Debatte

Stadtteilschule, nein danke

Bringt die Schulreform Vorteile? Was ist gut an einer Stadtteilschule?

Momentan, in der Zeit des Überganges und fühlbar für viele: nichts.

Schulklassen mit 27 Schülern müssen zusätzliche Schüler aufnehmen. In 10. Realschulklassen sitzen teilweise 31, in 6. Klassen 30 Schüler. Räume zur Differenzierung oder Gruppenarbeit stehen längst nicht überall zur Verfügung. Zusätzliche Förderlehrer gar nicht. Die Erstellung eines funktionierenden Einsatzplans für 90 Lehrer, die an drei Standorten einer Stadtteilschule arbeiten, ist eine logistische Höchstleistung.

Die Leitung einer solchen Schule wird zum Abenteuer.

Im Süden Hamburgs zum Beispiel werden drei Kilometer entfernt von den Klassen 9 und 10 die Klassen 5 bis 8 unterrichtet. Die zugehörige Oberstufe, zurzeit noch ein auslaufendes Aufbaugymnasium, befindet sich wiederum vier Kilometer entfernt. Und das wird sich nicht, wie ursprünglich geplant, 2011 ändern. Der von der Behörde verhängte Baustopp bis Dezember macht die rechtzeitige Fertigstellung der 14 fehlenden Klassenräume unmöglich.

Pro Standort bilden drei Lehrkräfte eine sogenannte Standortleitung. Der Schulleiter residiert an jedem Standort je einen Tag in der Woche, die übrige Zeit reist er herum. Um den Unterricht überall abdecken zu können, müssen zahlreiche Lehrkräfte zwischen den Einsatzorten pendeln. Wenn ein Lehrer an allen drei Schulen eingesetzt ist, ist die Chance, seinen Schulleiter und die Kollegen außerhalb von Gesamtkonferenzen zu Gesicht zu bekommen, nicht groß. Wo bleibt die Zeit für nötige Absprachen im Kollegium oder gar Erholung, wenn die Pausen im Auto verbracht werden? Wann und wo erreichen Eltern die Lehrer?

Die Enquete-Kommission hatte 2007 ein Schulsystem mit zwei Säulen empfohlen. Gymnasien und Stadtteilschulen sollen Schüler in zwölf, beziehungsweise 13 Jahren zum Abitur führen. Eine Situation wie die aktuelle hat sich damals niemand träumen lassen. Erfolgreiche und überschaubare Haupt- und Realschulen mussten mit entfernten Standorten fusionieren, um riesige Stadtteilschulen zu werden. Diese sollen weit über 1000 Schüler an mehreren Standorten versorgen und fangen konzeptuell ganz von vorn an. Hunderte von Schülern mussten dafür in andere Schulen umziehen.

Durch die zwangsweise "Umtopfung" an eine andere Schule fühlen sich die meisten entwurzelt. Lehrer können damit besser umgehen als Schüler.

Entwurzelte Schüler sind nicht loyal, fühlen sich nicht solidarisch mit ihrer Schule. Sie rebellieren. Manche innerlich, viele spürbar für alle. In die Schülerschaft ist mancherorts ein Klima voller Unruhe, Aggression und schlechten Benehmens eingekehrt. Eine ehemals intakte Schule hat es plötzlich nicht nur mit extrem leistungsschwachen Schülern, sondern auch mit extrem asozialem Verhalten einiger zu tun, was vorher höchstens vereinzelt vorkam. Wenn 14-Jährige in der siebten Klasse sitzen, kann sich jeder vorstellen, was die für Themen haben. Der Lehrer fängt wieder bei Adam und Eva an, und es kostet Zeit, solche demotivierten Schüler zum Lernen zu bringen. Dabei geht es noch nicht einmal um das Erreichen von Lernzielen, sondern lediglich darum, Unterricht überhaupt zu ermöglichen.

Schüler eines Gymnasiums sind mit dieser Klientel nicht zu vergleichen. Das merken besonders die Gymnasiallehrer, die jetzt erstmals solche Kinder unterrichten müssen. "Dafür bin ich nicht ausgebildet!" war ein Beitrag auf einer Gesamtkonferenz. "Dafür" ist leider kein Lehrer ausgebildet.

Stadtteilschüler brauchen langfristig konstante und konsequente Führung. Besonders die Jungen brauchen Regeln und Lehrer, an denen sie nicht vorbeikommen. So kämpft die neue Stadtteilschule um ihren Geist. Wenn es ihr nicht gelingt, ein positives Bild zu schaffen und das Schulleben für alle Beteiligten erträglich zu gestalten, werden die Eltern davonlaufen. Nebenbei sollen die Lehrer ein werbewirksames Schulprofil konstituieren, um mit Schulen konkurrieren zu können, die einfach da anknüpfen, wo sie vor der Reform standen.

Das geflügelte Wort, wenn es wieder mal nicht weitergeht, ist dieses Schuljahr "Das lösen wir pragmatisch". Irgendwie wursteln sich die neuen Stadtteilschulen learning by doing durch den Start. Alle, die daran beteiligt sind, erleben diese Schulreform hautnah, über Gebühr belastend und bisher wenig positiv.

Bis jetzt richtete sich das gesamte Augenmerk der Reform auf die Einrichtung von Primarschulen. Lassen Sie uns hoffen, dass dieselbe Energie und ausreichend Ressourcen sich jetzt auf das Gelingen der Stadtteilschulen konzentrieren werden.

Wann?