Offen gesagt

Die Wahrheit über Alice

Eine Glosse von Tino Lange

Mein iPott, ein schwarzer Kaffeebecher im Apple-Design, ist wieder verschwunden. Letztes Mal fand ich ihn am Tisch der Chefredaktion wieder, dieses Mal aber sollte ich den Arbeitsplatz unserer Literatur-Experten abklappern. Denn dort, wo mein iPott eigentlich stehen sollte, liegt ein hochglänzender Werbeprospekt des Wunderlich-Verlages, der das Buch "Die Wahrheit über Alice" anpreist.

Da ich schon immer mehr über die Geheimnisse des Telefonanbieters wissen wollte, blättere ich hinein. Viele hübsche Mädchen, fast so hübsch wie das Alice-Werbemodel Vanessa Hessler, strahlen mich an und erzählen, wie großartig dieses Buch sei: "Es ist soooo super!! Hat mich total umgehauen." Ich werde stutzig. Die Prospektseiten sind mit Rosenblättern geschmückt, große Werbekampagnen bei "Brigitte", "GZSZ" und "Celebrity Style" sowie 200 000 in Einkaufsstraßen verteilte Leseproben werden angekündigt. Viel Aufwand für ein Enthüllungsbuch.

Aha! Das ist kein Buch über Telekommunikation, sondern ein "Psychothriller" für weibliche Teens und Twens, geschrieben von der Australierin Rebecca James, 40, die von irgendjemandem übermütig als "nächste JK Rowling" angepriesen wird.

Die Männer fragen sich seit gestern: "Who the f ... is Alice?", die Damen aber stürmen die Buchhandlungen. Wird es ein Hype wie "Harry Potter"? Mir ist es latte, ich will nur meinen iPott zurück.