Filmfestival Hamburg

Jüdische Waisenkinder - Aus der Hölle nach Blankenese

Foto: Michael Rauhe

Das Doku-Drama "Die Kinder von Blankenese" erzählt die Geschichte von jüdischen Waisenkindern. Premiere beim Filmfestival mit Zeitzeugen.

Blankenese. "Die Geschichte von uns Kindern beginnt in Bergen-Belsen, in einer Zeit, in der Menschen wie Lumpen brannten. Lichterloh, weil man sie nicht mehr brauchte." Mit diesem Satz fängt das Doku-Drama "Die Kinder von Blankenese" an. Der Titel klingt ganz anders, nach Bilderbuchidylle. Tatsächlich sind die Kinder von Blankenese jüdische Waisen, die im Elbvorort nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine Heimat auf Zeit fanden nach einem Leben in der Hölle. Der Film erzählt die Geschichte dieser Kinder und Jugendlichen ohne Heimat, ohne Eltern. Und er erzählt die Liebesgeschichte von Tamar und Simcka.

Tamar und Simcka Landau, die seit 60 Jahren verheiratet sind. Gemeinsam sitzen sie an diesem sonnigen Herbsttag in einem Hamburger Hotel. Am Abend zuvor haben die 79-Jährige in dem gestreiften Pullover und ihr 81 Jahre alter Mann den Film, der auch einen Teil ihres eigenen Lebens darstellt, im Cinemaxx gesehen. Im Rahmen des Filmfestivals wurden "Die Kinder von Blankenese" erstmals präsentiert. Dafür waren die Landaus extra aus Jerusalem angereist. Das Werk von Regisseur Raymond Ley kam bei ihnen, die es wohl am besten beurteilen können, gut an: "Es ist hervorragend, dass man einen Film über so eine furchtbare Epoche machen kann", sagt Frau Landau auf Deutsch. Sie muss lachen über einen Satz, den ihr Mann in einer Interview-Szene sagt: "Zuerst hat er mich gar nicht wahrgenommen", sagt Frau Landau. "Es gab damals eine Reihe von schönen Mädchen", gibt Herr Landau zu. Neben Tamar mit den kurzen Haaren war da auch noch die hübsche Ester aus Ungarn. Die gemeinsame Geschichte von der damals 14 Jahre alten Tamar und dem 15-jährigen Simcka begann 1945 in einem Kinderheim in Bergen-Belsen.

Tamar Landau erinnert sich genau an die erste Begegnung mit Simcka: "Ich stand auf der Treppe zum Kinderheim vor dem Lager Bergen-Belsen und habe ihn kommen sehen." Hinter den beiden Jugendlichen lagen schreckliche Jahre. Tamars Familie war deportiert worden, sie selbst war in ein Arbeitslager gekommen und nach einem 42-tägigen Marsch im Winter 1942 ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Simckas Vater war ebenfalls von den Nazis ermordet worden, er und seine Mutter waren bis Kriegsende zu Hause in Berlin untergetaucht. Gemeinsam mit seinem Kumpel Ariel Mayer wollte Simcka nach Palästina emigrieren. In Bergen-Belsen erhoffen sich die Jungs die nötigen Ausreisezertifikate von den britischen Besatzern.

Statt nach Palästina ging es für Tamar, Simcka und mehr als 300 andere jüdische Kinder nach Blankenese. Dort sollten sie auf ihr Leben in Palästina vorbereitet werden. Vor allem aber sollten sie Geborgenheit erleben und Freiheit. "Wir sollten wieder Mensch werden", sagt Ariel Mayer, der Freund von Simcka Landau, in dem Film. Sie konnten spielen, lernen, sie bekamen zu essen. Eine Kindheit im KZ gab es ja nicht.

Der jüdische Bankier Eric Warburg, der vor dem Krieg in die USA emigriert war, hatte nach Kriegsende das Familienanwesen von 1946 bis 1948 für ein Kinderheim zur Verfügung gestellt. Die Gefühle bei ihrer Ankunft?

"Ich dachte, es tut sich wieder was. Ich dachte, jetzt kommen meine Eltern", sagt Tamar Landau in dem Doku-Drama und ihre Stimme bricht ein wenig weg, sie muss schlucken. Wenn Frau Landau von der Zeit in Blankenese spricht, wird ihr lebendiger Blick noch fröhlicher. Sie denkt an die Elbe, die Ruhe: "Wir haben nur Gutes erlebt. Wir genossen das Schöne, die Bäume. Wir haben nie geglaubt, dass wir nach der schlimmen Zeit an einem solch schönen Ort leben könnten." Den Antisemitismus, den viele jüdische Kinder auch nach 1945 erfahren hatten, erlebte sie nicht. Für sie war Blankenese wie im Bilderbuch. Im April 1946 emigrierten Tamar und Simcka nach Palästina. Sie lebten im Kibbuz, heirateten und bekamen drei Kinder und fünf Enkelkinder. Die Warburg-Villa besuchen sie immer mal wieder. So wie Freitagnachmittag. Dann besteht Herr Landau darauf, sich für das Foto eine Krawatte anzulegen. Denn dieser Ort bleibt für ihn und seine Frau immer etwas Besonderes.

Arte zeigt "Die Kinder von Blankenese" am Mittwoch, 17. November, um 20.15 Uhr.