Die Optimisten

Marret Schadwinkel und Steffen Kuhl haben in der Dritten Welt gegen Armut gekämpft. Ihre Medizin: Mikrokredite . Jetzt haben sie das Konzept von Nobelpreisträger Yunus nach Hamburg geholt, leihen Menschen Geld, die bei Banken als nicht kreditwürdig gelten. Die Entwicklungshilfe kommt in das Land der Helfer zurück

Der Mann aus dem bhutanischen Dorf hatte zwei Frauen, 23 Kinder und eine Geschäftsidee: Er stellte Dhapa her, traditionelle Holzteller und Holzbecher. Um mehr davon produzieren zu können, wollte er eine Maschine kaufen, mit der er das Holz besser bearbeiten konnte. Er bekam das Geld, 100 000 Ngultrum, nicht mal 1700 Euro. "Der Mann hat damit seinen Umsatz verdreifacht", sagt Marret Schadwinkel und lächelt.

"Und erinnerst du dich an den indonesischen Bauern?", fragt ihr Kollege Steffen Kuhl, der ihr in dem verglasten Büro in Hamburg-Volksdorf gegenübersitzt. Der Bauer lebte auf der Insel Lombok, erzählt Kuhl. Er wohnte in einem ärmlichen Haus, in einem streng muslimischen Dorf. Er hatte einen Ochsen, der den Pflug zog. Er bekam 400 Euro, damit er sich einen zweiten Ochsen kaufen konnte. Und verdiente damit so viel Geld, dass er sich nach drei Jahren seinen Lebenstraum erfüllte: nach Mekka zu fahren. Schön war das, sagt Steffen Kuhl. Auch er lächelt.

Marret Schadwinkel wuchs in Kenia auf, ihre Eltern waren ausgewandert. Zum Abitur kam sie nach Deutschland zurück. Dann machte sie eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Deutschen Bank in Hamburg. Nach ihrem Abschluss wollte sie nicht am Schalter am Jungfernstieg stehen und Sparverträge verkaufen. Sie wollte etwas Sinnvolles tun. Schadwinkel studierte Volkswirtschaft und schrieb ihre Diplomarbeit über ein Mikrofinanz-Projekt in Uganda. Sie sah, wie Menschen mit wenig Geld ihren Lebensstandard verbesserten. Von da an kannte sie ihren Berufswunsch.

Steffen Kuhl lernte Bankkaufmann bei der Sparkasse in Rostock. Die Lehrerin an der Berufsschule kam aus Peru, sie erzählte ihm von Mikrokrediten.

Kuhl studierte ebenfalls, ging ein Jahr nach Indonesien und betreute dort ein Mikrofinanz-Projekt. Jetzt sind Schadwinkel und Kuhl Kollegen bei der Hamburger GFA Consulting Group. GFA heißt "Gesellschaft für Agrarprojekte", früher finanzierte die Firma Landwirtschaftsprojekte in Entwicklungsländern. Mittlerweile betreut die GFA Finanzprojekte in 130 Ländern. Bislang vergaben Marret Schadwinkel und Steffen Kuhl Mikrokredite in der Dritten Welt. Seit Kurzem haben sie den Auftrag, Mikrokredite an Unternehmer in der Metropolregion Hamburg zu vergeben. Ihr Projekt heißt "Optimist".

Seit der indische Wirtschaftsprofessor Muhammad Yunus in Bangladesch vor 30 Jahren erste Mikrokredite an 30 Korbflechterinnen vergab, ist das Modell als Instrument der Armutsbekämpfung anerkannt. Der Grundsatz: Auch arme Menschen können unternehmerisch arbeiten. Yunus wurde 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, acht Millionen Menschen haben von seiner Grameen Bank schon Unterstützung bekommen. Und jetzt, 30 Jahre nach der Erfindung, kommt das System von der Dritten in die Erste Welt, in eine hoch technisierte, hoch ökonomisierte Gesellschaft mit einem hoch entwickelten Banksektor. In ein Land, das seine alten Autos und Handys nach Afrika schickt. Es ist paradox: Die Fortschritte der Entwicklungshilfe kommen in das Land der Helfer zurück.

An einem Spätsommervormittag klingeln Schadwinkel und Kuhl an einer Wohnung in Hamburger Nordosten. "Kommen Sie doch rein!" Matthias Müller (Name geändert) ist ein sportlicher Mann, braune Haare, gebräunte Haut, weiße Hose, sein teures Hugo-Boss-Poloshirt fällt auf. Müller hat Kaffee gemacht und Kekse besorgt. Er lächelt, vielleicht ein wenig zu viel. Heute muss er Marret Schadwinkel und Steffen Kuhl überzeugen. "Setzen Sie sich doch", sagt er und deutet auf das Sofa in der aufgeräumten Wohnung.

100 Millionen Euro haben die EU und die Bundesregierung für die Vergabe von Mikrokrediten in diesem Jahr zur Verfügung gestellt. Pro Mikrokredit sollen im Schnitt 1,5 Arbeitsplätze geschaffen werden. Bis 2015 sollen 15 000 Kredite vergeben werden. Die GFA bekommt für jeden vermittelten Kredit 800 Euro Prämie aus dem Fördertopf. So soll das Ausfallrisiko für die Kreditvermittler subventioniert werden.

"Erzählen Sie uns doch etwas über sich", sagt Steffen Kuhl und nimmt sich einen Keks. Gerne, sagt Herr Müller. Er sei 46, gelernter Maschinenbauermeister, seit elf Jahren in Hamburg, kaufmännische Umschulung, Leiter eines Teppichmarktes, Zeitarbeiter. Jetzt möchte er sich selbstständig machen. Müller will eine Schnittstelle sein zwischen der Arbeitsagentur und Zeitarbeitsfirmen: Müller kontaktiert Arbeitslose über die Arbeitsagentur, trifft sie, erstellt ein Profil und empfiehlt seine Favoriten an die Firmen. Eine aufwendige Dienstleistung, für die Zeitarbeitsfirmen dankbar sind. Seit dem 1. September hat er ein Gewerbe angemeldet und eine "Bürodame" eingestellt. "Das kostet natürlich ein bisschen Geld, wenn man Arbeitsplätze in Hamburg schaffen will", sagt er.

Schadwinkel und Kuhl nicken. Sie haben jetzt DIN-A4-Blöcke auf dem Schoß und schreiben mit. Sie lassen Müller erst einmal reden. "Ich kann mit Leuten umgehen", trumpft Müller auf. "Ich habe viel Erfahrung. Ich bringe die Leute in Arbeit." Wenn er einer Firma einen Arbeitslosen vermittelt, kassiert er 2000 Euro Provision. 30 Firmen sind jetzt schon Stammkunden von ihm, es sollen mehr werden. Wenn er erst das nötige Geld für ein eigenes Büro am Berliner Tor und die "Bürodame" als Anschubfinanzierung bekommt. Die Kreditvermittler nicken, Müller fühlt sich bestätigt. Nicht mehr lange. Denn jetzt stellen die Geldgeber unbequeme Fragen.

Wem gehört die Wohnung? "Meiner Freundin", sagt Müller. Dürfen wir Sie fragen, wie lange Sie schon in dieser Partnerschaft leben? Seit einem Jahr, und seit fünf Monaten in einer Wohnung. Hat Ihre Freundin Kinder? Nein. Haben Sie Kinder? Ja, einen Sohn aus seiner geschiedenen Ehe, 200 Euro Unterhalt zahlt Müller im Monat. Wie hoch ist ungefähr Ihr Kontostand? 7500 Euro. Wie hoch sind Ihre privaten Ausgaben im Monat? 1500 Euro. Würde Ihre Freundin für Sie bürgen? Natürlich! "Ich habe kein Eigentum", sagt Müller und wischt sich über die Stirn. Die Kreditvermittler wollen seinen Ausweis sehen, die Gewerbeanmeldung und einen Businessplan. Den Schufa-Eintrag und seine Einnahmen aus den vergangenen Monaten hat Herr Müller nicht zur Hand. Ist aber kein Problem, versichert er. Das reiche er nach. "Noch einen Keks? Nehmen Sie ruhig", sagt Herr Müller und versucht sich wieder im Lächeln. Nein danke. 8000 Euro hätte Herr Müller gerne von Schadwinkel und Kuhl, 7,5 Prozent Zinsen müsste er darauf zahlen. Das ist kein Schnäppchen, aber besser als gar kein Kredit. "Wir hören voneinander. Demnächst", sagt Steffen Kuhl zum Abschied.

Wenn ein Landwirt in Uganda einen Mikrokredit beantragen möchte, wird er ebenfalls überprüft. Eine Buchführung, eine betriebswirtschaftliche Auswertung, gibt es in Entwicklungsländern nicht. Die Geldgeber laufen das Feld des Bauern ab, um die Fläche und den Ertrag zu ermitteln. Sie zählen das Saatgut, die Geräte. Ist es ein Cola-Händler, der Geld benötigt, zählen die Kreditvermittler seinen Cola-Dosen-Bestand und schauen sich persönlich um, ob es noch andere Getränkehändler in der Nähe gibt. Der Rest ist Vertrauen. Eine Alternative, an Geld zu kommen, haben kleine Unternehmer in Dritte-Welt-Ländern kaum: Außer den - oft staatlich geförderten - Mikrokreditgebern gibt es jede Menge private Geldverleiher, die mit Wucherzinsen ihre Gläubiger ruinieren.

Für die deutschen Banken lohnen sich kleine Kredite schlichtweg nicht: Die Summen sind zu gering, die Personalkosten viel zu hoch. Bis zu 3000 Euro fallen für Analyse, Risiko und Betreuung an - zu viel für einen Kredit, der manchmal genau so groß ist wie die Fixkosten. Die Finanzkrise hat die Kreditinstitute noch skeptischer gemacht.

Wer als Unternehmer Geld braucht, muss in die Bankfiliale gehen. Dort gibt der Berater die Personendaten in einen Computer ein. Ein Scoring-System erledigt den Rest: Das System analysiert anhand der Daten, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Kreditnehmer den Kredit zurückzahlt. Ausschlusskriterien: Schulden, häufige Wohnortswechsel, Schufa-Einträge, falsche Branche. Gastronomen zum Beispiel haben bei herkömmlichen Banken kaum eine Chance - zu groß ist laut Statistik das Pleite-Risiko. Der Ansatz der GFA ist anders: Die Banken haben das falsche Bewertungssystem, sagen Schadwinkel und Kuhl. Wer beim Unternehmer und seiner Persönlichkeit ansetze, komme auf ein niedrigeres Ausfallrisiko. Der Rest sei Vertrauen.

Dreimal schon haben Marret Schadwinkel und Steffen Kuhl Kunden ihr Vertrauen ausgesprochen. Sie haben Geld an einen Sanitär-Installateur ausgezahlt, der einen Auftrag vorfinanzieren wollte. Sie unterstützen eine Architektin und einen Silberbesteck-Händler. Sie alle müssen ihren Kredit binnen 24 Monaten zurückzahlen. Die Fälle eines Tischlers, einer Samba-Lehrerin und einer Nagelstudio-Betreiberin sollen demnächst vor das Kreditkomitee kommen, zur Abstimmung.

Ein paar Tage nach dem Kundengespräch mit Herrn Müller tagt in einem verglasten Büro der GFA die Finanzberatergruppe. Es gibt Kekse und Mineralwasser. Auf dem Tisch liegt der Kreditbericht. Darin steht: "Herr Müller macht einen freundlichen und engagierten Eindruck."

"Gut, fangen wir an", sagt Steffen Kuhl. Außer Marret Schadwinkel sind noch zwei Kollegen anwesend, ein Mann und eine Frau. "Warum habt ihr sein Unternehmerprofil nur als mittelmäßig bewertet?", will der Kollege wissen. "Herr Müller wirkt manchmal zu engagiert", sagt Marret Schadwinkel. "Wir mussten immer nachbohren. Bei den privaten Schulden war er nicht richtig offen zu uns."

Als Schadwinkel die Schufa-Auskunft von Herrn Müller durchlas, stieß sie auf einen Konsumkredit in Höhe von 20 000 Euro. Im Gespräch hatte Müller nichts davon erwähnt. Schadwinkel und Kuhl haben auch noch einmal die privaten Lebenshaltungskosten nachgerechnet. "Müller selbst hatte kein Gefühl dafür", sagt Schadwinkel. Nicht 1500, sondern fast 2000 Euro benötigt Müller im Monat, fanden die Kreditgeber heraus.

Andererseits ist Müllers Geschäftsmodell schlüssig, es gibt im Moment den Bedarf an Fachkräften. Müller ist auch in seiner Buchführung gründlich. "Und wie sieht es mit den Sicherheiten aus?", fragt der Kollege. "Er sagt, dass seine Freundin für ihn bürgt", sagt Kuhl. Die Runde einigt sich schließlich darauf, dass Müller den Kredit bekommen soll. Bedingung: Die Freundin bürgt. "Gut, dann haben wir's", sagt Steffen Kuhl.

Am Tag nach dem Kreditkomitee meldet sich Herr Müller bei Steffen Kuhl. Nein, seine Freundin wolle nun doch nicht bürgen. Aber ein "Kumpel". Kuhl telefoniert dem "Kumpel" eine Woche hinterher. Als er den Mann erreicht, sagt der: Nein, ich bürge nicht. Damit steht fest, dass Müller von der GFA keinen Kredit bekommt.

Sowohl in den Entwicklungsländern wie auch in Deutschland werden die Kredite mit Bürgschaften aus dem Umfeld abgesichert. Die klassische Variante des Mikrokredits ist ein Gruppenkredit: Mehrere Menschen bekommen Geld und zahlen es gemeinsam zurück. Kann einer nicht zahlen, müssen die anderen mehr Geld geben. Dieses Modell wird in Deutschland nicht angeboten. In Afrika sitzt der Stammesälteste bei den Kreditgesprächen mit dabei. Wenn der Kreditkandidat über sich unwahre Angaben macht, wird er in der Dorfgemeinschaft geächtet.