Kommentar

Feige Anschläge

"Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht", schallt es bei Heimspielen lautstark durch Deutschlands Fußballstadien. Eigentlich immer ohne Folgen, mehr Running Gag als ernst zu nehmende Bedrohung. Geplärre, das Ärger Luft machen soll. Mehr aber auch nicht. Nach viel mehr klingen auf den ersten Blick auch Farbanschläge nicht. Aber nur auf den ersten Blick. Wer mit Farbe gefüllte Beutel oder Christbaumkugeln schleudert - dessen Botschaft lautet: Politiker, wir wissen, wo dein Auto steht. Oder dein Haus. Wir wissen, wo dein privater Rückzugsort ist. Wo deine Familie zu Hause ist, wo deine Kinder leben.

Mit der versuchten Legitimierung von Gewalt durch eine Differenzierung zwischen Gewalt gegen Personen (nicht hinnehmbar) und Gewalt gegen Sachen (kann man machen) begann übrigens vor gut 40 Jahren ein politischer Prozess, der im Deutschen Herbst 1977 seinen Höhepunkt fand.

Rein juristisch handelt es sich bei der gestrigen Farbattacke nur um Sachbeschädigung. Rein optisch um ein bisschen Farbe auf einer Wand, die sich abwischen oder übertünchen lässt. Doch in Wirklichkeit bedeutet die Tat viel mehr. Bei diesen feigen Anschlägen geht es darum, psychischen Druck auf einen "Repräsentanten des Systems" auszuüben. Angst zu verbreiten. Die Botschaft zu hinterlassen: Wir können dich immer kriegen. Das ist infam.