Er kämpft gegen den sexuellen Missbrauch in der Kirche

Helden des Nordens. Sebastian Isert war selbst Opfer

Ahrensburg. Sebastian Isert geht immer noch zur Kirche. "Hin und wieder, um Ruhe zu finden", sagt der 43-Jährige aus Ahrensburg in Schleswig-Holstein. Dabei war es ein evangelischer Pastor, der Sebastian Isert, über Jahre sexuell missbraucht haben soll. Isert hat das - zusammen mit anderen Betroffenen - in diesem Jahr öffentlich gemacht. "Ich möchte der Kirche mit meinem Tun nicht schaden. Man sollte das einfach als Chance begreifen, das System zu verbessern", betont Isert.

Die Leidensgeschichte des Sebastian Isert beginnt Anfang der 80er-Jahre. Der Pastor seiner Kirchengemeinde ist ein Kumpeltyp, sucht die Nähe zu Jugendlichen. Auch zu Sebastian Isert, der damals noch Kohn heißt. Aus Nähe wird bald Missbrauch, erinnert sich Isert heute.

Doch der junge Mann schweigt, erzählt nichts von den sexuellen Übergriffen des evangelischen Pastors. "Ich konnte nicht, ich war zu schamvoll." Dann der Schock: Seine Mutter stellt den Peiniger als seinen neuen Stiefvater vor. Isert sagt nichts, zieht irgendwann von zu Hause aus und stürzt ab: Abbruch des Studiums, Alkohol, Depressionen - am Ende sogar Selbstmordversuche. 1999 wagt Isert einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Ein anderes mutmaßliches Opfer - eine junge Frau - wendet sich an die zuständige Pröpstin der Nordelbischen Kirche, und Isert erlaubt ihr, dabei auch seinen Namen zu nennen. Der Pastor, inzwischen von der Mutter getrennt, wird daraufhin zwar versetzt, doch er darf weiter mit Jugendlichen arbeiten. Isert ist enttäuscht, schweigt aber weitere elf Jahre. Bis zu diesem Frühjahr.

Die Frau von 1999 schreibt an die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen. Isert geht noch einen Schritt weiter: Er erzählt seine Geschichte der Zeitung. "Ich hatte schon Angst vor den Reaktionen auf der Straße, dass man mich dann hänselt, dass man schlecht über mich spricht. Aber das ist ja alles nicht eingetreten. Das war ja so, dass man mir höchstens auf die Schulter geklopft hat."

Anerkennung erhält Isert auch aus der Kirche. "Ich finde, dass er sehr viel hilft zum Verstehen dessen, was ein Opfer von Missbrauch erlebt und erleidet und es kostet ihn alles unendliche Kraft. Ich sehe, dass er ein sehr mutiger Mann ist", sagt Pastorin Susanne Jensen.

Die Kirche reagierte, nachdem immer neue Details ans Licht kommen. Bischöfin Jepsen tritt zurück, weil sie offenbar schon früher von Missbrauchsvorwürfen in Ahrensburg gehört, aber zu wenig auf deren Aufklärung gedrängt hatte. Der beschuldigte Pastor bittet um seine Entlassung. Der Missbrauch, die Scham und das lange Schweigen haben tiefe Spuren in Sebastian Iserts Seele hinterlassen. Bei aller Kritik ist eines Sebastian Isert wichtig: Er kämpft nicht gegen die evangelische Kirche, sondern gegen das Vergessen, gegen das Verschweigen der Verantwortlichen.