Einblicke

"Die Hamburger sind offen und distanziert zugleich"

Foto: wolfgang Klietz / Wolfgang Klietz

Liebe Hamburgerinnen, liebe Hamburger,

bei der Begrüßung gibt's hier kein Küsschen auf die Wange - das ist mir gleich aufgefallen, als ich nach Hamburg gezogen bin. Fand ich schon irgendwie komisch, denn herzlich miteinander umzugehen ist bei uns in Mexiko selbstverständlich.

Hier ist so vieles anders als in meinem Heimatland. Anders, nicht schlechter. Die Deutschen habe ich als sehr strukturiert und sachlich kennengelernt. Als offen, aber auch distanziert: Man kann mit ihnen sofort über Themen wie Sex ins Gespräch kommen, aber geht es ums Persönliche, schrecken sie zurück. Wo bei uns Kritik eher indirekt geäußert und nett verpackt wird, ist man hier doch sehr konkret. Mexikaner würden das wohl als unhöflich empfinden. Ich als Mexikanerin bin nun mal chaotisch und emotional - da entstehen schon mal Missverständnisse. Großer Pluspunkt: Hamburg ist Dorf und Großstadt zugleich. Im Nu bin ich per Bus, Bahn oder Rad bei meinen Freunden. Dort, wo ich lebe und ausgehe, im schönen Ottensen, fühle ich mich zudem sehr sicher. Ganz anders als in Mexiko-Stadt, wo die Menschen unter extremer Kriminalität zu leiden haben.

Manchmal fühle ich mich aber nicht willkommen hier, das liegt am System: Ich sollte einmal das Land verlassen, benötigte dringend eine Arbeit, um meinen Aufenthalt zu verlängern. Ein Unternehmen wollte mich einstellen, weil ich fünf Sprachen spreche. Trotzdem habe ich die Arbeitsgenehmigung nicht bekommen. Inzwischen studiere ich Kultur- und Medienmanagement, arbeite nebenbei im Marketing einer Firma. Richtig gut lassen sich hier soziale Projekte umsetzen. Um die Ausstellung "Dialog im Dunkeln" zu promoten, bin ich um die halbe Welt gereist. Nun betreue ich ein Integrationsprojekt mit Gehörlosen.

Was mich stört? Das Wetter, keine Frage. Ist ja auch klar, oder?