Adelsblatt-Herausgeberin

Das Leben der Von und Zus zwischen Vorbild und Fall

Foto: andreas laible

In Westerbrak im Weserbergland gibt Christina von Flotow das "Deutsche Adelsblatt" heraus. Mit Boulevard hat das nur wenig zu tun.

Westerbrak. Wenn man leicht verwirrt von den Schlagzeilen über Glamour-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und seine patente blonde Gattin Stephanie verstehen möchte, welche Faszination der Adel in Deutschland heute ausüben kann, genügt ein Einkauf im Bahnhofskiosk. Die Herz-Schmerz-Presse, die es dort in etlichen Farbschattierungen gibt, jubelt hysterisch über Traumhochzeiten und bejammert die unausweichlich folgenden Ehedramen und Scheidungs-Schlammschlachten.

Die Hofberichterstatter bedienen die Sehnsucht nach einer besseren, sicheren Welt. Einer mit klaren Verhältnissen, mit oben und unten, ohne Hartz IV und Krisenängste. Sie liefern Backrezepte für Plätzchen, "die den Hoheiten zu Weihnachten schmecken", und Tipps für "Königliches Fernsehen". Man kann sich zwischen Rheumamittel-Anzeigen und Kreuzworträtseln über Pinkelprinzen-Schwerenöter amüsieren, über Sonderlinge mit sonderbar gestrigen Namen, die viele Zeilen lang sind. Sogar ein Zwei-Seiten-Poster der schwedischen Kronprinzessin Victoria mit ihrem gegelten Daniel ist noch drin im Eintritt in den bürgerlichen Mädchentraum vom Prinzessin-Spiel. Und irgendwer echauffiert sich immer: Gerade erst sorgen die von Bismarcks auf Schloss Friedrichsruh für mächtiges Rauschen im Blätterwald.

Man kann sich aber auch im Weserbergland beim Stapfen durch den Garten des knapp 400 Jahre alten Ritterguts Westerbrak ganz altmodische Gedanken darüber machen, ob wirklich stimmt, was der Berliner "Tagesspiegel" in der Rubrik "Fragen des Tages" auf eben "Was bedeutet Adel heute?" entgegnete: "Im Prinzip nichts." Und auf "Was erwarten wir vom Adel?" kam eine leicht despektierliche, hin und her gerissene Antwort. "Vorbilder, Stil und gelegentliche Exzesse."

Adel bedeutet im Prinzip nichts? Ganz verkehrt ist das nicht. Die Privilegien des Adels wurden in Deutschland im Jahre 1918 abgeschafft. Seitdem ist alles, was nach noblen Schlössern und weit verzweigten Stammbäumen klingt, nur noch ein "nachgestellter Namensbestandteil". Im Prinzip zumindest.

Doch für Christina von Flotow, die durch den Park von Westerbrak führt, ist dieser Teil ihrer behördendefinierten Persönlichkeit zum Lebensinhalt geworden. Sie ist seit 1995 die allein herrschende Frau hinter dem "Deutschen Adelsblatt". Ein altbacken wirkendes Zentralorgan für die Von und Zus, die in importierten Trachtenjankern aus Klatschspalten herausgrinsen, könnte einem schnell und leicht herablassend herausrutschen, während Frau von Flotow ihrem Dackel hinterherruft, der sich zum wiederholten Mal eigenmächtig in die Büsche schlägt. Aber das wäre ebenso falsch wie unhöflich.

Schlagzeilenfähige Adels-Exzesse hat Gut Westerbrak - im Gegensatz zu Vorbildern und Stil - garantiert schon lange nicht mehr gesehen. Ein wichtiger Teil des Anwesens war einmal ein Schlösschen. Abgebrannt. "Besitz ist nicht nur Eigentum", sagt Christina von Flotow, "sondern auch Verpflichtung, ihn für die nächste Generation zu erhalten." Oft kein Spaß, nicht selten sehr teuer. Hier, wo die Häuser noch ihrer Bau-Reihenfolge nach durchnummeriert werden, gehen die Uhren ganz anders als in der großen Stadt.

Bei der Frage nach dem Grund für die unverminderte Von-und-zu-Faszination muss Christina von Flotow allerdings passen. "Ehrlich, ich weiß auch nicht, was es ist." Zumal sich der Adel inzwischen ja wirklich nicht mehr vom Rest der Welt unterscheide. "Besser? Das ist er nicht. Er ist genauso vielschichtig wie das Bürgertum", findet sie. "Der Adel ist heute total gleich, der hat die gleichen Berufe, der geht auch morgens in sein Büro und kommt abends wieder." Aber er erzieht, wie sie findet, seine Kinder "noch in einer bestimmten Art und Weise, auch mit der Treue zur Kirche".

Und was ist mit den Ritualen, den Feierlichkeiten unter seinesgleichen? "Das ist gut, das stärkt den Familienzusammenhalt, man pflegt die Geschichte der Familie." Zwei Begriffe, die viele heutzutage nie in einen Satz bekommen würden. Auf die Tradition ihres eigenen Blattes bezogen ist Christina von Flotow durch und durch pragmatisch: "Das ist ja im Grunde ein Vereinsblatt, nicht mehr und nicht weniger. Jeder Tennisverein hat sein Vereinsblatt, und heute ist der Adel im Grunde genommen auch ein Verein." Wenn auch einer mit raffiniert geschliffenen Spielregeln.

Liebenswürdig und resolut ist die 66-Jährige, ihre Körpersprache redet Klartext. Haltung, Rückgrat. Flache Schuhe, dezenter Schmuck, dunkelblauer klassischer Mantel. Bloß kein Aufhebens um sich machen. "Untitulierter Uradel" sei sie, der erste Flotow sei 1246 in Mecklenburg aufgetaucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es ihre Familie aus dem verlorenen Osten in diese Gegend verschlagen. Ihr Vater hat gemeinsam mit einem Freund die ersten Flüchtlingslisten erstellt. Die Register sind schicksalsbeladene Dokumente: gefallen, von den Nationalsozialisten getötet, freiwillig aus dem Leben geschieden. Sie hat die Originale noch im Regal, neben den unzähligen Gothas, den genealogischen Handbüchern, der papiergewordenen Historie. Tradition, die verpflichtet. Als ihr Vater starb, sagte die Mutter, das "Adelsblatt" müsse weitergemacht werden. Da kann man nicht widersprechen. Man fügt sich. Tradition hat nun mal Vorrang. Wenn das nicht prägt, was dann.

Die Neugier, die viele Adelsfans umtreibt, muss ihrer Meinung nach wohl auch mit der Einstellung zur Vorbildfunktion für die Gesellschaft zu tun haben, die Aristokraten immer übernommen haben. Aktuelles Paradebeispiel dafür ist Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jakob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg aus Oberfranken. "Der kommt aus einer Familie, in der schon der Großvater als Staatssekretär bei Kiesinger ein sehr bekannter Politiker war. Die Familie war immer sehr politisch, der geht seinen geraden Weg. Das liegt wohl an der Erziehung", vermutet von Flotow, "der Schritt zum Politiker ist da nicht so weit." Und es sei wirklich ein Phänomen, wie er von den Menschen geliebt werde. "Was hat der?", fragt sie sich und liefert die Antwort gleich mit: "Der hat eine hervorragende Ausbildung, der kann sich benehmen und hat eine Unabhängigkeit, die kaum ein anderer Politiker hat. Das macht ihn aus."

Eine journalistische Ausbildung hat die "Adelsblatt"-Macherin nicht. "Ich sammle nur. Das Schreiben juckt mich überhaupt nicht", berichtet sie bei Kaffee und Kuchen in einer der guten Stuben, "weil ich nicht glaube, dass ich das kann." Obwohl es nicht allen ihrer Textlieferanten in dieser Hinsicht erkennbar besser geht, wird bei ihr nicht redigiert. Die Blattbesitzerin hat Jura studiert und danach viele Jahre international in der Tourismusbranche gearbeitet und "nebenbei" die Monatszeitschrift produziert. "Wenn ich nur das 'Adelsblatt' gehabt hätte, das wäre nicht so lustig gewesen", meint sie. Im ersten Stock werkelt eine Mitarbeiterin im vollgestopften Redaktionsbüro. Die nächste Ausgabe macht sich schließlich nicht von selbst.

Das "Adelsblatt"-Layout ist seit den bescheidenen Anfängen vor fast fünf Jahrzehnten so gut wie unverändert; so antik, dass die "Frankfurter Allgemeine" dagegen wie ein Designerblatt von hippen Milchkaffee-Abonnenten aus Berlin-Mitte wirkt: stumpf auf die Seiten geworfener Blocksatz, schwarz-weiße Bleiwüsten. Der Titel in gediegener Frakturschrift, darunter, dort, wo Boulevardblätter gern Oberweiten platzieren, der jeweilige Adelssitz des Monats als Immobilien-Pin-up, auch in Schwarz-Weiß. Ganz wichtig sei das für die Kundschaft, betont von Flotow.

Für das nächste Jahr denkt sie dennoch über Änderungen nach. Wer nicht mit der Zeit geht, geht selbst hier mit der Zeit. Momentan liegt die durch Abos finanzierte Auflage bei etwa 3000 Stück, mehr als 4000 waren es nie. "Das Adelsblatt, das ist unser Blättchen", heißt es aus Leserkreisen. Das soll doch auch bitte so bleiben, soll das wohl meinen. Jünger werden die Kunden eher nicht, mehr auch nur bedingt. Es gibt aber auch viele bürgerliche Abonnenten. Randbeobachter aus Interesse.

Als Aufmacher werden gern längliche Besinnungsaufsätze genommen, oft mit Themen, die so zeitlos distinguiert daherkommen wie ein Plädoyer zur Weltsicht der katholischen Kirche oder eine Abhandlung über den Adel und die Aufklärung im 18. Jahrhundert. Weiter hinten dann das Vermischte. Standesgemäße Buchbesprechungen ("Das Holsteiner Pferd"), Nachrufe, Verbandsnachrichten, Berichte über Feierlichkeiten. Geburten, Geburtstage, Todesanzeigen und Annoncen für den gehobenen Haushaltsbedarf: Personal, Damast-Tischdecken, Siegelringe, Antiquitäten, Anwälte für Erbrecht oder Internate, dazu das "Aristo-Telex" für den Nachwuchs. Schätzungsweise 70.000 bis 80.000 Adlige aller Abstufungen leben in Deutschland, etwa ein Zehntel von ihnen ist in den diversen Verbänden organisiert. Man kennt sich, man trifft sich, man hilft sich. Diskretion ist da in sehr vielen Fällen blau durchblutete Ehrensache. Eine eigene Welt, mit sehr eigenen Erkennungsmerkmalen.

Die Sache mit dem "v." beispielsweise. Für unsereins ist "v." vielleicht nur eine praktische, platzsparende Abkürzung. Für "Adelsblatt"-Leser ist die Frage "v. oder von?" im Namen eminent wichtig - historischer Adel, also mit Verfallsdatum 1918, oder eben nicht. Bei diesen kleinen, feinen Unterschieden hört der Spaß schnell auf, scheint es. Was aber nicht heißt, dass sich Christina von Flotow nicht auch köstlich über die Verästelungen des Stammbaum-Themas amüsieren kann. Besonders viel Spaß bereiten ihr dabei Zeitgenossen, die sie nur "die Adoptierten" nennt. Gut zu erkennen an protzigen Briefbögen mit ausufernden Wappen, aber dann heißt der Absender nicht Gisbert, Enno oder Roderich, sondern gerade mal Uwe. "Da weiß ich genau, das kann nur ein Falscher sein." Das mit dem historischen Adel erklärt Christina von Flotow bei dieser Gelegenheit auch ganz anschaulich: "Wenn ich einen Herrn Meier heiraten würde, würde ich nicht mehr zum historischen Adel gehören, weil ich mit meiner Heirat in den bürgerlichen Stand eingeheiratet hätte." Abstieg oder Umstieg? "Für eine Frau kann's ein Aufstieg sein", flachst sie zurück. "Ein Mann bleibt, was er ist, eine Frau kann Prinzessin werden." Da ist er wieder, der Mädchentraum aus den schillernden Blättchen aus den Bahnhofskiosken im hektischen Rest der Welt. Aber aus einer ganz anderen Perspektive.