Der Coup des Walter Scheuerl

Der Schulreform-Gegner verzichtet auf Gründung einer eigenen Partei und tritt für die CDU an

Altstadt. Vier Stunden hatten sie hinter verschlossenen Türen im Hinterzimmer gesessen. Dann, um kurz nach 23 Uhr, präsentierte Walter Scheuerl die faustdicke Überraschung. Er werde in die Politik gehen. Aber nicht mit einer eigenen Partei, auch nicht mit einer Wählergemeinschaft. Sondern als parteiloser Kandidat auf der Liste der Hamburger CDU.

Walter Scheuerl, der Mann, der sich im Sommer noch mit dem schwarz-grünen Senat anlegte, zieht jetzt unter der Flagge von Bürgermeister Christoph Ahlhaus in den Wahlkampf. "Ich werde weiter für die Schulpolitik kämpfen, für die wir als Volksinitiative gestanden haben", sagte Scheuerl und erntete dafür lauten Beifall seiner Mitstreiter.

Die rund 60 Frauen und Männer, viele von ihnen aus dem Hamburger Westen, hatten es spannend gemacht. In einem Hinterzimmer des Restaurants Mediterano an der Rosenstraße (Altstadt) hatten sie gesessen, in roter Schrift prangte an der Tür: "Geschlossene Gesellschaft". Und das nahmen alle Teilnehmer wörtlich, die Tür blieb zu. Auch beim Reingehen in das einstige Stammlokal der Volksinitiative "Wir wollen lernen" wollte keiner etwas sagen. Unter ihnen waren durchaus bekannte Gesichter des Widerstands gegen die Schulreform: Heike Heinemann, Nicola Byok, Ute Schürpeck, Ralf Sielmann und der damalige Kampagnenleiter Frank Nebelung. Andere, weniger bekannte Mitstreiter verleugneten sogar den Anlass ihres Restaurantbesuchs und gaben vor, normale Gäste zu sein. Wer sie ansprach, erntete eine unfreundliche Abfuhr.

Walter Scheuerl selbst kam kurz vor halb acht, fast eine halbe Stunde zu spät, zu dem um 19 Uhr angesetzten Geheimtreffen. Bei ihm Ulf André Bertheau, auch er war einer der Vertrauensmänner der Initiative. Scheuerl wirkte aufgeräumt und gut gelaunt. Entgegen seine sonstige Art wollte er jedoch zunächst keinen Kommentar von sich geben. Nach einer kurzen Begrüßung verschwand auch er in dem Hinterzimmer. Das Letzte, was zu sehen war, bevor die Tür sich schloss, war die an den Raum grenzende Kegelbahn.

Noch bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Gerüchte um eine Parteigründung hartnäckig gehalten. Es war vor allem Scheuerl selbst, der sich nach dem Aus für die Primarschule öffentlich in Erinnerung hielt. Mal legte er per Pressemitteilung schulpolitisch nach, weil die damalige Senatorin Christa Goetsch (GAL) in ihrem Verhalten seinen Verdacht erregte, sie wolle die Primarschule durch die Hintertür doch noch einführen.

Dann meldete er sich zunehmend zu schulfernen Themen zu Wort: Er engagierte sich gegen die zeitweilig von Schwarz-Grün geplante Schließung des Altonaer Museums und er war auch beim Protest gegen den zeitweilig geplanten Bau der Stadtbahn mitten durch Winterhude zur Stelle.

Dabei hatte Scheuerl selbst ausgeschlossen, dass er sich nach dem Primarschulerfolg noch politisch engagieren wolle. "Ich habe nicht die Absicht, nach dem Volksentscheid in Parteigeschichten einzusteigen", hatte Scheuerl vor der Abstimmung gesagt. Das war im April dieses Jahres.

Nun die Kehrtwende, wenn auch nicht mit einer eigenen Partei. Walter Scheuerl, inzwischen eine feste Größe in der Hamburger Politik, zieht sich keineswegs zurück. Gerüchten zufolge soll Ahlhaus ihm sogar den Listenplatz 4 angeboten haben. Scheuerl selbst wollte das gestern noch nicht kommentieren. Unterdessen wird auch gemunkelt, dass die FDP den Othmarschener Rechtsanwalt umworben haben soll. Dabei sollen die Avancen jedoch nicht aus Hamburg, sondern aus der Hauptstadt von der Bundespartei der Liberalen gekommen sein.

Für die CDU könnte sich die Einbindung von Scheuerl als geschickter Schachzug erweisen. Schließlich hätte der umtriebige Frontmann der Volksinitiative den Christdemokraten durchaus Wähler streitig machen können.

Scheuerl spricht die bürgerliche Mitte an und grast damit direkt auf der Weide der Union. "Alle haben Schiss. Das geht zu unseren Lasten", hatte ein Christdemokrat noch vor Kurzem gesagt. "Das wäre ein weiterer Paukenschlag", sagte ein anderer.

So überraschend der Schritt Scheuerls auch ist, seine Mitstreiter waren voll damit einverstanden. Die Stimmung unter den Anwesenden war nach der Diskussionsrunde gelöst und geradezu aufgekratzt. Heike Heinemann sagte, es sei eine gute Entscheidung. Die Initiative "Wir wollen lernen" soll, so der weitere Beschluss, als ein Netzwerk erhalten bleiben und den bildungspolitischen Vorstellungen weiterhin Nachdruck verleihen.

Die CDU weiß, dass sie mit ihrer Unterstützung der Primarschulreform im schwarz-grünen Bündnis ihre Stammwähler zum Teil vergrault hat. Nach dem Koalitionsbruch und der kurzen Einarbeitungszeit von Ahlhaus als Bürgermeister sind die Umfragen im Keller. Mit Scheuerl, so die Hoffnung, kann die CDU Wähler zurückgewinnen.

Ganz anders ist die Lage für die FDP: Die Liberalen hatten sich als einzige Partei an den Protest gegen die Primarschule gekettet - in der Hoffnung, die Aktivisten in ihre Partei zu holen. Das Kalkül ist nicht aufgegangen. In den letzten Umfragen liegen sie unter fünf Prozent.