Leitartikel

Der ganzheitliche Ansatz fehlt

Röslers Gesundheitsreformversuche sind vor allem teuer.

Ein Arzt ist durch seinen Eid verpflichtet, alles für das Wohl des Patienten zu tun. Der Patient des Ministers Rösler heißt Gesundheitssystem. Und das krankt schon lange. Vor allem am galoppierenden Teuerungssyndrom. Schon alle seine Vorgänger sind mit ihrer Kunst gescheitert. Und auch Rösler findet keinen ganzheitlichen Behandlungsansatz.

Alles, was er bisher unternimmt, sichert vor allem die Einkünfte der Pharmaindustrie, der Ärzte und der Kassen. Zahlen müssen immer dieselben - die Versicherten und die Arbeitgeber, Letztere nunmehr gedeckelt.

Im Ergebnis wird das Ganze immer teurer bei immer geringeren Leistungen. Die Idee, gesetzlich Versicherte beim Arzt in Vorkasse treten zu lassen, macht die Behandlung beim Arzt nicht transparenter. Der medizinische Laie wird sich immer auf den Rat des Fachmanns verlassen müssen. Dieses Vertrauensverhältnis wird durch verlockende Inkassomöglichkeiten für den Arzt bestimmt nicht gestärkt. Und für den Kranken drohen eine neue Kostenfalle und permanenter Ärger mit der Versicherung. Oder eine weitere Leistungsminderung durch längere Wartezeiten bei Zahlungsverweigerung oder -unvermögen.

Das System ist doppelt ungerecht, denn der geschröpfte Pflichtversicherte kann sich nicht wehren. Der Wettbewerb unter den Kassen besteht in Zeiten des Einheitsbeitrags in Bonusleistungen zwischen Klappfahrrad und kostenloser Kneippkur im städtischen Hallenbad. Drohenden Zusatzbeiträgen auszuweichen wird so sinnvoll wie die kilometerlange Jagd nach der günstigsten Tankstelle. Die Ersparnis lohnt den Aufwand nicht. Und aus dem Rennen um den angeblich von allen gewollten und unvermeidbaren medizinischen Fortschritt aussteigen geht nicht. Es gibt keinen günstigen Basis-Tarif für Menschen, die nicht das neueste und teuerste Medikament oder die gerade moderne Behandlungsmethode wollen, sondern einfach nur etwas Wirksames.

Rösler will in Zukunft so etwas einführen, sagt er. Es wäre auch das formale Ende der Illusion von der Ein-Klassen-Medizin, die es in Wahrheit ohnehin nie gegeben hat. Es wird ein schmerzlicher Umgewöhnungsprozess für gerechtigkeitsvernarrte Deutsche. Und auch diese Kur könnte daran scheitern, dass die Profiteure des Systems Einnahmeverluste befürchten, wenn zur Kassen-Flatrate nicht genügend Zusatzleistungen gebucht werden. Sie werden alle ihre langen Hebel in Bewegung setzen, um sich ihre Pfründe zu sichern.