"Ich bin noch sehr viel pessimistischer als Sarrazin"

Gunnar Heinsohn sprach über Demografie und Zuwanderung

Blankenese. Ist Deutschland verurteilt zu Schrumpfung, Vergreisung, Dequalifizierung? In dieser nervösen Debatte, die Thilo Sarrazin befeuert hat, meldet sich auch der Bevölkerungsforscher Prof. Gunnar Heinsohn zu Wort, der in Bremen und Danzig lehrt. Am Donnerstagabend sorgte er vor mehr als 200 Zuhörern der Hirschpark-Runde auf dem Süllberg für ernüchternde Erkenntnisse, aber auch für große Nachdenklichkeit.

Beim Thema Qualifizierung unterscheide ihn von Sarrazin, "dass ich viel pessimistischer bin als er", sagte Heinsohn im Abendblatt-Gespräch. Wenn von 100 Lehrlingen 20 bis 25 nicht ausbildungsreif seien, sei für Sarrazin als ehemaligen Finanzsenator klar, "dass diese 20 bis 25 wahrscheinlich nie Steuern zahlen, sondern ein Leben lang Steuern kosten werden". Als Gegenmaßnahme sollten die Kinder nun früher gefördert werden. "Sarrazin hat noch die Standardhoffnung: Wir holen die Kinder ab 2013 mit 18 Monaten in die Krippen, dann schicken wir sie zur Mathe-Olympiade, und da sind sie dann besser als die jungen Mathematiker aus China, Indien und Japan, weil die ja eben keine tolle deutsche Krippe hatten." Aber es sei nicht wahrscheinlich, dass das klappt, so Heinsohn mit dem ihm eigenen Sarkasmus.

Er sieht für Deutschland keinerlei Alternative dazu, sofort mit einer konsequenten und massiven Anwerbung ausländischer Fachkräfte zu beginnen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes müssten jährlich 100 000 Fachkräfte aus dem Ausland kommen, gleichzeitig müsste die Abwanderung von 150 000 deutschen Talenten gestoppt werden, damit die Überalterung moderat und die Wirtschaft wenigstens teilweise konkurrenzfähig bleibt.

Aber Deutschland kneift die Augen zu, meint Heinsohn. Manche Politiker wie etwa CSU-Chef Horst Seehofer hofften, Deutschland könne die aus Osteuropa flüchtenden Eliten abgreifen. Andere setzten eher auf junge Inder und Chinesen. Aber statt ihnen einen roten Teppich auszurollen, stoße Germany sie mit hohen Steuern, Bürokratie und Sprachhürden vor den Kopf.

Heinsohn ist ein begeisterter Zahlenjongleur. Das Problem wird seinen Zuhörern schnell klar: Die Politik mag keine unumkehrbaren Trends, sie lebt noch vom Wunschbild der "starken" Nation, die die jungen Frauen wieder zum Kinderkriegen bringt - obwohl sie es heute weder in Hongkong noch Krakau noch Köln tun. Der Zwiespalt zwischen familienpolitischer Romantik und der harten Logik der Demografie konnte auch auf dem Süllberg nicht gelöst werden.