Nachspiel

Die Grenzen der Sportlichkeit

Ein Kommentar von Christian-A. Thiel

Ob die Strategen im Kommandostand des Red-Bull-Teams in der Schlussphase des Großen Preises von Brasilien mal kurz gezuckt haben, ist nicht überliefert. Sebastian Vettel vor Mark Webber - der Doppelsieg sicherte dem Namen der Dose zum ersten Mal die begehrte Konstrukteurstrophäe in der Formel 1. Aber wer wird Fahrer-Weltmeister? Das Team hätte es in der Hand gehabt, seine Fahrer die Positionen tauschen zu lassen und Mark Webber eine größere Titelchance zu ermöglichen. Sie taten es nicht. Vettel, der schnellste Mann des Wochenendes und wohl auch der Saison, durfte gewinnen. Ein Sieg für den Sport und gegen die Stallregie.

Es könnte aber sein, dass sich Red Bull nicht noch einmal um die Entscheidung drücken kann. Beim Finale am nächsten Wochenende in Abu Dhabi würde das gleiche Ergebnis wie in São Paulo bedeuten: Alonso wäre der lachende Dritte. Die Regieanweisung von der Box, die der österreichische Brausehersteller bislang so heftig abgelehnt hat, wäre in dieser Konstellation die einzige Möglichkeit, einen der Ihren zum Weltmeister zu machen. Ob die hehre Philosophie der Sportlichkeit dann noch trägt?

Die Wette gilt: Red Bull wird nicht wegen eines weiteren Vettel-Sieges auf die Weltmeisterschaft verzichten. Jeder noch so glänzende Pokal ist nichts gegen den ewigen Ruhm eines Fahrertitels. Denn nur der zählt in den Geschichtsbüchern. Und wer weiß, wann diese Chance wiederkommt? Man kann sich bei einem taktischen Manöver ja auch geschickter anstellen als Ferrari in Hockenheim.