Fünf Fragen, fünf Antworten: Michael Gabriel

Ausgrenzen erhöht das Gewaltrisiko

Michael Gabriel, 46, ist Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte der Deutschen Sportjugend.

Hamburger Abendblatt:

1. Bei der Anreise mit der Bahn zum Spiel des HSV in Freiburg sind 70 Fans nach Schlägereien festgenommen worden. Damit kam es wieder zu Ausschreitungen. Hat der HSV ein grundsätzliches Problem mit Gewalt in der Fanszene?

Michael Gabriel:

Nein. Gerade beim HSV gilt die Organisation der Fanszene eigentlich als vorbildlich, in die alle Gruppen, Fanklubs, Allesfahrer wie Ultras eingebunden sind. Viele europäische Länder haben sich dort schon informiert. Auch die pädagogische Arbeit funktioniert. Die Ultras, nicht nur in Hamburg, haben jedoch das Problem, dass sie als attraktivste Gruppe der Jugendkultur auch junge Leute anziehen, für die der Fußball nicht so wichtig ist und die Grundsätze der Fankultur wie Verzicht auf Gewalt nicht respektieren.

2. Warum können die Ultras gewaltbereite Mitläufer nicht einfach ausgrenzen?

Gabriel:

Die Selbstregulierung funktioniert sehr wohl. Die Fan-Demo im Oktober in Berlin mit 5000 bis 6000 Ultras aus 55 Ultra-Gruppen verlief völlig gewaltfrei. Wir beobachten eine zunehmende Bereitschaft zur Selbstkritik. Es wird immer mehr erkannt, dass Überfälle auf andere Gruppen, etwa um Schals oder Fahnen zu erbeuten, die Ultrakultur von innen zerstört.

3. Dem HSV droht eine Blocksperre bei einem Auswärtsspiel. Was halten Sie davon?

Gabriel:

Ich halte sie eher für kontraproduktiv. Sie trifft die Mehrheit der Fans, die friedlich ihr Team unterstützen wollen. So wird die in der Szene verbreitete Auffassung bestärkt, dass sowieso alle gegen uns sind. Damit werden Feindbilder gepflegt. Stattdessen brauchen wir gerade diese Mehrheit der Fanszenen für den konstruktiven Dialog.

4. Können Sie Bahnreisende verstehen, die allergisch auf lautstark grölende und alkoholisierte Fans reagieren?

Gabriel:

Das Singen von lauten Liedern gehört zur Fankultur. Natürlich ist das für Mitreisende, die in Ruhe ein Buch lesen wollen, störend. Aber in der Regel ist ein vernünftiges Miteinander ohne Aggressivität sehr wohl möglich. Sehr positiv sind Sonderzüge für Fans.

5. Ein Dauerthema ist das Abbrennen von Pyrotechnik in den Stadien. Wieso können die Ultras darauf nicht einfach verzichten?

Gabriel:

Für viele gehören Bengalos einfach zur Stimmung im Stadion. Die Ultras plädieren für ein legalisiertes kontrolliertes Abbrennen in einem gekennzeichneten Bereich. Die Erfahrungen in Österreich und in Norwegen sind positiv. Ein generelles Verbot führt dazu, dass Fans mit Bengalos werfen, damit sie nicht identifiziert werden. Oder sie zünden Böller oder Rauchbomben. Das ist wirklich gefährlich.