei wie eine "ungesicherte Schusswaffe auf dem schwankenden Deck eines in stürmischer See befindlichen Schiffes". Sollte heißen: Diese Frau ist ja gemeingefährlich! So sieht sich die entschlossene 57-Jährige selbst natürlich gar nicht. "Wir handeln in diesem Fall, wie wir in allen Fällen handeln, in denen es um Sexualverbrechen geht", sagt die schwedische Oberstaatsanwältin. Und deshalb habe sie den Haftbefehl ausgestellt.

Tatsächlich ist der Name Ny bis vor wenigen Wochen bestenfalls Schwedens Feministinnen ein Begriff gewesen. Bei ihnen hat die Frau einen Stein im Brett, seit sie vorgeschlagen hat, Männer vorsorglich einzusperren, die von Frauen beschuldigt werden, gewalttätig geworden zu sein. Um diesen Frauen "Raum zum Nachdenken" zu verschaffen. "Erst wenn der Mann gefangen genommen ist und die Frau in aller Ruhe Zeit bekommt, mit etwas Abstand auf ihr Dasein zu blicken, bekommt sie die Chance zu entdecken, wie sie behandelt wurde." Das ist Nys Standpunkt.

Den meisten Männern wird dabei schwummerig, und auch Julian Assange scheint zu schwanen, dass sich der Mensch auf hoher See (siehe: "ungesicherte Schusswaffe") und vor Gericht in Gottes Hand befindet. Jedenfalls hat er nach seiner Festnahme in London erklärt, dass er sich mit allen rechtlichen Mitteln dagegen wehren wird, nach Schweden ausgeliefert zu werden.

Sein Antrag auf Kaution ist in England wegen Fluchtgefahr abgelehnt worden. Das wird Gründe haben. Denn wenn sich Julian Assange am Dienstag nicht freiwillig den Behörden gestellt hätte, würde Interpol vermutlich immer noch nach ihm fahnden. Und inzwischen hat der 39-Jährige ganz sicher begriffen, was ihm in Schweden blühen könnte, wo bereits die Androhung sexueller Gewalt mit bis zu sechs Jahren Gefängnis geahndet wird.

Es ist also nicht auszuschließen, dass Assange bei der nächstbesten Gelegenheit wieder abtauchen würde. Ganz abgesehen davon, dass er befürchten müsste, von Schweden in die USA weitergereicht zu werden. Wo es Leute gibt, die gerne sehr kurzen Prozess mit dem WikiLeaks-Mann machen würden, der Ende November 250 000 geheime Dossiers des US-Außenministeriums ins Netz gestellt hat. Und der den Amerikanern damit droht, noch eine ganz andere "digitale Bombe" hochgehen zu lassen. Darin enthalten seien unter anderem Papiere über Guantánamo oder eine Großbank ...

Hat das eine wirklich nichts mit dem anderen zu tun?

Vergewaltigung ist ein schweres Verbrechen und sexuelle Nötigung kein Kavaliersdelikt. Allerdings ist ein erster Haftbefehl gegen Assange in Schweden binnen 24 Stunden aufgehoben worden. Das war im August. Und erst danach hat Marianne Ny die Ermittlungen an sich gezogen, weil sie mit dem Verlauf der Sache nicht einverstanden war. Das konnte sie, weil sie seit 2007 eine der drei Berufungsinstanzen leitet, die die Entscheidungen anderer Staatsanwälte überprüfen.

Mit in Nys Boot sitzt inzwischen auch der gefürchtete Anwalt Claes Borgström. Ein Mann, der lange Schwedens "Gleichberechtigungs-Ombudsmann" gewesen ist und die dortige Frauenpartei nachdrücklich bei der Forderung nach Anerkennung einer "kollektiven Männerschuld" für Gewalt an Frauen unterstützt hat. Borgström vertritt die beiden Frauen, denen Julian Assange im August in Stockholm beim Sex Gewalt angetan haben soll. Die genauen Vorwürfe sind bislang Gegenstand von Spekulationen und basieren auf dem, was aus Justizkreisen herausgesickert ist. Angeblich soll ein einvernehmlicher geschützter in einen nicht mehr einvernehmlichen ungeschützten Geschlechtsverkehr übergegangen sein.

Marianne Ny spricht von Vergewaltigung. Dass ihr der smarte Australier, der auf seiner monatelangen Odyssee offenbar ein libertinäres Leben gelebt hat, von Herzen zuwider ist, kann man sich bei allem, was man über sie weiß, denken. Und dass Julian Assange jahrelang einen Krieg gegen seine Ex-Frau geführt hat, in dem es um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn ging, kann diese Antipathie vermutlich auch noch steigern.

Irgendwie wird man jedenfalls den Eindruck nicht los, dass Marianne Ny die Jagd auf Julian Assange zu einer sehr persönlichen Sache gemacht hat.