Hamburger Unternehmen

Speditionsgruppe Hoyer lässt Krise hinter sich

Foto: Ingo Röhrbein

Die Hamburger Speditionsgruppe Hoyer steigert ihren Umsatz um 15 Prozent. Wachstum in Russland, China und Indien ist geplant.

Hamburg. Nach dem Krisenjahr 2009 steuert die Hamburger Speditionsgruppe Hoyer wieder auf Wachstumskurs. "Nach einem Umsatzeinbruch von 14 Prozent, der vor allem auf die sinkenden Transporte für die Chemieindustrie zurückging, nähern wir uns beim Erlös wieder dem Rekordwert von 2008 mit gut 980 Millionen Euro", sagte der Vorsitzende des Unternehmensbeirats, Thomas Hoyer, im Gespräch mit dem Abendblatt. Im ersten Halbjahr 2010 erreichte die auf den Transport von Flüssigkeiten und Gasen spezialisierte Logistikgruppe ein Umsatzplus von 15 Prozent auf 476 Millionen Euro. "Bis zu 80 Prozent des 2008 erzielten Gewinns von 20,9 Millionen Euro trauen wir uns auch für dieses Jahr zu", sagte Hoyer.

Im Zuge einer Umstrukturierung wurden 250 Stellen abgebaut

Hintergrund für die rasche Wende ist neben dem anziehenden Transportvolumen eine Neustrukturierung im Unternehmen. "Wir haben Aufgaben aus den einzelnen Standorten stärker zentralisiert und können nun schneller auf Veränderungen reagieren", sagt Ortwin Nast, der Sprecher der Hoyer-Geschäftsführung. In Deutschland profitierte Dormagen davon, als Firmenzentrale für die 86 Auslandstöchter und Agenturen. Insgesamt wurden gut 250 Stellen abgebaut, davon in Hamburg, am Ursprung des 1946 von Hoyers Vater Walter gegründeten Unternehmens, knapp 20 von 300 Arbeitsplätzen. "Die neue Struktur hatten wir uns ohnehin vorgenommen und sie hat sich schon von Mitte 2009 an positiv ausgewirkt", so Nast.

Jetzt schreiben Mineralölfirmen oder Industriegashersteller wieder neue Transportverträge aus. Gewinnt Hoyer solche Aufträge, müssen oftmals mehrere Hundert Fahrer übernommen werden. Denn in diesen beiden Sparten bestehen die Kunden auf fest angestellte Mitarbeiter. "Bei Gefahrguttransporten sollen so sichere Fahrzeuge sowie gut ausgebildete, loyale Belegschaften garantiert werden", sagte Hoyer. Im Gegensatz dazu kann der Transport in der Chemie sowie bei Lebensmitteln an Subunternehmer vergeben werden. Bei diesen Flüssigtransporten hat sich Hoyer mit einem Vorsprung von mehreren Hundert Millionen Euro vor Wettbewerbern aus Frankreich und den USA als weltweiter Branchenprimus etabliert - und will weiter wachsen.

Perspektiven bietet dafür weniger Westeuropa als Brasilien, Russland, Indien oder China. "Gerade im Reich der Mitte bauen die großen Chemiekonzerne Bayer und BASF ihre Kapazitäten aus. Da gehen wir mit", sagt Hoyer. Vertreten ist das Unternehmen bereits seit zehn Jahren in Shanghai. Firmenchef Nast ist sicher, dass die Hamburger künftig nicht nur vom steigenden Volumen bei den Chemietransporten profitieren, sondern zusätzlich davon, dass die Transporte von Fässern auf Spezialcontainer umgestellt werden. Ihre Zahl ist bei Hoyer selbst in der Krise weiter gestiegen und hat mehr als 21 000 Stück erreicht. "Wir haben in China so einen doppelten Hebel für Wachstum."

Allerdings tun sich die Chinesen schwer, Transporte im eigenen Land in die Hand von Europäern zu legen. "Da haben sich unsere Erwartungen nicht erfüllt", räumt Hoyer ein. Neue Chancen sieht er im Mittleren Osten, wo Kapazitäten für chemische Produkte entstehen sowie in Russland und den angrenzenden Staaten mit ihren 222 Millionen Einwohnern für Transporte von Öl, Gas und Lebensmitteln. Hauptquartier ist seit 2001 Klaipeda in Litauen.

Hamburger denken ernsthaft über weitere Zukäufe nach

In Großbritannien haben die Hamburger im Januar eine 23-prozentige Beteiligung der Spedition Interbulk übernommen und sind damit der zweitgrößte Gesellschafter der Briten, die zuletzt knapp 280 Millionen Euro Umsatz erzielten. "Interbulk war eine günstige Investition", sagt Hoyer-Finanzchef Gerd Peters. Interbulks Kunststoff-Transporte könnten "ein Türöffner" für das Geschäft mit Granulaten im Mittleren Osten werden. "Wir werden, wenn sich Chancen ergeben, auch weiter zukaufen", sagt Hoyer. Denn vielen kleineren oder mittelständischen Firmen gehe es nach der Krise nicht gut.

Mehr als 5000 Beschäftigte, 2500 Lastwagen, Weltmarktführer für Flüssigtransporte und Lieferant für etwa 100 Flughäfen, auf denen bereits wieder Enteisungsflüssigkeiten für die Startbahnen bereitstehen: Das hätte Bruno Hoyer, der Großvater von Thomas, sicher nicht erwartet, als er vor dem Zweiten Weltkrieg seinen Milchgroßhandel in Eilbek gründete. Geblieben ist die Familie. Thomas Hoyer und seine drei Schwestern halten heute die Anteile des Unternehmens zu gleichen Teilen. Geblieben ist die Branche. "Mein Großvater hat sich mit Flüssigkeiten befasst", sagt Hoyer, "und das tun wir mit Mineralöl, Chemie und Getränken immer noch."