Baustellen-Chaos: Fünf Fragen an Michael Schreckenberg

Es mangelt an Personal und Wissen

Michael Schreckenberg, 54, hat an der Uni Duisburg-Essen die weltweit erste Professur für Physik von Transport und Verkehr.

Hamburger Abendblatt:

1. Welche typischen Fehler machen Städte bei der Baustellenplanung?

Michael Schreckenberg:

Der Einfluss auf den Verkehr wird oft nicht berücksichtigt. Dabei verändert sich der Verkehrsfluss dramatisch. Zudem stimmen sich Bezirke nicht ab. Das ist ein grundsätzliches Problem, wenn unterschiedliche Behörden zuständig sind. Oft passen die Städte Ampelschaltungen nicht an das Verkehrshindernis Baustelle an. Das sorgt für weitere Behinderungen.

2. Die Zahl der Baustellen steigt, an vielen Stellen wird gleichzeitig gearbeitet. Ist das sinnvoll?

Schreckenberg:

Das Problem ist, dass das Geld aus den Konjunkturpaketen I und II bis Ende 2010 verbaut sein muss. Deshalb gibt es zahlreiche Baustellen. Wenn die nicht koordiniert sind, wird es chaotisch. In vielen Städten ist der Zustand der Straßen katastrophal - bei wachsendem Verkehrsaufkommen. Bei guter Wirtschaftslage wird vor allem der Lkw-Verkehr noch deutlich zunehmen. Ein Lastwagen nutzt die Fahrbahn so ab wie 100 000 Pkw. Noch mehr potenzielle Baustellen also.

3. Gibt es Städte, die es besonders gut können, von denen Hamburg lernen könnte?

Schreckenberg:

Nein, es gibt keine besonderen Vorzeigeprojekte, keine Ausreißer. Auf diesem Gebiet gibt es für alle noch viel zu lernen. Und in den kommenden Wochen wird sich die Stau-situation durch die Weihnachtsmärkte noch verschärfen. Ich kann Autofahrern nur raten, mit viel Geduld unterwegs zu sein.

4. Gibt es Erkenntnisse der Wissenschaft, die in den Verwaltungen einfach nicht ankommen?

Schreckenberg:

Ja. Es gibt Studien, wonach eine optimierte Belieferung der Baustellen mit Material oder Baugeräten und eine Abstimmung der einzelnen Bauabschnitte, die Bauzeit deutlich verkürzen können. Davon wollen Baukonzerne aber nichts wissen, weil dies in der nächsten Ausschreibung berücksichtigt werden würde und so Bonuszahlungen für vorzeitige Fertigstellungen wegfallen würden. In den Behörden fehlt oft das Personal und das Fachwissen, solche Details und die Qualität der Arbeiten zu prüfen.

5. Wie kann man künftig Baustellen besser planen und Staus reduzieren?

Schreckenberg:

Das Verkehrsmanagement muss mehr Bedeutung bekommen. Die A 1 zwischen Hamburg und Bremen ist das beste Negativbeispiel von misslungenem Management. Die wurde völlig am Nutzer vorbeigeplant. Die Baustellen müssen untereinander abgestimmt werden. Außerdem ist es Hamburg anzuraten, sich ein "Verkehrsmodell" anzuschaffen. Mit diesem Computersystem kann man den Verkehrsfluss schon im Vorfeld berechnen.