Doku-Soaps im Privatfernsehen

Voll echt gespielt - Scripted Reality

Foto: Pro7

Für die privaten ein Segen, für die öffentlich-rechtlichen Sender ein Ärgernis. Inszenierte Doku-Soaps machen Quote, aber nicht schlauer.

Um einmal mitten im Leben zu stehen, reiste ich neulich nach Sennelager. Das ist ein Vorort von Paderborn im Ost-Westfälischen, nicht weit von der Anschlussstelle 24 der Autobahn A 33, da wo sich die L 756 mit der L 815, der Bielefelder Straße, kreuzt. Es ist ziemlich katholisch dort. 1944 war Sennelager eine Außenstelle des KZ Buchenwald und gleichzeitig Erprobungsstätte der deutschen Tiger-Panzer. Nach dem Krieg nisteten sich hier die britischen Streitkräfte ein. Der Truppenübungsplatz ist noch immer Haupteinnahmequelle des Ortes. In der Saison 1982/83 spielte die TuS 07/10 Schloss Neuhaus in der 2. Bundesliga. Mehr war mir von Sennelager nicht bekannt.

Ich reiste mit der Fernbedienung und erreichte pünktlich um 14 Uhr das Ziel auf Kanal 9, RTL. Die Tür zu einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus öffnete sich, und so lernte ich die 48 Jahre alte Roswitha Schulmeister kennen, eine Mutter von zwei erwachsenen Töchtern (Gina, 21 Jahre und Christine, 20 Jahre) sowie der 14 Jahre alten Lisa kennen. Anwesend waren außerdem die 21 Jahre alte Pflegetochter Janine, zwei wuschelige, terrierartige Hunde sowie eine Kornnatter. Einige Lebkuchenherzen vom letzten Rummel baumelten von Wänden und Borden aus hellem Kiefernholz. Ansonsten hingen eigentlich - da es noch ziemlich früh am Morgen war - bloß die jungen Frauen in ihren Betten herum, wobei mit dem 21 Jahre alten Kevin, Christines Freund, plötzlich ein weiterer Protagonist unter einer Mikrofaser-Bettdecke auftauchte, der eine SMS an irgendeine unbekannte Person schrieb und der weißblonden Christine, die sofort und erkennbar irre eifersüchtig wurde, in kurzen, klaren Worten die Welt sortierte: "Hör auf, hier rumzukacken."

Dies war die Ouvertüre zu einem 60-minütigen Schreikonzert, das immerhin dreimal durch Werbeinseln unterbrochen wurde. Sogar als unerfahrener Doku-Soap-Gucker begriff ich sofort, was in dieser ganz normalen Lebensgemeinschaft schief lief: Da es seit vier Jahren aus irgendwelchen Gründen keinen Hausherrn mehr gab, hatte Roswitha die Rolle des Oberbefehlshabers übernommen. Bloß hatte sie ihre Rolle bisher offenbar falsch verstanden: Ihr Wecker hatte wie immer bereits um sechs Uhr morgens geklingelt und seitdem war sie mit der Zubereitung des Frühstücks für ihre Töchter und den Schwiegersohn in spe beschäftigt sowie mit Zigarettenstopfen. Für alle. Doch als das Frühstück angerichtet war und die Tagesration Zigaretten gestopft, ließ sich keine der Töchter blicken. Dabei, so Roswitha, "müssten die Hunde dringend mal Kacka", die Wäsche müsste gemacht und das Klo geputzt werden. Dringend. In diesem Moment hatte sie eine Erleuchtung: "Mit Hotel Mama is Schluss jetzt! Lisa, du gehst mit die Hunde raus - sofort!"

Die schwerst pubertierende Lisa aber dachte nicht daran und zog sich ihre Bettdecke über den Kopf.

"Mitten im Leben" ist eine Doku-Soap und im Prinzip nichts anderes als die konsequente Fortsetzung der Vor- und Nachmittagstalkshows, in denen mehr oder minder redegewandte Studiogäste über ganz banale Alltagsstreitigkeiten redeten und sich - zum Wohle der Einschaltquoten und Werbeerlöse - meistens recht schnell anbrüllten. Das sollten sie auch - geführt, provoziert und wieder beruhigt von psychologisch besorgten, betroffenen und engagierten Moderatorinnen und Moderatoren. Und wenn sich die normalerweise total verfeindeten Studiogäste nach 48 Nettominuten Sendezeit vor den Kameras tränenreich in die Arme fielen und sich für die Zukunft gegenseitig wieder Liebe, Treue oder zumindest weniger Prügel versprachen, war es eine gute Sendung gewesen.

+++ Links zu Szenen aus Scripted Reality-Shows +++

Irgendwann aber wurde dieses Prekariatsfernsehen langweilig. Die Themen Arbeitslosigkeit, Alkoholmissbrauch, Fett-, Sex- und Eifersucht waren in allen Variationen durchgekaut. Auch die "echten" Fälle in den Gerichtsshows zogen nicht mehr die Quotenwurst vom Teller, und deshalb machten sich die privaten Fernsehsender Gedanken darüber - allen voran der Kölner Marktführer RTL - wie man die Lust des Rezipienten am Voyeurismus steigern könnte. Unter dem Begriff "Mitten im Leben" wurden deshalb viele verschiedene Doku-Soap-Formate ausprobiert, die prinzipiell alle dieselbe Struktur hatten: Zeige normale Menschen in nachvollziehbaren Lebenssituationen, die irgendwie jeder kennt. Zeige Menschen, denen diese Situationen jedoch entgleiten oder denen das Schicksal übel mitspielt. Und zeige, wenn möglich, dass sie es bis zum Ende der Sendung schaffen, aus dem Schlammassel wieder rauszukommen.

Wenn nötig, hilft der Sender dabei dann ein wenig nach. Hauptsache, die Zuschauer kapieren, dass es da draußen, mitten im Leben, Leute gibt, denen es noch viel dreckiger geht. Und die sich dennoch nicht aufgeben. Für alle Probleme gibt es schließlich eine Lösung. Das ist die Message.

"Roswitha, du bist nich konsequent", sagt Kristina, eine 24 Jahre alte Hausfrau und trotz des großen Altersunterschiedes die beste Freundin der überforderten Hartz-IV-Empfängerin, die sich nach dem Einkaufen gerne bei der jüngeren Frau ausheult. "Du muss mal auf den Tisch hauen", fordert Kristina, "so geht dat nich weiter, echt nich!" Auch das ist eine Message, eine ganz persönliche für die Hauptdarstellerin im Sennelagerschen Frauendrama, und vielleicht kommt die Botschaft ja auch an, hoffte ich, denn so langsam begann ich mir Sorgen zu machen um Roswitha. Immerhin hatte ich ja bereits en passant erfahren, dass sie schon mal einen Herzinfarkt erlitten hatte und ich wusste, dass sie nicht wusste, dass die Hunde zu Hause noch immer nicht Gassi gewesen waren, doch mir wurde nicht verraten, ob sie sich inzwischen in der ansonsten doch recht ordentlichen Wohnung erleichtert hatten. Außerdem war Christines Kornnatter, von allen Bewohnerinnen unbemerkt, aus ihrem Terrarium ausgebüxt und machte es sich im Fernsehsessel gemütlich. Ich vermutete, dass diese Schlange im späteren Verlauf der Sendung noch eine Rolle spielen könnte.

Doch noch vor der ersten Werbeinsel durfte ich gemeinsam mit zwei bis drei Millionen weiteren Zuschauern erst einmal erleben, wie Roswitha - ermutigt durch die deutlichen Worte ihrer Freundin Kristina - endlich mal die Keule rausholte und mit etwa 130 Dezibel in der Stimme ihre älteste Tochter Gina zum Kloputzen zwang und der zweitältesten Tochter, Christine, erklärte, wie man den Waschvollautomaten einstellen musste: "Auf 30 Grad musste einstellen, wenn de keine Puppenkleider haben willst!"

Etwa zum selben Zeitpunkt verschwand plötzlich Christines Freund Kevin aus dem Programm, wenn auch nur vorläufig, obwohl er zum Abschied sagte: "Ich hab echt keinen Bock mehr, echt nicht, ey."

Und irgendwie konnte ich Kevin einen Moment lang sogar verstehen.

Konflikte wie "Nachbarin terrorisiert Familie", "14-jährige Tochter schwanger", "Prügelnder Vater ist Trinker" sind der Stoff für solche Reality-Formate. Oder - wie im Fall Roswitha Schulmeister - wohlstandsverwahrloste Jugendliche, die außer einem Flachbildfernseher und einem Touchscreenhandy keinerlei Interessen zu haben scheinen. Richtig lebensnah wird es jedoch, wenn solche TV-Formate "gescripted" werden. Das ist Neudeutsch und bedeutet, dass die Fälle nach wahren Begebenheiten mit Laiendarstellern nachgestellt werden. "Familien im Brennpunkt", "Verdachtsfälle" oder "Die Schulermittler" erzielen dabei Traumquoten. Es wird genau so gekreischt, gezankt, gepöbelt und am Ende (hoffentlich) verziehen wie in den "Reality-Soaps", bloß perfekter, gegen (geringe) Gagen und nach einem Drehbuch inszeniert.

Was echt wirken soll, ist also nur ein Fake und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Inszenierung verschwimmen. Ein Trend, der sich bei diesen TV-Formaten immer stärker behauptet. Doch was ist noch echt? Was ist die totale Inszenierung? Immerhin werden die "inszenierten" Geschichten im jeweiligen Abspann als solche auch gekennzeichnet. Oder ist es den Fans dieser nachmittäglichen Sendungen vielleicht sogar inzwischen egal - Hauptsache, gut unterhalten?

"Mitten im Leben" ist noch ein "echtes" Format, und nach etwa einer halben Stunde nimmt die Dramatik in Sennelager auch ohne inhaltliche Vorgaben zu: Gina geht mit ihrer Schwester Christine auf Party, was bedeutet, dass sich die beiden Schwestern gemeinsam mit ein paar Freunden auf einer Brücke am Waldrand mehrere Six-Packs Bier reinschütten, Christine daraufhin im Unterholz "für kleine Königstiger, ne" pinkeln geht und bei ihrer Rückkehr schockiert feststellen muss, dass ihre Schwester mit der ganzen Gang abgehauen ist. Kurz darauf erfuhr ich, dass Gina, arbeitslos, ein Alkoholproblem hat, Christine wenigstens einen Beruf: Sie lernt im "Salon Roswitha", der jedoch nichts mit ihrer Mutter zu tun hat, Friseurin. Ich lernte, dass Roswitha in Sennelager ein häufiger Frauenname ist. Und ich erschrak, als Gina sich nach 27 Stunden Dauerdröhnung spontan dazu entschloss, von zu Hause abzuhauen und bei einer Freundin unterzuschlüpfen.

Tom Sänger, bei RTL verantwortlich für "Unterhaltung Show & Daytime" (und außerdem ist er der "Executive Producer" für "Deutschland sucht den Superstar"), glaubt, dass künstliche Umfelder im deutschen Fernsehen nicht funktionieren. "Wenn eine Sendung keine Berührungspunkte zur Lebenswelt der Zuschauer hat, ist sie nicht erfolgreich", sagte er in einem Interview für das Buch "Die Casting-Gesellschaft" von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke von der Universität Tübingen, das vor wenigen Tagen erst erschienen ist und sich mit der Sucht nach der öffentlichen Aufmerksamkeit in den Medien beschäftigt. "Die Deutschen", so der Fernsehprofi, "wollen Programme, die nachvollziehbar sind, deren Form eine gewisse Logik aufweist und in denen es relativ gerecht zugeht."

Niemand mag ihm widersprechen: Denn manche Doku-Soaps erreichen in der Primetime mittlerweile einen Marktanteil von 35 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Das heißt: Mehr als jeder dritte Fernsehzuschauer nahm am Leben der anderen teil. So wie ich am Schicksal der Schulmeisters. Ganz ehrlich: Ich wollte wissen, wie die parallel verlaufenden Dramen enden würden.Nein, ich musste es wissen. Da war plötzlich so ein innerer Drang.

Tja, also zum Glück ging es dann für alle Beteiligten ziemlich gut aus. Sogar für die Kornnatter, die von Roswitha - ganz zufällig beim Staubsaugen gefunden wurde. Und clever, wie Roswitha nun einmal ist, rief sie gleich den Kevin an, der auch sofort auftauchte und Christines Schlange zurück ins Terrarium beförderte.

Noch cleverer war Roswitha, als sie dann dem Kevin unterm Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, dass die Christina ihre extreme Eifersucht bestimmt von ihr geerbt hätte: "Ich war auch mal wahnsinnig kontrollwütig." Woraufhin der Kevin gleich am nächsten Tag mit einem roten Herz-Luftballon im "Salon Roswitha" auftauchte, um sich bei Christine zu entschuldigen. Und gleichzeitig hatte auch Pflegetochter Janine es geschafft, Gina davon zu überzeugen, wieder nach Hause zurück zu kehren, weil doch die Lisa und die Christine bei der weinenden Roswitha sitzen würden. Aber die Hunde waren inzwischen Gassi gewesen.

Für Tom Sänger erfüllen diese Reality-Formate - ob nun gescripted oder "echt" - eine gewisse sozialkritische und gesellschaftlich relevante Funktion. "Ich bin der Meinung, dass Kindererziehung, Jugendschwangerschaften, Existenzgründung und Schuldnerberatung Themen für die Öffentlich-Rechtlichen par excellence sind. Und ich frage mich tatsächlich, warum die dort nicht angepackt werden." Ein Seitenhieb auf die vielen Kritiker aus ARD- und ZDF-Kreisen, die den "Realityboom" auch schon mal als "Sozialpornos" bezeichnen, die sich auf Voyeurismus und Sexualität kaprizierten.

Übrigens: Gegen Ende meiner Reise nach Sennelager gifteten sich Christine und Gina, bevor sie dann alle gemeinsam zum Minigolf gingen, noch einmal richtig an. Wegen irgendwelcher Oberteile, die verschwunden waren. Gina und Christine bewarfen sich mit Kleidungsstücken. Ihre Mutter Roswitha erschien. Sie deutete auf das Chaos und brüllte: "Wat sollen denn die Leute denken, wenn sie dat hier sehen?"